Osnabrück  Über Decken und Wände: Ernst Ludwig Kirchner und die Rasanz des Holzschnitts

Dr. Stefan Lüddemann, admin
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Von Dr. Stefan Lüddemann, admin
| 08.11.2024 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ernst Ludwig Kirchner im Selbstporträt: In der Bremer Kunsthalle wird der Klassiker des Expressionismus mit Künstlern der Gegenwart gemeinsam inszeniert. Foto: Stefan Lüddemann
Ernst Ludwig Kirchner im Selbstporträt: In der Bremer Kunsthalle wird der Klassiker des Expressionismus mit Künstlern der Gegenwart gemeinsam inszeniert. Foto: Stefan Lüddemann
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Er war die Leitfigur der deutschen Expressionisten: Ernst Ludwig Kirchner. Die Kunsthalle Bremen entdeckt den Künstler neu – und lässt zeitgenössische Künstler auf sein Werk antworten. Spannend!

Ist das nicht der Kirchner? Das Gesicht mit seinem Ausdruck fiebriger Unruhe, die angespannte Körperhaltung – es könnte schon stimmen. Aber hat der sich nicht 1938 im schweizerischen Davos das Leben genommen? Was macht der Künstler heute in einem Straßencafé an der Potsdamer Straße in Berlin? Die Antwort: Gabriela Jolowicz hat Ernst Ludwig Kirchner, den Schrittmacher des deutschen Expressionismus, auf Zeitreise geschickt. Aus dem Wilhelminismus direkt in die Berliner Republik: Für Kirchner kein Problem. Er wirkt so gegenwärtig, als würde er in der Kunstszene immer noch mitmischen.

„Kirchner Holzschnitte“: Der Ausstellungstitel klingt nach Archiv, nach Kunst aus der Schublade. Die Kunsthalle Bremen breitet aber nicht einfach die Grafiken des wichtigsten Künstlers der „Brücke“ aus. Kuratorin Annett Reckert spiegelt Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) in der Gegenwart. Mit Benjamin Badock, Gabriela Jolowicz und vor allem Thomas Kilpper antworten drei Künstler der Gegenwart auf den Expressionisten. Um es gleich zu sagen: Das Ergebnis ist fulminant.

Dabei sorgt Kirchner selbst schon für einen Energieschub. Sicher, auch die anderen Mitglieder der „Brücke“ wenden sich nach der Gründung der Künstlervereinigung 1905 dem Holzschnitt zu. Mit Kirchners Vehemenz kann es jedoch keiner aufnehmen. Ob nackte Badende im Schilf, das Liebespaar oder ein Selbstporträt: Kirchner verwandelt jedes Motiv in ein Fanal lodernder Lebenslust.

Dabei hilft ihm seine überragende Technik. Und seine Attacke. Graben, schnitzen, schneiden – die Technik des Holzschnitts fordert heraus. Eine Darstellung aus dem Holz herausschneiden, die Linien fein schneiden und zugleich expressiv herausarbeiten, das ist genau Kirchners künstlerische Kragenweite. Kein Motiv verrutscht ihm ins Mittelmaß. Im Gegenteil: Im Holzschnitt gewinnt seine Welt Dringlichkeit und Deutlichkeit. In jedem Augenblick.

Es ist schon staunenswert genug, welch feine Kirchner-Kollektion die Kuratoren der Kunsthalle Bremen aus dem eigenen Bestand an die Wände zaubern können. Zu den rund 180 Exponaten der Schau gehören nicht nur feinste, sondern auch ausgesprochen seltene Drucke. Kirchner druckte von seinen Holzstöcken selbst, oft in nur kleinen Auflagen. Die Blätter sind also durchweg Kostbarkeiten.

Damit wäre der Bremer Schau schon das Gütesiegel sicher. Doch das genügte den Machern nicht. Sie haben drei Holzschneider der Gegenwart dazu animiert, auf Kirchner kreativ zu antworten. Gabriela Jolowicz montiert Porträts des Expressionisten und Figuren seiner Blätter in Szenen des heutigen Berlin. Kirchner avanciert so zu einem Akteur der aktuellen Künstlerszene. Bei Jolowicz ist Kirchner kein Außenseiter in psychischer Grenzsituation, sondern ein Bohemien in der Partyzone. Das ist brillant gedacht und gemacht, ebenso wie die Aktualisierungen Kirchners von Benjamin Badock.

Doch erst mit Thomas Kilppers Rauminstallation wird aus Kirchners historischer Position ein politisches Manifest für heutige Krisenzeiten. Kilpper empfindet Kirchners Motive nicht einfach nach, er schafft in seiner Formensprache ein ganz neues künstlerisches und politisches Universum. Mit den hölzernen Druckstöcken legt er den Boden eines Ausstellungsraumes aus, überzieht mit den Abdrucken Wände und Decke. Holzschnitt als immersives Totalereignis: Was für ein Coup!

Und ein politisches Zeichen dazu. Denn der in Berlin lebende Kilpper montiert Figuren aus der Kunstszene und aus dem politischen Aktivismus zu einem Bilderbogen, der es in sich hat. Mit Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker schauen uns Leitfiguren der Künstlerkolonie Worpswede ebenso an wie der kürzlich verstorbene Kurator Kasper König. Kilpper zeigt aber auch den Kniefall Willy Brandts 1972 in Warschau, bringt Tupoka Ogette, Trainerin für Rassismuskritik, oder Imame Khelif ins Bild, jene bei den Olympischen Spielen von Paris wegen ihrer Geschlechtsumwandlung umstrittene Boxerin.

Kilppers Kunstwerk kann auch als Wandzeitung eines einzigen Engagements für die Menschenrechte gelesen werden. Die grafische Technik des Holzschnitts, vermeintlich eine Sache weniger Kunstexperten, erweist sich unversehens als rasantes Medium aktueller Botschaften. Das alles passt obendrein bestens zu Ernst Ludwig Kirchner, der zu seiner Zeit für Freiheit und Selbstbestimmung kämpfte und sich im Exil das Leben nahm, als er das Gefühl hatte, die Nationalsozialisten würden über Österreich auch seinem Refugium in den Schweizer Bergen unaufhaltsam näher rücken.

Das Bremer Projekt entwickelt auf diese Weise nicht nur ästhetische Brillanz, sondern auch politische Schubkraft. Und Ernst Ludwig Kirchner erscheint als das, was er immer war – der Turbolader des Expressionismus. Sollte übrigens der Titel der Ausstellung des Jahres noch nicht vergeben sein: In Bremen wäre die Trophäe jetzt am richtigen Ort.

Bremen, Kunsthalle: Kirchner. Holzschnitte. 9. November 2024 bis 9. März 2025. Di., 10-21 Uhr, Mi.-So., 10-18 Uhr.

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