Osnabrück  Cornelia Funke im Interview über Mut, Magie – und ein unerwartetes Wiedersehen

Arlena Schünemann
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Von Arlena Schünemann
| 06.12.2024 06:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 13 Minuten
Sie ist eine Geschichtenerzählerin und eine Gestaltwandlerin, sagt Cornelia Funke über sich selbst. Foto: dpa/Helmut Fricke
Sie ist eine Geschichtenerzählerin und eine Gestaltwandlerin, sagt Cornelia Funke über sich selbst. Foto: dpa/Helmut Fricke
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Bücher wie „Tintenherz“, „Drachenreiter“ und „Herr der Diebe“ haben Cornelia Funke weltberühmt gemacht. Im Interview erklärt sie, warum Kinderbücher auch ernste Themen brauchen. Und sie verrät, wie es um eine filmische Fortsetzung von „Die Wilden Hühner“ steht.

Die Bücher von Cornelia Funke werden auf der ganzen Welt gelesen. Die 65-Jährige gilt als erfolgreichste deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin. Auf ihrem Hof in der Toskana nimmt sie sich Zeit für ein Online-Interview. Noch vor der ersten Frage schlägt sie das Du vor, denn gesiezt werden mag sie so gar nicht, wie sie sagt. Zwischen Bäumepflanzen und Bücherschreiben spricht sie über die Magie in unserer Welt, über eine Geschichte, die plötzlich da war, und über eine Romanfigur, die nach ihrer Hautfarbe benannt ist.

Frage: Cornelia, im Sommer hast Du bei einer Veranstaltung in Potsdam erwähnt, dass Du an einer Fortsetzung von „Herr der Diebe“ arbeitest. Ist das wahr?

Antwort: Das stimmt leider. [lacht] Das ist durch einen Besuch in Venedig zustande gekommen. Ich sollte nicht nach Venedig fahren. Das ist immer gefährlich für mich. Denn natürlich sprang mich dort eine Geschichte an. Ich dachte aber, das wird eine Kurzgeschichte, die ich nebenbei schreiben kann. Eine Geistergeschichte, die in Venedig spielt.

Frage: Wieso leider? Und was ist dann passiert?

Antwort: Einige Wochen später saß ich in München am Flughafen und wartete auf meinen Flug nach Hause. Und während ich an dieser Geschichte schrieb, zeigte sie mir plötzlich eindeutig, dass sie keine Kurzgeschichte ist. Denn es tauchten die Figuren aus dem „Herrn der Diebe“ darin auf, und zwar auf eine – wie ich fand – sehr unvorhergesehene Weise. Zuerst wollte ich mich sträuben. Denn ich schreibe ab Januar den letzten „Reckless“-Band, das ist schon fest eingeplant. Da kann ich währenddessen kein anderes Buch gebrauchen. Aber jetzt ist diese Geschichte da und flüstert mir zu.

Frage: Wie geht es nun mit ihr weiter?

Antwort: Ich hoffe, dass ich beide Projekte balancieren kann. Allerdings ist diese venezianische Geschichte sehr mächtig. Ich glaube, das ist eine von den großen Geschichten, die einem begegnen. Ich habe mir vorgenommen, in den kommenden fünf Jahren diese beiden Bücher zu schreiben. Aber erstmal wird es um Jacob Reckless gehen.

Frage: In „Herr der Diebe“ hat man als Leser den Eindruck, dass die Magie in unserer Welt fast greifbar ist. Liegt das an den Kinderaugen? Oder ist das die Magie Venedigs?

Antwort: Eher die Magie Venedigs. Ich glaube, dass Erwachsene sie genauso spüren können wie Kinder. Manche Erwachsene verkneifen sich das aber. Kinder hingegen erlauben sich, Gestaltwandler zu sein. Sie können sich zum Beispiel vorstellen, eine der Tauben auf dem Markusplatz zu sein. Es erstaunt mich, wie sehr Erwachsene manchmal Angst vor der Vorstellung haben, jemand anderes zu sein.

Frage: Geht es Dir auch so? Du bist schließlich auch erwachsen.

Antwort: Ich bin ein ganz natürlicher Gestaltwandler. Mir ist das zum Glück nie abhandengekommen. Ich habe immer noch das Talent, alles so wie am ersten Tag zu sehen und vollkommen begeistert zu sein. Zum Beispiel, wenn ich morgens plötzlich eine besonders große Heuschrecke sehe. Mit meinen Büchern möchte ich auch meine Leser dazu ermutigen, die Augen zu öffnen – vor allem für die natürliche Welt. Wir sind sehr geübt darin, mit der U-Bahn zu fahren oder etwas im Internet zu suchen. Aber wenn man uns fragt, wie der Baum da drüben heißt, dann sind wir wahre Analphabeten. Das finde ich sehr erschreckend. Deswegen arbeite ich momentan sogar an einem Buch über Motten und Falter – gemeinsam mit einer ganz tollen Illustratorin. Das wird mein erstes Sachbuch sein.

