Sydney Wenn Australien Elon Musk verärgert, ist die nationale Sicherheit in Gefahr
Elon Musk ist der reichste Mann der Welt und dank seiner Firmen Tesla, SpaceX und X einer der mächtigsten. Letzteres hat sich erneut im US-Wahlkampf gezeigt. Australische Strategen warnen inzwischen vor einer Abhängigkeit von Musks Starlink-Internet.
Australien ist mit einer Fläche von rund 7,69 Millionen Quadratkilometern die größte Insel der Erde – rund 21 Mal größer als Deutschland. Dass ein Satelliten-Internetdienst wie Starlink hier zu einem unverzichtbaren Bestandteil des nationalen Telekommunikationsnetzes geworden ist, ist kaum verwunderlich.
Denn aufgrund der riesigen Fläche und geringen Bevölkerungsdichte gibt es im Großteil des Landes keinen Mobilfunkempfang. 200.000 Kunden nutzen deswegen bereits den Dienst von Musk, die Regierung hat ihn selbst in die Notfalldienste des Landes integriert. Feuerwehr- und Polizeiautos werden mit Starlink-Satellitenschüsseln ausgestattet, das Verteidigungsministerium plant, Starlink auf 50 Marineschiffen zu installieren.
Einige Verteidigungsstrategen und Kommunikationsanalysten warnen inzwischen jedoch, dass diese Abhängigkeit eine wachsende Sicherheitsbedrohung darstelle. „In einer Krise“ könne Musk den Zugang plötzlich verweigern, so heißt es.
Dass dies eine durchaus begründete Sorge ist, lässt sich aus einem Bericht der „New York Times“ aus dem vergangenen Jahr bereits herauslesen. Darin hieß es, dass der Milliardär selbst entscheiden könne, ob er den Zugang zu Starlink für einen Kunden oder ein Land sperre. Denn Musk ist Haupteigentümer des privaten Unternehmens SpaceX, das Starlink betreibt.
In einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Biografie über den Milliardär enthüllte der Autor Walter Isaacson dann auch, dass Musk dies bereits getan hat: So soll er einen Angriff der Ukraine auf die russische Flotte vor der Küste der Halbinsel Krim torpediert haben, indem er Starlink in der Gegend nicht freischaltete.
Damit verhinderte er den Einsatz von Militärdrohnen, die für ihren Betrieb auf die Satellitenverbindung angewiesen gewesen wären. Musk bestätigte dies später auf X (ehemals Twitter), wo er schrieb, dass Starlink in solch einem Fall „ausdrücklich an einer großen Kriegshandlung und einer Eskalation des Konflikts beteiligt gewesen wäre“.
„Starlink ist ein zweischneidiges Schwert“, sagte Paul Budde, ein Telekommunikationsanalyst, im Interview mit dem australischen Sender ABC. Leute, die Starlink nutzten, bekämen endlich einen guten Internetdienst. „Aber wenn Elon Musk aus dem einen oder anderen Grund wütend auf Australien wird, könnte er das Ganze schließen.“
Auch Malcolm Davis, Analyst für Verteidigungsstrategien bei der regierungsnahen Denkfabrik Australia Strategic Policy Institute (ASPI), befürchtet, dass sein Land mit Starlink im Zivil- oder auch im Verteidigungsbereich zu sehr von einem einzelnen Betreiber abhängig werden könnte, obwohl er den Dienst grundsätzlich „positiv“ sieht. „In einer Krise könnte er uns den Zugang verweigern“, warnte auch er.
Musks anscheinendes Eingreifen in der Ukraine macht in der Tat deutlich, wie sehr der Unternehmer Weltereignisse inzwischen beeinflussen kann.
