Osnabrück Wieso Singles öfter Depressionen haben
Singles aufgepasst: Das Risiko, an Depressionen zu erkranken, ist bei Alleinstehenden deutlich höher. Gleichwohl kann eine Beziehung nicht vor Depressionen „schützen“ – vor allem nicht Frauen. Jene profitieren emotional weniger stark von der Lebenspartnerschaft als Männer.
„Heiraten heißt das Mögliche tun, einander zum Ekel zu werden“, spottete Arthur Schopenhauer. Doch eine aktuelle Studie zeigt, dass es wohl auch vor Depressionen schützt.
Ein internationales Forscherteam um Kefeng Li von der Polytechnischen Universität in Macao analysierte die Daten von mehr als 106.000 Männern und Frauen, von denen rund 20.000 auch über einen längeren Zeitraum von bis zu 18 Jahren beobachtet wurden. Sie stammten aus 7 Ländern: Indonesien, China, Südkorea, Irland, UK, Mexiko und USA.
Die Probanden wurden in vier Gruppen unterteilt: Single, verwitwet, geschieden/getrennt, verheiratet oder liiert.
Die Depressionen wurden anhand von Fragebögen mit Selbstauskünften erhoben. Klinische Gutachten bei einer solch großen, weltweit verteilten Personengruppe wären weder organisatorisch noch finanziell zu stemmen gewesen, so die Forscher.
Im Ergebnis zeigte sich: Nicht liierte Personen haben ein knapp 80 Prozent höheres Risiko für eine depressive Symptomatik als jene, die mit einem anderen Menschen zusammenleben. Bei Geschiedenen bzw. Getrennten ist das Risiko sogar um fast 100 Prozent höher, also doppelt so hoch. Dafür geht es bei den Verwitweten nur um 64 Prozent nach oben.
In den westlichen Ländern leiden die Menschen zwar stärker unter dem Single-Dasein als im Osten. Aber insgesamt halten die Forscher fest: „In allen von uns beobachteten Kulturen haben Alleinstehende ein größeres Risiko für Depressionen als die Menschen in einer festen Partnerschaft.“ Sie vermuten dahinter mehrere Ursachen.
So hätten liierte Menschen in der Regel mehr finanzielle Sicherheit und die Partner würden sich untereinander sozial unterstützen. Außerdem würden sie einander zum Wohlbefinden beitragen und sich beispielsweise im Krankheitsfall gegenseitig unterstützen, den Anderen versorgen und pflegen.
In der Studie wurde Deutschland nicht erfasst. Aber laut Rainer Rupprecht, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg, seien hier „ähnliche Befunde zu erwarten wie in den USA oder UK“.
Aktuelle Zahlen bestätigen das. Demnach leben in Deutschland mehr als 20 Prozent der Menschen allein, mehr als in allen anderen Staaten der EU. Und mit einer Rate von 9,2 Prozent Depressiven liegt man ebenfalls weit über dem EU-Durchschnitt von 6,6, übertroffen lediglich von Luxemburg mit 10 Prozent.
Man könnte also den Appell an alle Bundesbürger richten, sich wieder öfter zu liieren, damit es ihnen psychisch besser geht.
Doch es lohnt sich ein differenzierter Blick. So ist das Verhältnis zwischen Depressionen und Beziehungsstatus keine Einbahnstraße. Denn Depressionen haben bekanntlich eine starke genetische Komponente, sodass viele entsprechend veranlagte Menschen eine Beziehung eingehen, die dann durch das Ausbrechen der Erkrankung in die Krise gerät – und schließlich scheitert.
Dies liefert auch – neben dem Frustfaktor – eine schlüssige Erklärung dafür, dass so viele getrennte Menschen depressiv sind.
In einer Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, durchgeführt an mehr als 5000 Männern und Frauen, zeigte sich, dass 84 Prozent der depressiven Patienten sich aus ihrer Beziehung zurückzogen, in fast jedem zweiten Fall kam es zur Trennung.
„An Depression erkrankte Menschen verlieren den Antrieb und ihr Interesse, und sie fühlen sich innerlich abgestorben, ohne Verbundenheit mit anderen Menschen oder ihrer Umwelt“, erläutert Studienleiter Ulrich Hegerl. „All diese krankheitsbedingten Veränderungen haben massive Auswirkungen auf Partnerschaft und familiäre Beziehungen.“ Deshalb sei Depression oft die Ursache und nicht die Folge davon, dass Beziehungen kriseln und schließlich scheitern, so der Psychiater.
Differenziert betrachten muss man überdies, dass der Zusammenhang von Beziehungsstatus und Depressionen stark vom Geschlecht abhängt. So konstatiert das Forscherteam um Li, dass Männer besonders stark unter dem Single-Dasein leiden. In den USA ist ihre Depressionsquote zweimal und in Irland sogar dreimal so hoch wie bei den nicht-liierten Männern.
Frauen macht das Allein-Sein hingegen weniger aus, was laut Li daran liegt, „dass sie tendenziell über größere und stärkere soziale Unterstützungsnetzwerke verfügen“. Umgekehrt zeigt sich bei ihnen der depressionshemmende Effekt in einer Beziehung deutlich schwächer als beim Mann.
Dazu passt die Beobachtung, dass rund 75 Prozent der Frauen, die therapeutische Hilfe suchen, verheiratet sind, und nur 25 Prozent ledig. Bei den Männern ist das Zahlenverhältnis umgekehrt. Die Ehe nutzt eben in erster Linie dem psychischen Gleichgewicht des Mannes – während sie bei der „Beziehungsarbeitern“ Frau auch oft zur Berufskrankheit wird.