Osnabrück Kokain und ein Verdacht: Das verbirgt sich hinter dem Rückzug von Manuel Gava
Kokain im Bundestag: Mit Recherchen unserer Redaktion konfrontiert, gesteht der Osnabrücker Abgeordnete Manuel Gava regelmäßigen Drogenmissbrauch. Eine Geschichte über Druck in der Bundespolitik und den Fall eines Hoffnungsträgers.
„Alleiner kannst du gar nicht sein“: So heißt ein Buch, das der Zeit-Journalist Peter Dausend über Bundestagsabgeordnete geschrieben hat. Der Untertitel: Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst. Der Osnabrücker Abgeordnete Manuel Gava sagt, er habe es neulich noch mal gelesen und sei erschüttert gewesen, wie sehr er sich darin wiedererkannt habe. Er hat Tränen in den Augen. Es wirkt wie ein ehrlicher Moment.
Es ist Donnerstagabend, einen Tag, nachdem Gava dem Vorstand der Osnabrücker SPD erklärt hat, dass er nicht erneut für den Bundestag kandidieren werde. Osnabrück ist der Heimatwahlkreis von Verteidigungsminister Boris Pistorius. Lange hatte die SPD-Größe offen gelassen, ob sie selbst hier antreten wollen würde. Pistorius geht nun in Hannover ins Rennen. Und Gava? Er zieht sich plötzlich zurück.
“Gesundheitliche Gründe” nannte die SPD als Grund. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Mit unserer Redaktion spricht Gava über die Hintergründe seines Verzichts. Auch der Berliner Tagesspiegel nimmt an diesem Gespräch teil.
“Ich habe Scheiße gebaut”, sagt der 33-jährige Abgeordnete. Er habe den Druck im Berliner Politikbetrieb nicht ausgehalten und über eine mehrmonatige Phase von Sommer bis Ende 2023 “mit einer gewissen Regelmäßigkeit” Kokain konsumiert.
Was er erzählt, spiegelt wider, welche enorme Erwartungshaltung selbst auf Hinterbänklern im Bundestag lastet. Und wie schwer es ist, dem Mandat gerecht zu werden, ohne daran zu zerbrechen.
Gava kam 2021 als junger Neuling in den Bundestag, nachdem er dem CDU-Platzhirsch und innenpolitischen Sprecher der Unionsfraktion, Mathias Middelberg, überraschend das Direktmandat im Wahlkreis Osnabrück streitig gemacht hatte. Der in Italien geborene Hauptschulabsolvent Gava galt als Hoffnungsträger für die Nordregion. Seine Geschichte war bisher die eines Aufstiegs. Seine Vita bewies, dass man es auch ohne Abi und Juraabschluss in Berlin schaffen kann. Nun könnte sie gelesen werden als Lehrstück über den Fall eines Shootingstars in harten Berliner Politikbetrieb.
Er sei nicht drogensüchtig, betont Gava. Als maximale Tagesdosis nennt er “zwei bis drei Lines”. Er habe den Konsum kontrollieren können, gesteht aber ein: “Kontrolle ist relativ.”
Seinen Kokainmissbrauch enthüllt der 33-Jährige zu diesem Zeitpunkt nicht aus freien Stücken. Er gibt ihn zu, als er sich aufgrund von Recherchen unserer Redaktion nicht mehr leugnen lässt. Zwei Tage vor seinem Rücktritt erfuhr die Osnabrücker SPD und damit ihr Bundestagsabgeordneter, dass Gavas Geheimnis keines mehr war - und dass unsere Redaktion die Veröffentlichung einer langen Recherche plant. Gerüchte um einen möglichen Drogenkonsum gab es parteiintern zwar bereits seit über einem Jahr. Aber niemand hatte Beweise.
Unsere Recherche zeichnet das Bild eines Menschen, der mit dem festen Willen, etwas zu ändern, in Berlin gestartet ist – und dann abrutschte. Der, um dem Druck standzuhalten, Kokain konsumierte, gesundheitlich immer angeschlagener wurde, seine Arbeit vernachlässigte und nach und nach die Unterstützung innerhalb der Partei verlor.
Zudem steht ein weiterer Verdacht im Raum: dass Gava womöglich eine erfundene Krankheitsdiagnose vorgeschoben hat, um die körperlichen Folgen seines Drogenkonsums zu kaschieren. Im September hatte sich der Abgeordnete an die Öffentlichkeit gewandt und erklärt, an der Autoimmunerkrankung Lupus zu leiden. Die Krankheit sei der Grund für offensichtliche optische Veränderungen in seinem Gesicht und kurzfristige Terminausfälle.
Unsere Redaktion bat Manuel Gava zwei Tage vor dem Gespräch um Unterlagen, die seine Lupus-Erkrankung nachweisen. Doch als er am Tisch Platz nimmt, hat er nur sein Handy dabei. Darauf befinde sich kein Arztbrief, sagt er.
Seit dem Sommer 2023 habe er mit Lupus-Auswirkungen zu kämpfen gehabt, eine Diagnose aber erst viel später erhalten. Auch um die Schmerzen zu betäuben, habe er Koks konsumiert.
Die Berliner Politikszene sei ein Umfeld, in dem es leicht sei, mit Koks in Berührung zu kommen, erzählt Gava. Der SPD-Abgeordnete findet, er sei trotz der Drogen arbeitsfähig gewesen. Er habe nie im Bundestagskontext, „nie auf Terminen oder vor Reden im Plenum“ gekokst.
Betrachtet man auf der Webseite des Bundestags Gavas Abstimmungsverhalten, wird klar, dass er immer weniger anwesend war ab dem Sommer 2023. Er ließ Reden ausfallen und seine Mitarbeiter allein auf Terminen stehen. Für diese Ausfälle macht Gava explizit seine Lupus-Erkrankung verantwortlich.
Unserer Redaktion beschreibt er eine Vielzahl an Symptomen: unstillbares Nasenbluten, Wunden und Hauterkrankungen sowie eine bleierne Fatigue, die ihn teilweise von einem Moment auf den anderen umgeworfen habe. Im Februar 2024 habe er einen epileptischen Anfall erlitten, der ihn in eine Klinik führte. Fast den gesamten Mai habe er im Krankenhaus gelegen. Er zeigt Fotos seiner verletzten Haut und seiner Nase - aber keinen Beleg für die Diagnose.
Krankheiten gehören zwar zur schutzbedürftigen Privatsphäre eines Menschen. Das gilt auch, wenn er im Scheinwerferlicht steht. Allerdings wählte der Bundestagspolitiker selbst den Weg an die Öffentlichkeit.
Dass seine politische Karriere nun mit diesem tiefen Fall endet, ist auch für die Osnabrücker SPD der denkbar schlechteste Ausweg. Der Vorstand hatte versucht, einen Gegenkandidaten ins Rennen zu schicken. Doch weil einige Delegierte offenbar die Hintergründe nicht kannten, gewann Gava die Kampfabstimmung.
Am Donnerstag vergangener Woche (28. November) bittet unsere Redaktion Gava, schriftliche Belege wie Arztbriefe für seine Lupus-Erkrankung vorzulegen oder einen behandelnden Arzt von der Schweigepflicht uns gegenüber zu entbinden. Dafür geben wir ihm vier Tage Zeit. “Ich hab’s verstanden”, sagt Gava. Er weiß, dass wir ansonsten davon ausgehen, dass es sich um eine Lüge handelt.
Wir warten vergebens.