Lübeck HIV-positiv: Wie das Virus das Leben von Sarah Salvador veränderte
Sarah Salvador war gerade 27 Jahre alt, als die Diagnose „Aids“ all ihre Lebenspläne zunichtemachte. Dass sie einmal Mutter werden würde, war für sie undenkbar, mit einer Lebenserwartung von fünf Jahren. Wie sie 30 Jahre später über ihr Leben mit dem Virus denkt und anderen Erkrankten hilft.
„Sie haben AIDS.“ Sarah Salvador erinnert sich noch sehr gut an den Moment, als mit den drei Worten des Arztes ihre Welt zusammenbrach und ihre Träume platzten. Eigentlich war die damals 27-Jährige nur wegen einer nicht heilen wollenden Lungenentzündung zum Arzt gegangen, der Test sei eher Routine gewesen.
„Ich war mir sicher, dass der nicht positiv sein kann, weil ich mich erst im Sommer zuvor getestet hatte“, sagt sie. Das war kurz nachdem sie vergewaltigt worden war. Was Sarah damals nicht wusste: Unmittelbar nach einer Ansteckung ist das Virus noch nicht nachweisbar im Blut.
Der Arzt sagte ihr, sie habe noch eine Lebenserwartung von gut fünf Jahren. Das war im Februar 1994. Für die 27-Jährige veränderte die Diagnose alles. „Mein erster Gedanke war: Jetzt kann ich keine Kinder mehr kriegen und keine Familie gründen“, erinnert sie sich. Ihre Mutter hatte eine Stelle für die bis dahin lebenslustige und reisefreudige junge Frau als Au-Pair in Mexiko organisiert. „Aber daran war für mich nicht mehr zu denken. Heute würde ich das anders machen, aber damals erschien mir all das sinnlos.“
Obwohl ihr Freund, ihre Mutter und Schwester zu ihr hielten, gab sie sich selbst auf, brach sogar die Umschulung zur Reiseverkehrskauffrau ab. Schlechte Erfahrungen mit Ärzten taten ihr Übriges. „Ich fühlte mich schmutzig“, sagt sie. „Ich bin in Panik geraten, wenn ich mich in den Finger geschnitten hatte und andere dabei waren und mir helfen wollten. Das war für mich ganz schlimm. Deswegen wollte ich auch nichts mehr mit anderen Menschen zu tun haben.“ Gut sechs Jahre habe sie gebraucht – und den Umzug nach Heiligenhafen – um mit neuen Ärzten, einer Therapie und neuem Umfeld wieder Lebensmut zu fassen.
„Eine Psychotherapie habe ich dringend gebraucht, das merkt man selber leider erst viel zu spät“, weiß sie heute. Der neue Arzt in Lübeck habe ihr „endlich mal HIV erklärt“ und sie mit Medikamenten versorgt. Auch habe sie dank des Arztes Kontakt zur Frauengruppe der AIDS-Hilfe Lübeck. Ihr psychischer Zustand verbesserte sich seitdem erheblich, sie öffnete sich der Welt wieder und lernte einen neuen Freund kennen.
Und dann passierte das, was sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: Sie wurde schwanger und brachte ihre Tochter mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Heute, so sagt sie, sei es möglich, Babys trotz HIV-Infektion auch auf natürlichem Weg zu entbinden und auch selbst zu stillen. Beides blieb Sarah Salvador damals verwehrt. Die ersten eineinhalb Jahre wurde ihre Tochter regelmäßig getestet, bis die Ärzte ihr mit Gewissheit sagen konnte, dass sie das Virus nicht auf ihr Kind übertragen hatte.
Heute blickt die 58-Jährige ganz anderes auf das Thema HIV und geht selbstsicher damit um. Sie lebe mit ihrer mittlerweile 20-jährigen Tochter ein erfülltes Leben und engagiere sich ehrenamtlich. So ist sie beispielsweise im Vorstand der Aidshilfe Lübeck. Rückblickend hätte sie sich damals jemanden gewünscht, der ihr fachlich und mit eigener Erfahrung zur Seite gestanden hätte. Heute ist sie selbst ein sogenannter „Buddy“, wie die Ehrenamtler mit HIV bei der Lübecker Aidshilfe genannt werden, um mit ihrer Lebensgeschichte anderen HIV-Erkrankten zu helfen und ihren eigenen Leidensweg der ersten sechs Jahre nach der Diagnose zu ersparen. „Ich bin schon länger HIV-positiv, als ich nicht positiv bin. Mit dem Wissen von heute, hätte ich ganz anders gelebt.“