Hamburg  Vom Klassenzimmer in die Klinik: Warum Lehrer häufig psychisch erkranken

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 14.11.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Burnout im Lehrerzimmer: Ein Facharzt aus Bayern behandelt jährlich hunderte erschöpfte Lehrer. Foto: IMAGO IMAGES/Panthermedia
Burnout im Lehrerzimmer: Ein Facharzt aus Bayern behandelt jährlich hunderte erschöpfte Lehrer. Foto: IMAGO IMAGES/Panthermedia
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Der Lehrerberuf zählt zu den Spitzenreitern, wenn es um psychosomatische Erkrankungen geht. Warum das so ist, weiß Facharzt Andreas Hillert. Jedes Jahr behandelt er hunderte entkräftete Pädagogen, die einfach nicht mehr können.

Kommen Lehrer zu Andreas Hillert in die Schön Klinik Roseneck nach Bayern, dann ist es kurz vor zwölf: Sie fühlen sich ausgebrannt, schlafen schlecht und haben keine Freude mehr an ihrem Job. Im Interview erklärt der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, wer besser nicht in der Schule arbeiten sollte, warum Lehrer besondere Patienten sind und der Unterricht immer herausfordernder wird.

Frage: Herr Hillert, Sie sind Experte, wenn es um psychosomatische Erkrankungen bei Lehrkräften geht. Warum haben Sie sich ausgerechnet auf diese Berufsgruppe fokussiert?

Antwort: Weil Lehrer seit 30 Jahren mit Abstand die größte Berufsgruppe ist, die zu uns in die Klinik kommt. Aktuell behandeln wir 300 bis 400 Lehrer aus ganz Deutschland pro Jahr. Danach kommt mit etwa 110 Personen das Banken- und Finanzwesen. Da ist es natürlich sinnvoll, sich intensiver mit dem Hintergrund der Lehrkräfte zu beschäftigen. Was unterscheidet jene, die ihren Job mit Spaß, Freude und bei guter mentaler Gesundheit machen von denen, die erkranken und bei uns Patienten werden? Anhand vieler Forschungen haben wir dann Lehrer-bezogene Therapiekonzepte entwickelt und arbeiten zusätzlich in der Prävention.

Frage: Warum erkranken ausgerechnet Lehrer so häufig an psychosomatischen Erkrankungen? 

Antwort: Nun zum einen, weil Lehrer eine sehr große Berufsgruppe sind, zum anderen, weil es als Beamter mit entsprechenden Absicherungen absehbar leichter ist, längere Zeit in eine Klinik zu gehen als für Menschen, die sozial weniger abgesichert sind. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wer überhaupt Lehrer wird und mit welchen Erwartungen. Eine große Befragung aus München zeigte dazu u.a., dass ein Drittel aller Lehramt-Studierenden schon immer den Lehrerberuf im Sinn hatte. Dieses Drittel wollte schon immer mit jungen Menschen arbeiten und hat darin auch Erfahrung. Entsprechend wissen diese Menschen, was auf sie im Lehrerberuf zukommt. Ein Drittel sieht die Berufswahl realistisch und pragmatisch und will einen Job, der gut mit dem Privatleben vereinbar ist und attraktive Ferienzeiten hat. Und wiederum ein Drittel der Befragten gibt an, dass ihnen nichts Besseres eingefallen ist und sie dann die Schüler gewissermaßen in Kauf nehmen. Diese Gruppe hat sicher das größte Problem, viele von ihnen fühlen sich ausgebrannt bevor sie überhaupt praktisch als Lehrer tätig werden. 

Antwort: Der Lehrerberuf wird also von einigen Menschen unterschätzt?

Antwort: Es gibt eine relativ große Gruppe, die ins Lehramt reinrutschte, obwohl sie nicht besonders gut dafür geeignet ist. Jemand, der Schwierigkeiten hat, mit jungen Menschen zu interagieren, unsicher ist oder vor allem anerkannt und gemocht werden will, hat absehbar schnell ein Problem in der Schule. Die Sollbruchstelle ist also schon vorgegeben. Schüler sind mitunter unbarmherzig. Schwächen werden sofort ausgenutzt. Anfällig sind zudem jene aus der Babyboomer-Generation, die sich übernommen und kein Ende bei der Arbeit gefunden haben. Jüngere Lehrer der Generation Z dagegen arbeiten mittlerweile kaum noch in Vollzeit und haben hohe Krankschreibungszeiten. Zudem ist es durch den Lehrermangel in vielen Bereichen nicht mehr schwer, auch dann eine Anstellung zu finden, wenn man schlechte Noten im Staatsexamen hat. Das Thema wird also immer größer. Und es gibt noch ein weiteres Problem.

Frage: Welches?

Antwort: Es gibt kein Bundesland, das Lehrer systematisch auf die sozialen Herausforderungen vorbereitet, die in den Schulen dann absehbar zur Belastung werden. Kompetenzen wie Konfliktmanagement und Strategien im Umgang mit Aggressionen im Klassenzimmer werden nicht gezielt gefördert. Während andere Berufe auf Supervision setzen, fehlt diese bei Lehrern meist völlig. Viele der Lehrer-Patienten haben das nie erlebt und schieben dann naheliegenderweise solche Probleme eher auf die Schüler statt auf sich selbst.

Antwort: Was sind die Folgen? 

Antwort: Die Personen, die am meisten Unterstützung benötigen, nehmen diese oft nicht in Anspruch. Die inneren Hemmschwellen sind zu hoch und verpflichtend ist es ja nicht. Es ist allgemein bekannt, dass Referendare lieber nichts über mögliche Probleme sagen, damit sie nicht schlecht benotet werden und ihre Verbeamtung nicht gefährden. Genauso ist es bei jungen Lehrern. Sobald die Verbeamtung vollzogen wurde, folgen dann die Krankschreibungen.