Frage: Du lebst auf einem Hof in der Toskana, mitten in der Natur, und lädst regelmäßig junge Künstler zu Dir ein. Wie kann man sich das vorstellen? Wie eine große Künstler-WG?

Antwort: Es ist eher wie ein Dorf. Mein Hof hier, „Fraggina“, war mal eine Alabaster-Werkstatt. Im oberen Stockwerk wohne ich und unten gibt es vier kleine Wohnungen für die Künstler. Außerdem haben wir hier eine Gemeinschaftsküche, eine Bibliothek und Werkstätten. Aber inzwischen ist das Projekt so gewachsen, dass ich im Sommer einen zweiten, größeren Hof gekauft habe, „Mulinaccio“. Er ist etwa 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Dort gibt es weitere Wohnungen sowie Werkstätten für Illustratoren, für Malerei, Holzschnitt und Keramik. Wir wollen in Zukunft auch selbst Bücher binden. Wir nennen es unser Bücherlaboratorium. Auch unsere Umwelt und deren Schutz wird dort eine große Rolle spielen. Dabei arbeite ich mit jungen Künstlern und Naturschützern aus der ganzen Welt zusammen. Das ist eine erfüllte Art zu leben. Ich fühle mich sehr inspiriert.

Frage: Das klingt spannend. Was hast Du noch vor?

Antwort: Im kommenden Jahr möchte ich diesen zweiten Hof öffentlich machen. Dort kann man mich dann besuchen, sich seine Bücher signieren lassen, unser eigenes Olivenöl und die Werke der Künstler kaufen – und hoffentlich auch einen Spaziergang machen. Denn ich möchte einen wirklichen Ort erschaffen, an dem Menschen das finden, was sie jetzt schon in meinen Büchern finden. Ganz oft höre ich von Lesern: „Cornelia, ich bin zu Hause zwischen Deinen Worten.“ Auf meinen Lesereisen treffe ich oft Menschen, die mir erzählen, dass sie meine Bücher schon seit 20 Jahren lesen. Das berührt mich immer sehr. Man ist zusammen gereist, aber man hat sich nie gesehen. Ich hoffe, dass das durch den Hof in Zukunft formloser möglich sein wird – und nicht nur in langen Signierschlangen, wo man nur zwei Minuten Zeit zum Reden hat.

Frage: Vor 20 Jahren habe ich selbst „Die Wilden Hühner“ gelesen und später auch die Filme gesehen. Du hast zu Corona-Zeiten angekündigt, einen weiteren „Hühner“-Film machen zu wollen. Was ist daraus geworden?

Antwort: Stimmt. Ich habe mit meiner Freundin Gesa Engel ein Drehbuch für einen Film geschrieben, in dem die Hühner alle 30 Jahre alt sind. Doch als wir mit Sendern, unter anderem mit dem ZDF, über das Projekt gesprochen haben, haben wir schnell gemerkt, dass die Geschichte als Film nicht angemessen umgesetzt werden kann. Es gab zum Beispiel die Idee, den Film nur mit zwei Hauptfiguren zu machen. Aber das wollten wir auf keinen Fall. Bei den Wilden Hühnern ist es ganz wichtig, dass jede Einzelne ihre Geschichte bekommt. Also haben wir das Drehbuch zu einer Serie umgearbeitet. Fünf Folgen habe ich schon geschrieben, das Finale kommt noch. Es ist eine erste Staffel. Da werde ich nicht alle Fäden schließen, aber ich werde viele anreißen.

Frage: Und gibt es schon Pläne, wann die Serie verfilmt wird?

Antwort: Wir haben schon Verhandlungen aufgenommen. Aber die bisherigen Konzepte fanden wir furchtbar, weil sie den Hühnern überhaupt nicht entsprochen haben. Wenn wir diese Serie machen, dann muss sie auch den 30-Jährigen gefallen, die früher selbst die Bücher gelesen haben. Sie sollen bei der Serie sagen: Ja, das sind die Wilden Hühner! Damit wir das hinkriegen, wollen wir vor und hinter der Kamera mit Frauen zusammenarbeiten, die selbst in dem Alter sind – sodass die Serie auch wirklich denen gehört, um die es geht. Mit all den Themen und Träumen, die Frauen in diesem Alter beschäftigen: Will ich Kinder oder nicht? Bin ich in einer Beziehung oder nicht? Ich kann mich noch daran erinnern, wie sich für mich mit 30 viele Weichen gestellt haben.

