Paris  Wegen Mohammed-Karikatur ermordet: Prozessauftakt gegen mögliche Komplizen im Fall Paty

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 04.11.2024 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Ermordung von Samuel Paty erschütterte Frankreich. Foto: dpa/Kira Hofmann
Die Ermordung von Samuel Paty erschütterte Frankreich. Foto: dpa/Kira Hofmann
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Im Oktober 2020 wurde der Geschichtslehrer Samuel Paty Opfer eines brutalen Mordes: Weil er anhand einer Mohammed-Karikatur das Thema Meinungsfreiheit erklärte, wurde er brutal getötet. Der Täter wurde damals erschossen. Jetzt stehen mutmaßliche Komplizen in Paris vor Gericht.

Es ist ein Freitagnachmittag im Oktober 2020, kurz vor den Herbstferien, als Samuel Paty sich auf den Heimweg macht. Er ist Geschichtslehrer an einer Mittelschule in Conflans-Saint-Honorine nordwestlich von Paris und lebt seit Tagen in Angst, „wie auf einem anderen Planeten“, wird später ein Kollege von ihm sagen.

Paty erhält Morddrohungen, seit er Anfang Oktober in einer Unterrichtsstunde zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt hat. Durch eine in der Folge von einem Vater angestoßene Hasskampagne im Netz auf den Lehrer aufmerksam geworden, lässt sich der 18-jährige Abdoullakh Anzorov, ein russisch-tschetschenischer Flüchtling, an jenem Freitagnachmittag von einem Freund zur Schule fahren und bezahlt dort Jugendliche, um ihm Paty zu zeigen.

Als dieser aus dem Gebäude kommt, verfolgt er ihn, greift ihn mit einem Messer an, enthauptet ihn und veröffentlicht ein Foto von dessen Kopf wie eine Trophäe im Internet. Kurz darauf stellt die Polizei den Mörder und erschießt ihn, weil er die Beamten bedroht.

Er selbst kann nicht mehr vor Gericht gestellt werden, aber gegen acht mutmaßliche Mittäter begann am Montag vor einem Sonderschwurgericht in Paris der Prozess. Unter anderem soll geklärt werden, welche Verantwortung dem Vater einer Schülerin und einem radikalisierten Aktivisten zukommen, die Hetz-Videos gegen Paty verbreitet hatten.

Angeklagt sind auch die beiden Freunde Anzorovs, die ihn beim Waffenkauf begleiteten und von denen ihn einer von ihrer Heimatstadt Évreux in der Normandie zum Tatort fuhr. Ihnen drohen lebenslängliche Strafen. Angeklagten ist auch eine Frau, mit der Anzorov in regem virtuellen Austausch stand, die ihn möglicherweise ermutigt haben soll.

„Der Mord resultierte aus einer Verkettung von Ereignissen, beginnend in der Schule und fortgeführt in den sozialen Netzwerken“, sagte Virginie Le Roy, die Anwältin von Patys Eltern und seiner Schwester Gaëlle. Über die Frage der jeweiligen Schuld hinaus gehe es auch um die „Verteidigung der Freiheit, zu unterrichten“, so Le Roy.

Der Mord an dem 47-Jährigen erschütterte Frankreich aufgrund der extremen Grausamkeit, aber auch der großen Symbolkraft: In dem laizistischen Land gilt im öffentlichen Raum die strikte Trennung von Staat und Religion, in Schulen sind keine religiösen Symbole erlaubt.

In seiner Stunde mit dem Titel „Dilemma-Situation: Charlie sein oder nicht sein“ bezog sich Paty auf die provokanten Mohammed-Karikaturen in der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, deren Macher im Januar 2015 Ziel eines blutigen islamistischen Anschlags wurden. Das Schlagwort „Ich bin Charlie“ ging damals um die Welt.

Paty hatte den muslimischen Schülern angeboten, wegzuschauen, falls die Darstellungen des Propheten sie verletzen sollten. Eine 13-Jährige war zwar an jenem Tag gar nicht in der Schule, doch um ihr Fehlen zu rechtfertigen, erzählte sie ihrem Vater, Brahim Chnina, der Lehrer habe sie aus dem Raum geschickt. Erzürnt beschwerte sich dieser in Begleitung des islamistischen Aktivisten Abdelhakim Sefrioui bei der Schuldirektorin und bezichtigte Paty in Videos als „Mistkerl“, der bestraft werden müsse.

Chnina und Sefrioui drohen jeweils bis zu 30 Jahre Haft. Bei einem ersten Prozess gegen sechs Minderjährige im vergangenen Dezember wurde Chninas Tochter zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Auch die Jugendlichen, die den Lehrer verraten hatten, erhielten bis auf eine Ausnahme Bewährungsstrafen.

Patys Angehörige hatten sich enttäuscht über das milde Strafmaß geäußert. Seine Eltern und seine beiden Schwestern sehen außerdem eine Mitschuld bei den Schulbehörden und dem Staat und haben eine Klage gegen das Innen- und das Erziehungsministerium, unter anderem wegen unterlassener Hilfeleistung, eingereicht. Paty wusste sich bedroht, hatte Anzeige erstattet, das Kollegium per Mail informiert. Konkrete Hilfe für ihn blieb aus.

Fast auf den Tag genau drei Jahre nach dem Mord wurde erneut ein Geschichtslehrer, Dominique Bernard, von einem jungen Islamisten im nordfranzösischen Arras getötet – ein weiterer Fall, der das Land schockierte. Zum Jahrestag im Oktober gab es eine Gedenkveranstaltung für beide Männer. Die Schule in Conflans-Sainte-Honorine wird im Frühjahr umbenannt in „Collège Samuel Paty“. Der Prozess soll bis 20. Dezember dauern.

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