Osnabrück Zeitenwende für die Kultur: Berlin vor drastischen Budgetkürzungen
Berlin wird gern kritisiert. Als Kulturmetropole besitzt die Bundeshauptstadt aber internationale Ausstrahlung. Ist das bald nur noch Geschichte? Berlin kürzt das Kulturbudget empfindlich. Ein Überblick.
Wäre sie künftig lieber in Hengasch als in Berlin? „Niemand wird hier mehr leben wollen und können in Berlin“, warnt Caroline Peters. Die Schauspielerin ist am Wiener Burgtheater engagiert, blickt auf Zeiten an Berliner Schaubühne und Volksbühne zurück. Als TV-Kommissarin ermittelte sie zwischen 2008 und 2014 in der Serie „Mord mit Aussicht“ in dem fiktiven Eifel-Örtchen Hengasch. Was lässt sie jetzt so verzweifeln? Berlin plant die tiefsten Einschnitte in das Kulturbudget seit langem. 130 Millionen Euro soll die Kultur einsparen. Das macht zwölf Prozent ihres Budgets auf einen Schlag. Caroline Peters reagiert mit einem offenen Brief, andere Kulturmacher mit Protestmärschen und Traueranzeigen.
Das Publikum hat gerade mit den Füßen abgestimmt. Am ersten Advent 2024 bildeten sich lange Schlangen vor den Museen. Der Museumssonntag bei freiem Eintritt ist eine Berliner Institution seit 2021. Der vierte Museumssonntag wird wohl der letzte gewesen sein. Auch er soll eingespart werden.
Drei Millionen soll zum Beispiel das Deutsche Theater einsparen, zwei Millionen die Volksbühne, gleich 15 Millionen die Stiftung Oper, zu der sich 2004 Deutsche Oper Berlin, Komische Oper Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Staatsballett Berlin und der Bühnenservice Berlin zusammengefunden haben. Neben diesen Etatklötzen nehmen sich die 300.000 Euro, mit denen das seit der Revue „Linie 1“ berühmte Grips-Theater künftig weniger auskommen soll, moderat aus – auf den ersten Blick. Der im Vergleich kleine Etat würde das Kinder- und Jugendtheater gleichwohl hart treffen.
Auf der Liste der linearen Etatkürzungen stehen alle Akteure der Berliner Kultur – von der freien Szene bis zu den Schlössern und Gärten. Die Stiftung für Kulturelle Beratung soll gar ganz abgewickelt werden. Die Reaktion kommt unisono: In den betroffenen Häusern soll das Programm gekürzt werden, kleinere Einrichtungen befürchten gar das endgültige Aus.
Warum treffen diese Etatkürzungen vor allem Theater so hart? Weil ihre Budgets mit Personalkosten weitgehend festgelegt sind. Nur zwischen zehn und 20 Prozent eines Theaterbudgets stehen für die Produktionen zur Verfügung. Ein Ensembletheater mit einem weit aufgefächerten Repertoire – das in Deutschland dominierende Modell – kann nur mit hohen Fixkosten arbeiten. Zeit für einen Mentalitätswechsel? Während Theater weitgehend von den Zuschüssen der öffentlichen Hand abhängig sind, wird das Angebot in Museen und bei vielen Festivals anders finanziert. Hier wird mehr mit sogenannten Drittmitteln von Sponsoren und Stiftungen gearbeitet – bei allerdings auch weitaus kleinerem Personalstand.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) fordert von den Theatern bereits einen Mentalitätswechsel. Bühnen könnten nicht mit immer mehr „Geld vom Staat“ rechnen, sagte Wegner und kündigte zugleich an, Kürzungen punktuell anzupassen. Die geplanten Einsparungen sollen als Gesamtbetrag aber bleiben. Dabei bringen es die Kulturausgaben Berlins nur auf etwas über zwei Prozent des Gesamtetats.
Steht Berlin damit vor einer Triage der Kulturbetriebe, vor ihrer Einteilung nach dem Kriterium der Systemrelevanz? Die gern als „Spree-Athen“ titulierte Hauptstadt riskiert mit den Einsparungen jedenfalls einen gravierenden Imagewechsel. Arm, aber sexy: Klaus Wowereit, zwischen 2001 und 2014 Regierender Bürgermeister, prägte den Spruch, der Berlins finanzielle Malaise in einen koketten Werbespruch umdrehte. Berlin, der Raum der kreativen Möglichkeiten? Dieses Bild könnte bald der Vergangenheit angehören, monieren Kritiker der Sparmaßnahmen.
Die Etatkürzung wird den Kulturbetrieb unter einen letztlich heilsamen Veränderungsdruck setzen – so die andere Meinung zu den bevorstehenden Kürzungen. Die stehen womöglich auch in weiteren Städten an. Köln etwa plant noch massivere Einschnitte in die Kulturfinanzierung, als sie jetzt in Berlin vorgesehen sind. Nach Jahren steigender Kulturetats könnte sich damit ein Richtungswechsel ankündigen.
Die Frage lautet: Welche Kultur soll es künftig sein? Mit dem Verteilungskampf wird wohl auch der Richtungsstreit eröffnet sein. Berlins Regierendem Bürgermeister Wegner ist anzukreiden, dass er die Budgetkürzungen nicht mit einer Strukturdebatte verknüpft. Der mit viel Vorschusslorbeeren gestartete und bereits als möglicher Nachfolger von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Die Grünen) gehandelte Kultursenator Joe Chialo (CDU) hat nicht nur den Kampf um das Geld verloren. Er bleibt auch die programmatische Antwort schuldig.
Es wäre seine zentrale Aufgabe, das Gespräch über Berlins Kultur, ihre Richtung, ihre Schwerpunkte anzuleiten. Er müsste der Szene jetzt Signale der Zuversicht geben. Genau die bleiben bislang aus. Dabei müsste genau jetzt aufgezeigt werden, warum Kultur in einer gespaltenen Gesellschaft so wichtig ist – und ihre finanzielle Unterstützung gerechtfertigt.