Frage: Wie wollt Ihr denn sicherstellen, dass die Serie Euren Vorstellungen entsprechen wird?

Antwort: Der Plan ist, vorab einen kurzen Teaser zu drehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Serie aussehen und wie sie sich anfühlen soll. Wilma, die inzwischen eine erfolgreiche Schauspielerin ist, wird Trude in deren veganem Café in Hamburg besuchen. Wir haben die Hühner aber noch nicht gecastet und werden das auch noch nicht tun. Stattdessen werden wir sie erstmal nur von hinten zeigen. Diesen Teaser und meine sechs Folgen wollen wir dann bei Streamingdiensten und Sendern vorstellen. Und sagen: „So soll es aussehen, und ihr müsst mit jungen Künstlern zusammenarbeiten. Wenn ihr das nicht wollt, verkaufen wir nicht.“ Denn die Leidenschaft für „Die Wilden Hühner“ ist immer noch sehr groß. Das dürfen wir nicht verraten.

Frage: Auch Deine Tintenwelt-Reihe hat eine späte Fortsetzung bekommen. Vor gut einem Jahr ist der vierte Band, „Die Farbe der Rache“, erschienen – 16 Jahre nach dem dritten Teil. Wie ist das bei den Lesern angekommen?

Antwort: Es war wirklich überwältigend. Ich habe von sehr vielen Lesern gehört, dass sie das Buch genauso gut finden wie die vorherigen – oder sogar noch besser. Natürlich war ich nervös, dass die Leser enttäuscht sein würden. Denn mit einer schlechten Fortsetzung hätte ich auch die anderen Tintenwelt-Bücher beschädigt. Davor hatte ich große Angst. Aber die positiven Reaktionen zu sehen, all die Leidenschaft, das war sehr schön.

Frage: Die Tintenwelt-Bücher hast Du selbst illustriert. „Die Farbe der Rache“ sollte ursprünglich aber ein ganz anderes Cover erhalten – passend zu einer Neuauflage der gesamten Buchreihe und nicht aus Deiner Hand. Das ist bei den Fans nicht gut angekommen. Es gab sogar eine Petition. Wie hast Du die Debatte erlebt?

Antwort: Ich konnte den Aufruhr der Leser verstehen. Das war ein abstraktes Agentur-Konzept, das nichts mit dem Inhalt der Bücher zu tun hatte. Aber ich war zu der Zeit damit beschäftigt, hier meinen Hof aufzubauen, und bin nicht rechtzeitig eingeschritten. Als mich der Verlag dann gebeten hat, das Cover für den vierten Teil zu unterstützen, habe ich gesagt: „Nein, tut mir leid, es ist meine Schuld, aber das kann ich nicht machen.“ Man muss dem Verlag aber zugutehalten, dass er dann umgeschwenkt ist und auf die Buchhändler und Leser gehört hat. Allerdings musste ich dann ganz schnell ein neues Cover gestalten. [lacht] Aber ich bin froh, dass es dadurch nun auch optisch eine Reihe ist.

Frage: In dem Buch treffen wir viele alte Bekannte, auch den Schwarzen Prinzen. Er wird so genannt, weil er eine dunkle Hautfarbe hat. Warum hast Du Dich damals für diesen Namen entschieden?

Antwort: Der Schwarze Prinz ist schon immer einer meiner absoluten Lieblingshelden gewesen. Es gibt in England einen legendären Prinzen, the Black Prince, Edward of Woodstock. Er war ein finsterer Prinz in vielerlei Hinsicht, aber ein weißer Mann. Der Name ist also eine Referenz zur englischen Geschichte, aber mein Prinz heißt so aufgrund seiner Hautfarbe. Und er hat auch kein Problem damit, sich so zu nennen. Ich erinnere mich an einen Leserbrief von einem afroamerikanischen Jungen aus den USA. Er schrieb mir: „Danke, Cornelia, für den Schwarzen Prinzen. Er ist mein Held.“ Das von einem Kind zu hören, das dieselbe Hautfarbe hat und sich dadurch repräsentiert fühlt, war sehr berührend.

Frage: Mit einer schwarzen Figur schreibst Du über Erfahrungen, die Du nicht selbst erlebt hast.

Antwort: Das stimmt. Ich kann mir nur vorstellen, wie es ist, schwarz zu sein. Wenn ich über den Schwarzen Prinzen schreibe, bin ich in dem Moment ein Gestaltwandler. Ich kann nur hoffen, dass es mir gelingt, mich in ihn hineinzuversetzen. Diese Hoffnung braucht man aber als Geschichtenerzähler. Sonst könnte ich nur darüber schreiben, wie sich 65 Jahre alte deutsche weiße Frauen fühlen. Das wäre ja sehr langweilig.

