Hotels und Gaststätten Ostfrieslands Touristikern kommt die Zuversicht abhanden
Die Autoindustrie ist am Boden, der Einzelhandel leidet: Geht es nicht zumindest einem anderen wirtschaftlichen Standbein Ostfrieslands gut – der Tourismusbranche? Die Antwort ist eher ernüchternd.
Emden/Hannover - Mag es Ostfriesland wirtschaftlich auch noch so schlecht gehen, eine Branche stand (außer zu Corona-Zeiten) doch immer gut da: die Tourismusindustrie. Volle Fähren, Hotels, Pensionen, Restaurants: Zumindest an der Küste, auf den Inseln und auf den Bauernhöfen lief es rund. Das könnte sich jetzt ändern.
Zwar ist der Großteil der Betriebe mit der Sommersaison zufrieden, doch geht jeder zweite Betrieb von einer ungünstigeren Geschäftslage im nächsten Jahr aus. Das geht aus der aktuellen Saisonumfrage der Industrie und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg hervor. Der Klimaindex, der die aktuelle und zukünftige Geschäftslage in einem Wert zwischen 0 und 200 zusammenfasst, ist von zuletzt 82 auf 79 Punkte gesunken. Im Vorjahr lag er noch bei 101 Punkten. Die größten Risiken sehen die Betriebe in den hohen Kosten und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen.
Lebensmittelpreise zu hoch, Gehälter zu hoch
„Der Großteil der Unternehmer ist mit der Saison zufrieden, auch wenn sie spät und verregnet startete“, wird die IHK-Tourismusexpertin Kerstin van der Toorn in einer Pressemitteilung zitiert. „Deutlich negativer sind allerdings die Zukunftsaussichten: Fast jeder zweite Unternehmer erwartet eine ungünstigere Geschäftslage in der nächsten Saison.“ So gingen 51 Prozent von einer gleichbleibenden Geschäftslage aus, nur 2 Prozent erwarteten eine günstigere Geschäftslage. Vor allem in der Gastronomie seien die Aussichten eher pessimistisch.
Als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens sehen die befragten Betriebe laut IHK die Energie-, Lebensmittel- und Rohstoffpreise mit 82 Prozent, gefolgt von den Arbeitskosten mit 80 Prozent und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen mit 77 Prozent sowie dem Arbeitskräftemangel mit 69 Prozent. „Der Mangel an Fach- und Arbeitskräften scheint sich ein wenig abzuschwächen“, sagte van der Toorn. Viele Betriebe seien mittlerweile selbst oder über Agenturen auf die Suche nach Auszubildenden und Fachkräften aus dem Ausland gegangen. Aber: „Trotz der Neuerungen im Fachkräfteeinwanderungsgesetz dauern die Verfahren, bis eine ausländische Arbeitskraft in Deutschland tatsächlich arbeiten kann, noch immer viel zu lange. Hier muss dringend nachgebessert werden“, so van der Toorn. Die IHK Ostfriesland hatte dazu 80 Tourismus-Betriebe befragt.
Das ostfriesische Wetter ist auch nicht jedermanns Sache
Ostfriesland hat dabei mit zwei Herausforderungen zu kämpfen: dem Wetter und der konjunkturellen Stimmung. Wie van der Toorn auf Nachfrage unserer Redaktion erläuterte, wirkt sich die gesamtwirtschaftliche Lage gerade in der Gastronomie eben auch auf die Einheimischen aus. Und auch die Urlauber würden im Vergleich zu früher weniger Geld in Kneipen und Restaurants lassen.
„Und das Wetter spielt hier natürlich auch eine Rolle“, sagte van der Toorn. Ostern sei zu früh gekommen, der April daher schwach verlaufen. Außerdem sei das Wetter im Juni und Juli eher schlecht gewesen. Das halte vor allem Spontanreisende und Camper von einem Besuch in Ostfriesland ab. Zudem gebe es immer noch einen Corona-Nachholeffekt: Manche würden sich dann eben doch für eine Flugreise entscheiden.
Auch der Rest Niedersachsens ist eher pessimistisch
Die Einschätzungen aus Ostfriesland decken sich mit den Erkenntnissen aus dem Rest Niedersachsens. Hohe Arbeitskosten und fehlende Planbarkeit angesichts ungewisser wirtschaftlicher Rahmenbedingungen lassen viele Betriebe in der Tourismusbranche in Niedersachsen mit Sorge in die Zukunft blicken. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Industrie- und Handelskammer Niedersachsen (IHKN) unter rund 450 Betrieben hervor. Demnach ist ein Großteil der Betriebe zwar zufrieden mit der zurückliegenden Saison im Frühjahr und Sommer - die Zukunftsaussichten bewerten Gastronomen, Beherbergungsbetriebe und Reiseveranstalter insgesamt aber negativ.
Der sogenannte Klimaindex sank zum dritten Mal in Folge. Demnach sank der Wert im Vergleich zur Umfrage im Frühjahr von 90,2 Punkten auf nun 87,5 Punkte. Zum Vergleich: Im Vorjahr 2023 lag der Wert im Herbst bei 104,5 Punkten, im Frühjahr 2023 waren es sogar 116,6 Punkte.
Den Betrieben fehlt politische Verlässlichkeit
„Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bremsen die Branche aus“, sagt IHKN-Hauptgeschäftsführerin Monika Scherf. Demnach klagen Betriebe vor allem über eine fehlende Verlässlichkeit in der Wirtschaftspolitik. Planbarkeit werde so erschwert. Auch Investitionen etwa im Gastgewerbe, das zeigt die IHK-Umfrage, werden zurückgefahren.
Im Vergleich zur Vorjahresumfrage im Herbst 2023 sind es nun weniger die hohen Energie-, Lebensmittel- und Rohstoffpreise, die die Betriebe sorgen. Als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung im kommenden Jahr nennen fast acht von zehn Betriebe zu hohe Arbeitskosten (77,7 Prozent). Dahinter kommt die Sorge um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit 72,6 Prozent - und erst dann folgen die Energie- und Lebensmittelkosten (70,9 Prozent) sowie der Fachkräftemangel (61,1 Prozent).
Sorgen richten sich in die Zukunft
Trübe sind die Aussichten der Umfrage zufolge besonders in der niedersächsischen Gastronomie. Zwar bewerten zusammen genommen rund drei Viertel der befragten Betriebe die bisherige Geschäftslage als gut oder befriedigend. Beim Ausblick geht aber jeder zweite Betrieb von einer sich schlechter entwickelnden Geschäftslage aus (51,9 Prozent). Nur etwa 8 Prozent der Betriebe in der Gastronomie erwarten in der nächsten Saison ein besseres Geschäft.
„Um den Tourismus nach vorne zu bringen und wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen, braucht es Planungssicherheit und unternehmerische Spielräume“, sagte Scherf. Einschränkungen durch Reglementierung und überbordende Bürokratie seien Gift für das Unternehmertum. Handlungsbedarf sieht die niedersächsische IHK etwa beim Abbau von Bürokratie, bei dem Zugang von Arbeitskräften aus Drittstaaten sowie bei Investitionen in Infrastrukturen und Mobilitätsangebote insbesondere in Niedersachsens Tourismusregionen. An der Umfrage zwischen Mitte Oktober und Anfang November beteiligten sich Betriebe aus der Hotellerie, der Gastronomie und der Campingwirtschaft sowie Reisebüros und Reiseveranstalter.
Mit Material von DPA