Hamburg/Osnabrück  Das erstarrte Land: Wie es um Deutschland steht, zeigt diese Szene

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 11.11.2024 16:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Tatort Hamburg-Altona: Hier rotten seit Wochen, vielleicht auch eher Monaten drei Absperrschranken vor sich hin. Foto: Dirk Fisser
Tatort Hamburg-Altona: Hier rotten seit Wochen, vielleicht auch eher Monaten drei Absperrschranken vor sich hin. Foto: Dirk Fisser
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Der Stillstand im Land ist unübersehbar. Nichts symbolisiert den Zustand der Republik so sehr wie die allgegenwärtigen Absperr-Utensilien. Sie sind längst mehr als nur eine Warnung vor Gefahren, sondern Mahnung daran, dass es einfach nicht weitergeht mit Deutschland. Ein Essay.

Ich begegne ihnen jetzt schon eine ganze Weile morgens und abends. Sie lehnen an einem Baum am Rande eines Fußweges auf meinem Weg ins Büro. In ihren Glanzzeiten reflektierten sie sicherlich in kräftigem Weiß und Rot, versperrten Verkehrsteilnehmern die Durchfahrt. Mittlerweile haben Wind und Wetter dem Trio arg zugesetzt. Grünspan zieht sich über die Reflektor-Flächen, die teils mit Antifa- und St.-Pauli-Stickern beklebt wurden. Irgendjemand hat einen alten Wäscheständer dazugestellt, jemand anderes einen Hundekotbeutel -gelegt.

Sie, das musste ich erst einmal nachgucken, werden offiziell als Absperrschranken bezeichnet. Neupreis für drei davon im Internet: mehrere Hundert Euro. Offenkundig wurden sie hier an dieser Stelle nach getaner Arbeit zurückgelassen. Was es abzusichern galt? Wer sie vergessen hat? Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Diese Absperrschranken stehen zwar in Hamburg-Altona. Aber vergleichbare Szenerien finden sich doch eigentlich überall in Deutschland.

Mal sind es Schranken, mal Warnbaken oder klassische Kegel: Sie leiten den Verkehr an Autobahn-Baustellen vorbei, auf denen zumindest dann, wenn ich sie passiere, mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade nicht gebaut wird. Oder sie führen auf Umleitungen, die kein Ziel zu haben scheinen. Oder sie sichern den Glasfaser-Ausbau ab, für den derzeit das halbe Land recht planlos aufgerissen wird. Ja, oder sie stehen einfach so vergessen in der Landschaft herum.

Für mich sind solche Verkehrszeichen, wie sie in der Straßenverkehrsordnung definiert und durch DIN normiert sind, die Objekte der Verfasstheit Deutschlands: Sie stehen für ein ermattetes Land, das nicht mehr vorankommt. Die Warnbake ist Symbol der Krise, in der das Land steckt.

Dabei sind Baustellen doch eigentlich ein Bekenntnis für den Aufbruch: Es wird etwas angepackt. Und auch wenn das kurzfristig Einschränkungen und Belastungen bedeutet, wird es danach doch besser. Es ist das stille Versprechen einer besseren Zukunft. Doch diese Verheißung funktioniert in Deutschland nicht mehr.

Autobahn-Baustellen bestehen über Jahre oder schaffen es erst gar nicht durch komplizierte Genehmigungsverfahren. Großprojekte wie Stuttgart 21 scheitern an sich selbst. Bei Bauprojekten der öffentlichen Hand nimmt doch niemand mehr die genannten Kostenrahmen ernst, vermutlich nicht einmal die Planer selbst.

Aber es ist ja nicht mehr nur der Staat, der den Fortschritt verstolpert. Die Fortschritts-Lähmung hat auch die Privatwirtschaft erreicht. In Hamburg beispielsweise ist der spektakuläre Elbtower eine Bauruine, die wie eine Mahnung für den Zustand des Landes in den Himmel ragt. In der Hafencity wurde und wird die Eröffnung eines großen Einkaufszentrums immer wieder verschoben.

Und in Osnabrück kommen öffentliche Hand und private Geldgeber gemeinsam nicht voran. Der Neumarkt, die einstige Prachtmeile der kleinen Großstadt, ist gelebte Fortschrittsverweigerung.

Wenn Sie einmal in sich gehen, fällt Ihnen doch bestimmt auch die eine oder andere Schlaf-Baustelle in ihrer Umgebung ein. Überall wird der Stillstand abgesichert und abgesperrt, so als müsse er für die nachfolgende Generation konserviert werden.

Meine Versuche, die Besitzer der Absperrschranken in Altona ausfindig zu machen, sind übrigens gescheitert. Zwar wird neben St. Pauli und dem Antifaschismus auch ein Unternehmen mit einem Sticker beworben, das tatsächlich Absperrutensilien zur Verfügung stellt. Aus der Zentrale aber heißt es, man könne nicht nachvollziehen, wem die Schranken ursprünglich verkauft oder ausgeliehen worden seien. „Es muss ja eine Baustelle beauftragt worden sein“, sinniert der Unternehmenssprecher und empfiehlt: „Vermutlich durch die Stadt oder ein Telekomunternehmen. Vielleicht können sie dort recherchieren“.

Doch auch diese Spur führt in eine Sackgasse. Die Verwaltung des Bezirksamtes Altona teilt mit: „Der Verursacher der genannten Baken lässt sich nicht identifizieren, da vor Ort verschiedene Maßnahmen durchgeführt wurden.“ Der kommunale Bauhof werde die herrenlosen Bauschranken nun abholen

Deutschland 2024 ist, wenn man vor lauter Warnbaken und Absperrschranken irgendwann niemand mehr sagen kann, was hier eigentlich mal entstehen sollte.

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