Hamburg  Fast nur Bücher von toten Männern – ist der Deutschunterricht noch zeitgemäß?

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 30.11.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im aktuellen Deutschabitur dominieren Klassiker aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Foto: dpa/Jan Woitas
Im aktuellen Deutschabitur dominieren Klassiker aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Foto: dpa/Jan Woitas
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Der Deutschunterricht steht vor großen Herausforderungen, doch echte Veränderungen bleiben oft aus. Warum veraltete Klassiker und absurde Genderverbote die Debatte dominieren – und wie die Inhalte wirklich entschieden werden.

Goethe, Schiller, Kleist oder Kafka – im Deutschunterricht müssen Schüler vor allem Texte von toten Männern lesen. Ist das noch zeitgemäß und wer entscheidet überhaupt, welche Literatur auf dem Lehrplan steht? Christian Plien, 1. Bundesvorsitzender des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband, klärt auf. 

Frage: Herr Plien, Kritiker bemängeln, dass im Deutschunterricht vor allem Werke von „toten, weißen Männern“ gelesen werden. Für das Deutsch-Abi 2025 stehen wieder Goethe und Co. auf der Liste. Ist das noch zeitgemäß?

Antwort: Die Kritik ist berechtigt. Für die kommenden Abiturprüfungen stehen Texte aus dem 19. und 20. Jahrhundert im Vordergrund. Diese sind immerhin etwas näher an Schüler*innen als Texte aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Aber es ist grundsätzlich wünschenswert, dass mehr weibliche und diverse Stimmen in den Deutschunterricht einfließen. Es gibt zwar erste Ansätze, etwa mit der Aufnahme von Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ in den Abiturvorgaben, aber diese Beispiele bleiben die Ausnahme. Moderne Literatur aus dem 21. Jahrhundert wird zu selten berücksichtigt. Dabei ist es wichtig, dass Jugendliche sich auch in den Texten wiederfinden. Es geht nicht darum, Klassiker wie Goethe oder Schiller zu ersetzen, sondern sie durch zeitgenössische Literatur zu ergänzen. Zudem sollten Bücher ausgewählt werden, die gesellschaftliche Themen wie Migration, Diversität oder Geschlechterrollen aufgreifen. Außerdem ist es zentral, dass der Deutschunterricht Literatur zur Holocaust-Erinnerung aufgreift.

Frage: Wer entscheidet überhaupt, was gelesen wird?

Antwort: Die Kultusministerkonferenz gibt mit den Bildungsstandards einen allgemeinen Rahmen vor, den die Bundesländer mit ihren eigenen Kerncurricula konkretisieren. Dieser Standard gilt oft Jahre. Wie die Länder vorgehen, ist sehr unterschiedlich: In Niedersachsen ist die Literaturliste vergleichsweise breit und lässt Lehrkräften viel Freiraum. Auf der Liste stammen allerdings weniger als fünf Prozent der empfohlenen Texte aus den 2000er-Jahren. In Sachsen hingegen sind die Vorgaben deutlich enger und der Fokus liegt auf klassischen Werken. 

Frage: Welchen Spielraum haben die Schulen und die Lehrer?

Antwort: Die Schulen entwickeln ihr eigenes Schulcurriculum und die Lehrer treffen am Ende die Textauswahl abhängig von der Liste des Landes. Klassensätze, die bereits an der Schule vorhanden sind, und didaktisch aufbereitete Materialien spielen eine große Rolle. Es gibt fraglos viele engagierte Lehrkräfte, die einen innovativen Deutschunterricht bieten. Manche Lehrkräfte machen es sich allerdings einfach und greifen auf Werke zurück, die sie schon vorbereitet haben. Das erschwert es, moderne Texte, die die Lebensrealität der Schüler besser abbilden, einzubringen.

Frage: Bundesländer entscheiden nicht nur über die Texte, die gelesen werden. Einige entscheiden auch, wie gesprochen und geschrieben wird. In Bayern oder Sachsen bestehen etwa Genderverbote. Welche Auswirkungen haben solche Regelungen auf den Deutschunterricht?

Antwort: Genderverbote sind kontraproduktiv. Solche Regelungen, wie sie etwa in Bayern oder Sachsen bestehen, wirken sich direkt auf den Unterricht aus. Das starre Festhalten am generischen Maskulinum wird der gesellschaftlichen Vielfalt nicht gerecht. Besonders kritisch ist, dass solche Verbote auch in der Kommunikation und in Klausuren durchgesetzt werden. In Sachsen-Anhalt und Hessen werden Verstöße sogar als formale Fehler gewertet, was sich auf die Benotung auswirken kann. Das ist absurd. Im schlimmsten Fall kann ein Schüler oder eine Schülerin wegen eines Gendersternchens eine schlechtere Abiturnote erhalten. Diese rigide Haltung behindert eine ausgewogene Debatte, die eigentlich im Deutschunterricht geführt werden könnte. 

Frage: Ist im Deutschunterricht Zeit für solche Debatten?

Antwort: Im Deutschunterricht sollen heute viele Fragen thematisiert werden. Die Genderfrage ist nur eine davon; Medienkompetenz, Sprachkompetenz oder auch der Umgang mit KI gehören ebenfalls dazu. Das überfrachtet den Unterricht. Mit den wenigen Stunden, die zur Verfügung stehen, kann all das nicht in der nötigen Tiefe behandelt werden. Themen wie eben die Medienkompetenz sind wichtig, aber sie müssen auch von anderen Fächern wie Politik oder Geschichte mitgetragen werden.

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