Frankfurt Rückehrer Hecking kämpft für den VfL Bochum – und für seine Altersklasse
Der VfL Bochum setzt bei der Mission Klassenerhalt mit Dieter Hecking auf einen erfahrenen Trainer. Auf einen der alten Garde. Dass das Experiment gelingt, darauf hoffen der Club selbst, Hecking freilich – und auch seine Altersgenossen mit Trainerschein, vermutet Kolumnist Udo Muras.
Die Fans des VfL Bochum dürften zu denen gehören, die in ihrem Leben die Tabelle am häufigsten einfach mal umdrehen. Ein bisschen Selbstbetrug, um das Elend zu ertragen, an das sie sich seit Anbeginn ihres Fan-Daseins gewöhnen mussten. Der VfL, der nie als sexy, aber einst als unabsteigbar galt, steckt wieder mal tief im Keller und wäre die Saison noch nicht so jung, es wäre glatt zum Verzweifeln. Nach neun Spieltagen hat in 61 Bundesligajahren noch keine Mannschaft eine schlechtere Bilanz vorzuweisen gehabt und das will was heißen. „Dat war ja klar“, sagen sie nun im Ruhrpott. Wie konnten sie auch nur mit so einem Trainer in die Saison gehen?
Der zweitälteste Anfänger aller Zeiten, ein gewisser Peter Zeidler, zuletzt in St. Gallen tätig, musste ja scheitern. Schon 62 und noch keine Bundesligaerfahrung? Der einzige Vorteil eines Trainer-Opas ist doch wohl der, dass er so viel gewonnen und erlebt hat, dass die Generation Tiktok mal kurz das Handy weglegt und ehrfürchtig zu ihm aufschaut, wenn er was erzählt. War bei Zeidler halt nicht der Fall, sicher aber hat er von allen Trainern, die nie ein Bundesligaspiel gewannen, die nettesten Interviews gegeben.
Dass es vielleicht auch an der Mannschaft gelegen haben könnte, will man nach 2:12 Toren in der kurzen Interimszeit unter dem Ex-VfLer und Co-Trainer Markus Feldhoff – in zwei Spielen – nicht ganz ausschließen. Aber trotzdem, im Fußball werden die Trainer gefeuert, wenn’s nicht läuft. Die Bochumer haben sich nun dem allgemeinen Jugendwahn anzunähern versucht und einen Jüngeren genommen – Dieter Hecking ist im September ja erst 60 geworden und hat trotzdem schon allerhand Erfahrung: 418 Bundesligaspiele als Coach, Pokalsieger 2015 mit dem VfL Wolfsburg, Aufsteiger mit Alemannia Aachen und Fastaufsteiger mit dem HSV. Das ist zu erwähnen, da es schließlich noch keinen Hamburger Aufstiegstrainer gibt.
Also: Hecking, der Retter? Werden wir mal ernst: Um diesen Verein zu retten, braucht es ein mittelschweres Wunder angesichts einer fatalen Personalpolitik im Sommer, die darin bestand, alle Spieler, die auch Lieschen Müller auf der Straße erkennen würde, abzugeben und absolut nichts Gleichwertiges zu holen. Da fragt man sich schon, warum sie überhaupt diesen Kraftakt in der Relegation (3:0 in Düsseldorf nach 0:3 im Hinspiel) samt gewonnenem Elfmeterschießen hingelegt haben? Konsequenterweise wurde wenigstens auch der nicht minder unerfahrene Sportdirektor, ein Herr Lettau, entlassen.
Hecking indes ist ein alter Fahrensmann, nur das Zaubern hat er nie gelernt. Sonst wäre das zuletzt in Nürnberg doch etwas besser gelaufen. Dort war er seit 2020 Sportvorstand und in seiner Ära geriet das Ziel Wiederaufstieg immer weiter aus den Augen. Als Trainer war er 2023 noch mal kurz eingesprungen, weil er eben einer ist. Eigentlich aber war er schon raus und darin sehe ich das Problem.
In Bochum haben sie das schon einmal versucht. Im Januar 2001 trat ein Mann mit einem etwas unglücklichen Namen nach zwei Jahren Pause und knapp 64 auf dem Buckel ein Himmelfahrtskommando an: Rolf Schafstall tat es aus Liebe zum Verein und dem Präsidenten, retten konnte er nichts mehr. Ich darf an Otto Rehhagel erinnern und seine aufsehenerregende, aber erfolglose Rettungsmission in Berlin. Er war anno 2012 schon 73 und hatte die Bundesliga elf Jahre gemieden.
Okay, mit Felix Magath ging es gerade noch mal gut in Berlin 2022, aber von neun Spielen verlor die Hertha fünf. Mit Friedhelm Funkel geht es ja immer gut, warum hat den 70-Jährigen eigentlich noch keiner verpflichtet? Nach seinem „endgültigen“ Rücktritt 2020 in Düsseldorf hat er noch Köln und Kaiserslautern gerettet, die Pfälzer als Zweitligist im Mai sogar ins Pokalfinale geführt. Aber Funkel war nie etwas anderes als ein Trainer, auch im Ruhestand immer auf Ballhöhe.
Hecking saß jetzt vier Jahre hinter dem Schreibtisch. Versteht er das Spiel noch, sind seine Trainingsmethoden zeitgemäß, wie kommt er mit Spielern klar, die seine Söhne sein könnten? Bochum geht ein Risiko, mit einem Trainer aus dem Ruhestand. Der Vertrag läuft klugerweise nur bis Saisonende, sie müssen ja noch einige Ehemaligen bezahlen. Das Comeback des Mannes, dessen Kopf schnell rot leuchtet, bringt jedenfalls Farbe in den tristen Tabellenkeller der Liga und sendet auch ein Hoffnungszeichen. Die Alten sind doch noch nicht vergessen in einer Liga, in der elf Trainer ihre erste Station im Oberhaus erleben. Weder Jugend noch Alter garantieren Erfolg, da müssen die Bochumer nur zum Reviernachbarn Borussia Dortmund schauen, wo ein 36-Jähriger vom ersten Herbststurm womöglich bald weggefegt wird. Hecking weiß, was zu tun ist. Eine Menge arbeitsloser Trainer, die noch nicht aufs Altenteil wollen, sind ab heute Bochum-Fans.