Medizinische Versorgung Kassen wollen Arzt-Termine selbst vergeben
Einen Termin beim Arzt zu bekommen wird immer schwerer, vor allem für Kassenpatienten. Die Kassen wollen jetzt eingreifen – aber ändert das was?
Hannover/Ostfriesland - Dass es schwierig ist, einen Termin beim Arzt, noch dazu bei einem Facharzt, zu bekommen, ist bereits lange bekannt. Nun soll das neue Gesundheits-Digitalagentur-Gesetz (GDAG) den Patienten helfen: Es sieht vor, dass Kassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) Terminbuchungsplattformen standardisieren.
„Darüber wollen die Krankenkassen quasi direkt Einfluss nehmen auf die Terminkalender der niedergelassenen Ärzte“, erklärt Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlicher Vereinigung Niedersachsen (KVN). „Das findet die Ärzteschaft natürlich nicht so gut.“ Drastischer formuliert es der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich: „Finger weg von unseren Terminen.“
Grebe: „Tendenz geht zur Staatsmedizin“
In einem Positionspapier fordert der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), dass zukünftig bis zu 75 Prozent der Termine in den Praxen verpflichtend über diese zentralen Systeme vergeben werden. Darin sieht Hausärztin Mareike Grebe (Hesel) „einen massiven Eingriff in die berufliche Freiheit“. Die Vorsitzende der KVN-Bezirksstelle Aurich befürchtet: „Wenn ein so hoher Prozentsatz an Terminen in meiner Praxis nicht mehr durch mich als Eigentümer vergeben wird, dann ist das ja am Ende gar nicht mehr meine Praxis. Das geht in der Tendenz ganz klar Richtung Staatsmedizin.“
Das sieht auch ihr Kollege Heinrich vom Virchowbund so: „Diese Vorhaben machen aus dem Vertragsarzt in freier Praxis einen Staatsmediziner unter der Kontrolle staatlicher Regulierungsbehörden“, ist er sicher.
Praxen sind ausgelastet – es fehlen Ärzte
Eine Lösung für die Patienten sei das übrigens auch nicht. „Eine Krankenkasse kann nicht entscheiden, welcher Patient jetzt dringend einen Termin braucht. Das muss ein Arzt machen“, sagt Grebe. „Aber wenn keine Termine da sind, weil die Praxen schon am Limit arbeiten, was wollen die Kassen dann noch steuern?“, fragt sich nicht nur die Hausärztin.
Allein im Land Niedersachsen fehlen derzeit 549 Hausärztinnen und Hausärzte. „Die Zukunft vieler Arztpraxen in Niedersachsen ist ungewiss“, warnte Eckart Lummert, der Vorsitzende der KVN-Vertreterversammlung.
„Viele Bürgerinnen und Bürger finden keine Hausärzte mehr, die sie aufnehmen, oder müssen lange auf einen Termin warten.“ Grund sei, dass viele Mediziner keine Kapazitäten hätten – auch, weil es zu wenig erfahrene Medizinische Fachangestellte gebe. „Dadurch fehlt es vielen Praxen an Personal. Die Sprechstundenzeiten müssen eingeschränkt werden“, erklärte er. „Die Nachfrage nach Arztterminen kann schon jetzt durch die sehr angespannte Lage in den Praxen gar nicht mehr abgedeckt werden. Es gibt zu viel Nachfrage und zu wenig Angebot – daran ändert sich auch nichts, wenn Termine von den Kassen vergeben werden. Auch die Kassen können keine neuen Termine herbeizaubern“, stellt Haffke klar.
Laut Grebe prallen in der medizinischen Versorgung zwei Welten aufeinander: „Das eine ist der Wunsch des Patienten nach sofortiger Versorgung zu jeder Uhrzeit. Und das andere ist die Tatsache, dass unser System das nicht leisten kann.“
Ärztliche Versorgung wird noch schwieriger werden
Und es werde in Zukunft noch schwieriger werden, Arzttermine zu bekommen: „Im Moment sind ein Drittel der niedergelassenen Ärzte über 60 bis sogar über 80 Jahre alt und ein weiteres Drittel ist älter als 50 Jahre. Das heißt, das richtige Loch in der Versorgung kommt erst noch – wenn diese zwei Drittel im Ruhestand sind“, rechnet Grebe vor.
Am Telefon der Stiftung Patientenschutz häufen sich unterdessen Rückmeldungen zu langen Wartezeiten für Kassenpatienten bei Fach- und Hausarztkonsultationen, klagte der Vorsitzende Egon Brysch bereits im August. „Zudem wird berichtet, dass Kassenpatienten abgewiesen werden, weil die Praxen keine Neupatienten aufnehmen. Es kommt vor, dass privatversicherte Neupatienten trotzdem behandelt werden“, kritisiert er.