Osnabrück Das Sexismus-Menetekel: Warum Trump erneut gegen eine Frau gewann
Mit Donald Trump und Kamala Harris war es so: Zur Wahl standen ein Mann, der bekannt ist für frauenfeindliche Ausfälle, und eine Frau. Und der Mann gewann. Das könnte man für Zufall halten. Wenn Geschlechterfragen nicht auch im Wahlkampf so eine große Rolle gespielt hätten.
Es ist merkwürdig, dass vor lauter Erklärungsversuchen für die Wahl Donald Trumps ein naheliegender, vielleicht der naheliegendste Punkt kaum beachtet wird. Wahrscheinlich, weil er zu beunruhigend ist.
Viel ist ja in den Analysen die Rede von der Migrationsfrage, vom Wahlverhalten der Latinos oder von der Arroganz linker Eliten. Dabei lässt sich der Vorgang, den die Welt da gerade bezeugt hat, am leichtesten so zusammenfassen: Zur Wahl standen ein Mann, der bekannt ist für frauenfeindliche Ausfälle, und eine Frau. Und die Menschen bevorzugten den Mann. Einmal mehr.
Nun könnte man das für reinen Zufall halten, aber das ist es nicht: Der ganze Wahlkampf hat sich ja stark um Geschlechterrollen gedreht. Gerade Kamala Harris’ Kampagne setzte mit dem Abtreibungsthema bewusst auf die Frauenfrage. Und hätte Harris gewonnen, es wäre allgemein als ein historischer Moment wahrgenommen worden: die erste Frau im Weißen Haus. So wie es schon bei Hillary Clintons Duell mit Trump 2016 ein historischer Moment gewesen wäre.
Die Amerikaner – und Amerikanerinnen – haben diesen historischen Moment aber nicht gewollt.
Vor der Wahl meinte der amerikanische Romanautor Jonathan Franzen in einem „Welt“-Interview: „Es tut mir leid, das zu sagen, aber wäre Harris ein Mann mit genau denselben Qualifikationen, dann hätte Trump keine Chance.“ Es gehe dabei nicht unbedingt um offenen Sexismus. „Es kann mehr wie das subtile Unbehagen sein, das manche Flugreisende verspüren, wenn sie feststellen, dass ihr Pilot eine Frau ist.“
Die Wahl Donald Trumps hat gezeigt, wie verbreitet dieses subtile Unbehagen selbst in einer so liberalen und fortschrittlichen Gesellschaft wie der amerikanischen bis heute ist. Falls es nicht sogar wieder stärker um sich greift als früher und das ewige Ringen um Gleichberechtigung zusätzlich erschwert. Amerika ist uns in allem ein paar Jahre voraus, heißt es. Aber man muss ja nicht alles nachmachen.