Antwort: Mit welchen Symptomen kommen die Menschen zu ihnen in die Klinik?

Antwort: Der Klassiker ist eine depressive Symptomatik, die von den Betroffenen oft als Burnout erlebt wird. Sie fühlen sich am Ende ihrer Kraft, können nicht mehr gut ein- oder durchschlafen, gehen ihren Hobbys nicht mehr nach und ziehen sich in der Folge immer weiter sozial zurück. Burnout ist allerdings keine Diagnose. Meist handelt es sich, wenn man es diagnostisch bewertet, um depressive Störungen oder auch Angststörungen.

Frage: Wie behandeln Sie die entkräfteten Lehrer?

Antwort: Behandelt wird zunächst einmal die der Diagnose zugrunde liegende Symptomatik. Also die Depression oder Angststörung und das primär psychotherapeutisch. Wir bieten zusätzlich die „Arbeit und Gesundheit im Lehrerberuf“-Gruppe (AGIL) an. Hier wird sich angesehen, welche konkreten Defizite die betroffenen Lehrkräfte haben und wie dies verändert werden kann. Merkt die Person, wann sie in Stress gerät oder gibt es persönliche individuelle Stressverstärker, etwa Perfektionismus? Viele Lehrkräfte wollen gern von der Klasse gemocht werden. Wir schauen dann, wie das entschärft werden kann. Es wird außerdem geguckt, welche pädagogischen Kompetenzen benötigt werden, um den Unterricht besser gestalten zu können. Die durchschnittliche Behandlungsdauer liegt bei sechs Wochen und im Anschluss fühlen sich die meisten bereit, wieder einzusteigen. 

Frage: Dabei gilt der Lehrerberuf mit vielen Ferien und freien Nachmittagen doch als besonders attraktiv. 

Antwort: Generell muss man sagen: Lehrer sind – im Vergleich zu anderen Berufsgruppen – eher gesünder. Der Beamtenstatus führt zu einer relativ hohen Sicherheit im Gegensatz zur freien Wirtschaft, was sich psychisch stabilisierend auswirkt. Lehrer gehen zudem oft reflektierter mit ihrer Gesundheit um. Gleichzeitig gehören sie aber auch zu einer Gruppe, die notorisch mehr klagt, als andere Gruppen. Wer im Lehrerzimmer sitzt und sagt „Ich finde meinen Job toll und habe keinen Stress“ wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schräg angeguckt. Jede Berufsgruppe hat eine Art soziales Interaktionsklima. Unter Lehrern wird viel gelitten und über Überlastung geklagt, was nicht unbedingt immer dem realen Gesundheitszustand von Lehrkräften entspricht. 

Antwort: Vormittags recht haben, nachmittags freihaben. Über Lehrer gibt es einige Vorurteile. Sind sie schwierige Patienten?

Antwort: Lehrer sind natürlich eine besondere Berufsgruppe, die sehr viel Autonomie in ihrem Job gewohnt ist und sich nicht gerne etwas sagen lässt. Die meisten kommen aus den sozialen Milieus der oberen Mittelschicht. Hier in der Klinik gibt es immer mal wieder den Klassiker, dass ein Lehrer mal wieder einen Fragebogen korrigiert hat, weil ihm ein Fehler in einer Fragestellung aufgefallen ist. Es gibt mit Sicherheit schwierige Sonderfälle, aber die gibt es in anderen Berufsgruppen auch. Ich persönlich arbeite gerne mit Lehrern, langweilig wird es dabei fast nie.

Frage: Welchen Herausforderungen begegnen Lehrkräfte im Schulalltag noch? 

Antwort: Das Thema Migration bringt natürlich Herausforderungen mit sich. Wie unterrichtet man eine Klasse, in der eine Vielzahl der Schüler kein Deutsch kann? An Förderschullehrkräften mangelt es. Hier haben wir auf breiter Ebene ein Politikversagen. Man benötigt verpflichtende Sprachaufnahmetests, sonst lässt sich kein gescheiter Unterricht machen. Und natürlich ist auch der Umgang mit Kindern aus anderen sozialen Kontexten herausfordernd. Zum Beispiel Schüler, die sich von einer Frau nichts sagen lassen wollen. Ein weiteres Problem: An Gymnasien sind die Leistungsanforderung durch Corona massiv zurückgefahren worden. Lehrkräfte geben trotzdem gute Noten, um keinen Ärger mit den Eltern zu riskieren. Das führt zusammengenommen zu einer Explosion an Einser-Abiturienten. Durch soziale Medien sind Jugendliche – die im Durchschnitt zumindest vier Stunden jeden Tag online sind – außerdem erheblich abgelenkter und weniger konzentrationsfähig geworden. 

Antwort: Was müsste sich ändern, damit der Lehrerberuf wieder attraktiver wird? 

Antwort: Unsere Gesellschaft ist im Wandel und das geht natürlich auch nicht am Lehrerberuf vorbei, der sich verändert hat und weiter verändern muss. Und das besser aktiv als passiv. Es gibt viele ungelöste Probleme auch politischer Art, an die sich niemand wirklich ran traut, weil sie teils regelrecht tabuisiert sind, wie die schon erwähnten Sprachtests. Alle angehenden Lehrkräfte müssten an Supervisionen teilnehmen, um sich selber besser kennenzulernen und damit eine Basis zu haben, mit den Anforderungen im Job reflektiert umgehen zu können. Aber das würde den Staat Geld kosten und Geld ist nicht da. Ansonsten bleibt Lehrersein ein wunderschöner Beruf, bei dem man mit jungen Menschen zu tun hat und viel gestalten kann. 

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