Lingen ANF-Pläne in Lingen: Atomgegner und Mitarbeiter stehen sich gegenüber
Die Brennelementefabrik ANF plant, künftig auch Brennelemente für Reaktoren russischer Bauart zu fertigen. In Lingen hat nun die Erörterung der mehr als 10.000 Einwände begonnen – mit Atomkraftgegnern und ANF-Mitarbeitern vor und in den Emslandhallen.
Es ist das erste Mal, dass sich beide Seiten gleichzeitig gezeigt und ihre Sicht kundgetan haben: Wer am Mittwochmorgen in die Emlandhallen wollte, der sah Atomkraftgegner mit Bannern und „Putin“ auf der einen Seite, und Mitarbeiter von ANF mit Plakaten und Bannern auf der anderen. „Shut down Rosatome“ oder auch wahlweise „Framatome“ (zu Deutsch: schließt Rosatome/Framatome) wurde auf der einen Seite skandiert, „proud to be Framatome“ (zu Deutsch: Stolz, zu Framatome zu gehören) stand auf den Aufklebern, die die andere auf den Jacken trug. „Keine Geschäfte mit Rosatom“ hieß es links, „hochqualifizierte Arbeitsplätze“ und „Wir für Lingen“ auf der anderen.
In den Emslandhallen werden dieser Tage die mehr als 10.000 Einwände erörtert, die gegen das Vorhaben von ANF und dem Mutterkonzern Framatome eingebracht wurden. Diese planen, künftig in Lingen nicht nur Brennelemente für Kernkraftwerke westlicher, sondern auch sechseckige Brennelemente für jene russischer Bauart zu fertigen. Man wolle dem Verfahren ein Gesicht geben, ein Lingener Gesicht noch dazu, hieß es unter anderem aus den Reihen der ANF-Mitarbeiter, die deutlich zahlreicher gekommen waren als die Atomkraftgegner. Und um zu zeigen, dass man hinter dem Unternehmen stehe.
Denn das steht aufgrund des Vorhabens in Lingen in der Kritik. Sie kommt von unter anderem von Filiz Polat, für das südliche Emsland zuständige Bundestagsabgeordnete von Bündnis/Die Grünen: „Während erneut über mutmaßliche Sabotage in der Ostsee diskutiert wird, transportieren Russland und Frankreich weiter Uran und Brennstäbe von und nach Lingen. Warum ruft das die Sicherheitsbehörden nicht auf den Plan?“, teilte sie im Zuge der Erörterung mit. Sie teile die Sicherheitsbedenken von Bundesumweltministerin Steffi Lemke und dem niedersächsischen Umweltminister Christian Meyer. „Die EU-Sanktionen müssen dringend auf den Atomsektor ausgeweitet werden – zumal es Alternativen zu Rosatom längst gibt.“
Denn hier liegt das Hauptaugenmerk der Kritik vonseiten der Politiker und Atomkraftgegner: Eine Produktion von Brennelementen für Reaktoren russischer Bauart zu fertigen, kann ANF kurzfristig nur mit Know-how aus Russland. Das machte auch Jürgen Krämer, Werkleiter am Standort ANF, im Zuge der Anhörung noch einmal deutlich. Die Vertreter der Brennelementefabrik stellten in diesem Zusammenhang die anvisierte Unabhängigkeit in der Brennelementeproduktion von Russland in den Fokus stellten.
„Die Genehmigung wird uns in die Lage versetzen, Brennelemente für 19 europäische VVER-Reaktoren in Osteuropa und Finnland herzustellen, wie von deren Betreibern und der Europäischen Union gefordert. Diese Länder wollen bei der Energieerzeugung unabhängig von Russland werden. Sie wollen ihre Energieversorgung innerhalb Europas sichern“, sagte ANF-Geschäftsführer Andreas Hoff am Rande der Erörterung. Auf der Gegenseite sorgte die Notwendigkeit einer Kooperation im ersten Schritt gut 1000 Tage nach Beginn des Krieges in der Ukraine auf der Seite der Gegner für Unverständnis und Kritik.
Die Nachfragen fokussierten sich vor allem auf die französisch-russische Kooperation und die Frage, inwieweit ANF schon vor Erhalt der Genehmigung Fakten geschaffen hat. Denn die Maschinen, die künftig Teil der Produktion werden sollen, sind schon in Lingen. Inwieweit zu dem Zeitpunkt, zu dem Framatome über ein eigenes Design für sechseckige Brennelemente verfügt, das Joint-Venture obsolet wird, ließ Krämer offen. „Dann entscheidet der Kunde“, sagte er.
Der Erörterungstermin geht weiter, insgesamt sind bis zu drei Tage angesetzt. Man gehe ergebnisoffen in den Erörterungstermin und auch aus dem Termin heraus, betonte Andreas Sikorski, Leiter der Abteilung „Atomaufsicht und Strahlenschutz“ des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie und Klimaschutz, der die Versammlung leitet. Wie lange es dauern könnte, bis eine Entscheidung fällt, dazu könne man noch nichts sagen. Filiz Polat bleibt skeptisch: „Für mich stellt diese Zusammenarbeit ein unbeherrschbares Risiko dar, das Deutschland nicht eingehen sollte.“
Für ANF-Geschäftsführer Andreas Hoff ist die Anhörung „ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Erteilung der Genehmigung“. „Wir haben die vom Niedersächsischen Umweltministerium initiierte Öffentlichkeitsbeteiligung von Anfang an unterstützt, indem wir auf Anfragen des Ministeriums und verschiedener Medien nach zusätzlichen Informationen reagiert haben. Wir haben volles Vertrauen in das Ministerium und sehen einer fairen und unparteiischen Anhörung zuversichtlich entgegen.“
Dass so viele Mitarbeiter der ANF am ersten Tag der Erörterung zugehört haben, stieß bei Atomkraftgegnern sauer auf. Insgesamt 63 Menschen, die nicht wortberechtigt sind, habe er zum Erörterungstermin zugelassen, so Sikorski. „Sie sind für mich interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der Region, die der Erörterung folgen wollen“, ergänzte er mit Blick auf die Tatsache, dass es sich vor allem um Mitarbeiter der ANF handeln dürfte.