Die Ukraine ist – nach dem Angriff Russlands und gekappten Internetverbindungen – von Starlinks Diensten abhängig, sowohl im zivilen als auch militärischen Bereich. Doch Musk soll laut eines Berichts des „Wall Street Journal“, das sich auf mehrere amtierende und ehemalige Beamte aus den USA, Europa und Russland berief, in den vergangenen zwei Jahren auch Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin geführt haben.
Darin soll es neben persönlichen und geopolitischen Themen beispielsweise auch um eine Bitte des russischen Staatschefs gegangen sein, Starlink-Satelliten nicht über Taiwan einzusetzen. Damit habe man dem chinesischen Präsidenten und Putin-Verbündeten Xi Jinping einen Gefallen tun wollen.
Im Anschluss an diese Enthüllungen warnte die britische Zeitung „The Guardian“ dezidiert vor den enormen Auswirkungen auf die westliche Sicherheit, die ein geheimer Kommunikationskanal zwischen Musk und Putin haben könnte.
Nicht nur sei Musk ein wichtiger Akteur im US-Weltraumprogramm, seine Firma SpaceX starte nationale Sicherheitssatelliten der USA und seine Social-Media-Plattform X sei eine der weltweit größten und einflussreichsten. Und letztere sei bereits als Vehikel für russische Desinformationskampagnen genutzt worden.
Dass Musk sich nicht immer auf der Seite der westlichen Verbündeten der USA sieht, zeigte sich zuletzt, als er den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz nach dem Bruch der Ampel-Koalition vergangene Woche als „Narr“ beschimpfte, oder als er dem ebenfalls sozialdemokratischen Premierminister Australiens, Anthony Albanese, vor einigen Monaten vorwarf, Zensur und Propaganda zu betreiben. Dieser möchte soziale Plattformen stärker regulieren und ist damit bei Musk angeeckt.
Nachdem Musk in den vergangenen Monaten nun auch den US-Wahlkampf der Republikaner wortstark und mit hohen Summen unterstützt hat, warnte der ASPI-Experte Davis, dass der Techmogul auch die von ihm kontrollierten Unternehmen für politische Zwecke nutzen könnte. „Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen“, sagte er dem Sender ABC.
Auch Budde bestätigte, dass er die Situation für „sehr gefährlich“ halte. Zugang zum Internet sei nicht nur ein „netter“, sondern ein „wesentlicher Service“. Von einem Unternehmen abhängig zu sein, über das ein Land keine Kontrolle habe und an dessen Spitze eine „völlig unzuverlässige“ Person stehe, das könne eine Regierung eigentlich nicht zulassen.
Die australischen Experten sind nicht die einzigen, die Sicherheitsbedenken in Bezug auf Starlink angemeldet haben. Auch in Israel wurde die Thematik bereits diskutiert. So stellte der israelische Journalist Omer Kabir in einer Analyse im Juni erst die Frage: „Kann sich Israel im Notfall wirklich auf Starlink verlassen?“
Dabei ging es darum, ob das Land den Dienst als Notfall-Backup für den Fall eines Zusammenbruchs traditioneller Kommunikationssysteme nutzen sollte. „Obwohl dies wie eine perfekte Lösung erscheint, gibt es keine Gewissheit, dass Musk den Zugriff auf das System nicht genau im kritischsten Moment während eines Krieges im Norden sperren wird“, schrieb Kabir. Diese Sorge werde dadurch verstärkt, „dass Musk Entscheidungen nicht immer kalkuliert oder aus vernünftigen Motiven trifft“.
Problematisch ist, dass Starlink den Markt des Satelliteninternets derzeit noch dominiert. Doch Alternativen sind im Entstehen: Eine davon ist Eutelsat OneWeb, mit Sitz in London und in Besitz eines französischen Satellitenbetreibers, das im März dieses Jahres auch einen Satelliten-Internetdienst für Australien angekündigt hat. Eine andere ist Amazons „Project Kuiper“, das es ebenfalls mit Musks Übermacht in dem Markt aufnehmen und eigene Satelliten ins All schicken will.