Frage: Schreibst Du Deine Bücher heute mit einem anderen Bewusstsein als früher?

Antwort: Hundertprozentig. Aber auch aufgrund meines Lebens. Meine ersten Bücher habe ich in Deutschland geschrieben. Ich hatte damals keine ausländischen Freunde. Mittlerweile habe ich indische, afrikanische, mexikanische Leser getroffen. Ich bin sehr dankbar, dass mir das eine andere Perspektive auf die Welt gibt. Ich fühle mich für meine Leser aus anderen Ländern genauso verantwortlich wie für meine deutschen. Wenn ich über andere Kulturen schreibe, arbeite ich natürlich auch mit Sensitivity Readern [Personen, die Bücher auf stereotype oder diskriminierende Darstellungen überprüfen, Anm. d. Red.] zusammen, von denen ich viel lerne. Das ist eine aufregende Chance. Es darf nur nicht dazu führen, dass wir politische Saubermänner werden, die keine Empfindsamkeit für Geschichten haben.

Frage: Klassiker wie „Tom Sawyer“ oder „Pippi Langstrumpf“ wurden bereits überarbeitet, um rassistische Bezeichnungen zu entfernen. Wie stehst Du dazu?

Antwort: Das finde ich problematisch. Da greift man in das Werk eines Autors ein, der aus seiner historischen Situation heraus geschrieben hat. Wir alle wissen, dass Astrid Lindgren eine große Humanistin war. Dass sie trotzdem von einem Negerkönig spricht, liegt am historischen Kontext und nicht an ihrer Herzlosigkeit. Ich halte daher mehr von Vorworten, die die Problematik aufzeigen und erklären.

Frage: Menschen aus anderen Kulturen oder queere Protagonisten findet man inzwischen oft in Kinder- und Jugendbüchern. Hat sich die Branche weiterentwickelt?

Antwort: Ja, das ist wirklich eine unglaubliche Entwicklung. Plötzlich werden uns die Augen darüber geöffnet, wie viele Teile unserer Wirklichkeit wir gar nicht wahrgenommen haben. Wir können nur lernen, indem wir uns mit Menschen auseinandersetzen, die in anderen Schuhen unterwegs sind. Und indem wir auch mal eine Weile in deren Schuhen gehen. Das ist unsere Aufgabe als Geschichtenerzähler.

Frage: In Deinen Büchern geht es auch um ernste Themen wie Tod und Gewalt. Sollten Kinder von solchen finsteren Dingen lesen?

Antwort: Ja, das merke ich immer wieder an der Reaktion der Kinder. Die wissen ganz genau, wie düster die Welt gerade ist. Da sollten wir ihnen nicht sagen: „Das Monster im Schrank hörst nur du klopfen.“ Wir müssen ihnen stattdessen helfen, den Schrank zu öffnen und das Monster zu bekämpfen. Ich glaube, es gibt nichts Beängstigenderes auf der Welt, als einem Kind vorzulügen, dass der Wolf neben dem Schaf schläft. Und dass Krieg nichts ist, was ihm je passieren kann. Dass Krankheit nichts ist, was seiner Familie je passieren kann. Das alles macht die Angst nur größer. Ich höre immer wieder von Kindern und Jugendlichen in schweren Situationen, die mit Tod oder mit Krankheit zu tun hatten, dass sie sich in meinen Büchern sicher und zu Hause fühlten. Eben, weil darüber geredet wird. Das ist für mich eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben. Es zeigt mir immer wieder, dass ich als Geschichtenerzähler das Dunkle darstellen muss. Aber ich muss auch zeigen, wie man es bekämpft. Durch Freundschaft. Durch Miteinander. Das ist das Einzige, was dagegen schützen kann.

Frage: Gibt es dennoch Themen, die Deiner Meinung nach nichts in einem Kinderbuch verloren haben?

Antwort: Nein, aber es kommt sehr stark auf die erzählerische Form an. Natürlich schreibt man für einen Fünfjährigen anders über Krieg, als man es für einen Fünfzehnjährigen tut. Man kann diese Themen zum Beispiel bildlich darstellen, so wie Märchen es tun. Schmerz, Verlust oder Angst lassen sich auch durch Fabelwesen symbolisieren. Wir müssen unser Handwerk dabei in größter Meisterschaft benutzen. Aber wir müssen es benutzen. Wir müssen diese Dinge in unseren Büchern ansprechen. Sonst machen wir uns unglaubwürdig. Und wir glauben doch an Bücher.

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