Oldenburg Von Braunschweig nach Brüssel: Wie EWE-Lobbyist Tjark Melchert die EU-Politik beeinflussen will
Tjark Melchert, erst 27 Jahre alt, hat in kurzer Zeit eine beeindruckende Karriere als Interessenvertreter der EWE in Brüssel aufgebaut. Um die Aufmerksamkeit der Politiker konkurriert er mit 15.000 Lobbyisten-Kollegen. Wie kann man sich da durchsetzen?
Das Wort „Lobbyist“ mag er nicht gern hören. „Viele stellen sich da einen älteren Herrn mit Hut und Zigarre vor“, sagt Tjark Melchert. Dabei würden Interessenvertreter mit sachlichen Informationen und Blick auf die Unternehmensperspektive helfen, der Politik die Möglichkeit zu einer abgewogenen Entscheidung zu geben. Als „Lobbyist“ sei er gleichermaßen Netzwerker, Stratege und Dolmetscher.
Seit gut zwei Monaten ist Melchert, 27 Jahre alt und Ökonom, Interessenvertreter des heimischen Energieunternehmens EWE in Brüssel. Er gehört zu einem 17-köpfigen Politik-Team des Konzerns mit Justin Müller an der Spitze, das neben der europäischen Ebene auch die Gesetzgebung in Berlin und auf Länderebene begleitet.
Er ist vielseitig unterwegs, etwa in Hintergrundgesprächen mit Entscheidungsträgern oder öffentlichen Diskussionsforen. Die EWE AG mit gut 10 Milliarden Euro Jahresumsatz und 11.000 Beschäftigten spielt damit in der belgischen Hauptstadt in der gleichen Liga wie das niedersächsische Unternehmen Continental.
Melchert hat in kurzer Zeit Karriere gemacht. Der gebürtige Braunschweiger studierte in Hannover und Bratislava. Er arbeitete für die Wirtschafts-Staatssekretärin Franziska Brantner (Grüne) ebenso wie für den Arbeitgeberverband Niedersachsen-Metall. Auch politisch engagierte sich der Hobby-Triathlet schon früh – als stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerrats. Nun ist er einer von 15.000 registrierten Lobbyisten am Stammsitz der europäischen Institutionen.
In Brüssel ist die EWE keineswegs in einer protzigen Residenz untergebracht, wie manch anderes Unternehmen. Melchert nutzt einen „Co-Working-Space“, in dem auch Unternehmen wie die Stadtwerke München oder Spitzenverbände aus der Energie- und Kommunalwirtschaft vertreten sind.
Von dort aus beackert er Themen wie die Umstellung auf klimaneutralen Wasserstoff oder den Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE). Wie ein Adler versuche man bei der komplexen europäischen Gesetzgebung den Überblick zu behalten, sagt Melchert und illustriert das anhand eines Schaubildes. Da gleicht der Gang durch die Brüsseler Verordnungsmaschinerie eher einem Labyrinth.
Ein Beispiel: Bereits ab 2027 sollen die sogenannten ETS-II-Regeln für den Sektoren Wärme/Verkehr gelten, um das Ziel der Klimaneutralität 2040 zu erreichen. 2017 wurden die EU-Gesetze beschlossen. Doch die meisten Staaten hätten die Vorbereitungszeit nicht genutzt. „Viele Unternehmen wissen nicht einmal, wie sie CO₂ bilanzieren sollen“, erklärt Melchert.
Da die Anwendung der ETS-Regeln mittelfristig zu einer Verdreifachung des Gasbezugspreises führen würde, müsse die Politik nun praktikable Lösungen aufzeigen. Zum Hintergrund: Der gesetzlich-regulatorische Rahmen für zahlreiche energiewirtschaftliche Fragen – beispielsweise zum Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft – wird heute vorrangig in Brüssel beschlossen und anschließend in nationales Recht umgesetzt. Wer also die ihm wichtigen Punkte einbringen möchte, muss dies in der belgischen Hauptstadt tun.
Als „angenehm“ und „kollegial“ lobt der EWE-Lobbyist die Arbeit in Brüssel. Im Gegensatz zum hektischen Berlin gehe es bei Gesprächen mit EU-Abgeordneten oder Vertretern der Kommission „mehr um die Sache“ – weniger um die Rangordnung.
Wechselnde Mehrheiten im Parlament und die internationale Abstimmung machten die Arbeit „total spannend“, erklärt Melchert. Dabei kommt ihm zugute, dass nach der Parlamentswahl und dem Start einer neuen EU-Kommission gerade Stühlerücken in Brüssel angesagt ist. „Viele Leute bauen gerade ihr Netzwerk neu auf“, sagt Melchert. Einen besseren Startpunkt hätte er kaum erwischen können.