175 Jahre TGG in Leer  So war es als Junge auf einem Mädchengymnasium

Jonas Bothe
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Von Jonas Bothe
| 31.10.2024 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dr. Rainer Kretschmer zeigt auf das alte Gebäude des Teletta-Groß-Gymnasiums am Harderwykensteg. Foto: Bothe
Dr. Rainer Kretschmer zeigt auf das alte Gebäude des Teletta-Groß-Gymnasiums am Harderwykensteg. Foto: Bothe
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Das TGG in Leer feiert Jubiläum. Dr. Rainer Kretschmer war in den 1960ern einer der wenigen Jungen an der Schule. Das brachte Besonderheiten mit sich. Heute gibt es am TGG andere Herausforderungen.

Leer - Sechs Jahrzehnte ist es her, dass Dr. Rainer Kretschmer sein Abitur am Teletta-Groß-Gymnasium (TGG) in Leer gemacht hat. Das Besondere: Damals war die Schule, die in diesem Jahr 175 Jahre alt wird, noch ein Mädchengymnasium. Der heute 80-jährige Kretschmer war mit wenigen anderen Jungen eine Ausnahme.

Der kommissarische Schulleiter Frank Wieligmann (von links), Lehrer Dr. Peter Vollmers sowie der ehemalige Schüler und Lehrer Dr. Rainer Kretschmer stehen in der Jubiläumsausstellung. Foto: Bothe
Der kommissarische Schulleiter Frank Wieligmann (von links), Lehrer Dr. Peter Vollmers sowie der ehemalige Schüler und Lehrer Dr. Rainer Kretschmer stehen in der Jubiläumsausstellung. Foto: Bothe

„Ich hatte auf der Realschule Französisch gelernt“, sagt er. Nach seinem Abschluss an der Friesenschule, die sich im heutigen Offizierheim an der Papenburger Straße befand, wollte er das Gymnasium besuchen. Mit Französisch als zweite Fremdsprache sei das in Leer aber nur am TGG möglich gewesen. Am Ubbo-Emmius-Gymansium, zu dem damals nur Jungen gingen, wurde hingegen Latein und Altgriechisch unterrichtet. So wechselte er gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester 1960 zum TGG.

Wenige Jungen unter 400 Schülerinnen

„In der zehnten Klasse war ich der einzige Junge“, erinnert sich Kretschmer. Insgesamt hab es zu seiner Zeit minimal fünf und maximal elf Jungen am TGG gegeben – unter rund 400 Schülerinnen. Zum Vergleich: Heute hat das Gymnasium, das seit 1972 auch Jungen besuchen dürfen, etwa 1000 Schülerinnen und Schüler.

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175 Jahre Teletta-Groß-Gymnasium
30.10.2024

Dr. Rainer Kretschmer erinnert sich noch genau an seinen ersten Tag am Mädchengymnasium. Das alte Schulgebäude befand sich am Harderwykensteg. In der Aula habe es eine Versammlung gegeben. „Alle anderen waren schon da“, sagt er. Gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester sei er dann hineingegangen. „Rund 350 Mädchen starrten mich an“, erinnert sich der 80-jährige Leeraner. Dass jetzt ein Junge in der Klasse war, habe bei den anderen nicht für große Freude gesorgt. „Manche wollten es nicht unbedingt“, sagt Kretschmer. Auch die damalige Schulleiterin habe ihm schnell zu verstehen gegeben, dass die Mädchen für ihn tabu seien. „Dann hätte ich größte Schwierigkeiten bekommen“, sagt er.

Liebesbriefe vom UEG zum TGG gebracht

„Für mich gab es keinen richtigen Sportunterricht“, erinnert sich der Leeraner. Ein Lehrer sei zwischenzeitlich dafür abgestellt gewesen. „Ansonsten ging es ab und zu ans UEG zum Sportunterricht“, sagt Kretschmer. „Das hatte den Vorteil, dass ich den Postillon d‘amour spielen konnte.“ So nahm er Liebesbriefe vom Jungengymnasium mit und überbrachte sie den Mädchen. Am TGG habe es damals auch nur zwei junge Lehrer gegeben. Meist seien es unverheiratete Frauen gewesen, der Großteil sei schon älter als 50 – einige sogar über 70 – gewesen.

Festschrift

Zum 175-jährigen Bestehen ist eine Festschrift erschienen. Sie zeigt Vergangenheit und Gegenwart des Teletta-Groß-Gymnasiums. Sie ist sowohl im Schulsekretariat (montags bis donnerstags von 8 bis 15 Uhr) als auch in den Buchhandlungen Plenter, Schuster und Borde erhältlich.

Nach dem Abitur 1964 studierte Dr. Rainer Kretschmer Chemie, promovierte und ging zunächst in die Privatwirtschaft. Schließlich wurde er Lehrer und kehrte ans TGG zurück, wo er bis zum Eintritt in den Ruhestand blieb.

Altes Schulgebäude wurde 1967 abgerissen

Das TGG wurde 1849 unter anderem von der Leeranerin Teletta Groß gegründet. Ihr Ziel war es, eine gleichwertige Ausbildung der Frauen in Leer zu schaffen. Früher war es die „höhere Töchterschule“. Im Jahre 1877 übernahm die Stadt Leer die Bildungseinrichtung, die seitdem eine öffentliche Schule ist. 1882 wurde das erste eigene Schulgebäude am Harderwykensteg errichtet. In der Zeit des Nationalsozialismus sowie 1957 entstanden weitere Gebäude.

Rechts im Bild ist die Höhere Töchterschule am Harderqwykensteg zu sehen. Foto: Landesarchiv NRW
Rechts im Bild ist die Höhere Töchterschule am Harderqwykensteg zu sehen. Foto: Landesarchiv NRW

Die ursprüngliche Schule am Harderwykensteg wurde 1967 abgerissen. 1969 wurde ein neues Gebäude an dieser Stelle eröffnet. Von da an ist das Gymnasium nach Teletta Groß benannt. 2001 wurde ein weiteres Gebäude gebaut sowie in der Folge weitere umgebaut und saniert. Seit 2020 steht das ehemalige EWE-Verwaltungsgebäude an der Ubbo-Emmius-Straße für die Oberstufe zur Verfügung. Mit einem Tag der Ehemaligen und einem Festakt wurde nun das Jubiläum gefeiert.

Künstliche Intelligenz als eine Herausforderung

In 175 Jahren gab es immer wieder neue Herausforderungen zu bewältigen. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz sowie die Integration von Geflüchteten und Menschen mit Behinderung seien die aktuellen Themen, sagt der kommissarische Schulleiter Frank Wieligmann. „Im Oktober 2012 stand erstmals eine syrische Flüchtlingsfamilie vor unserer Tür“, erinnert sich der Schulleiter. Mittlerweile hätten alle dieser vier Kinder einen Hochschulabschluss erlangt. „Das rührt einen“, sagt Wieligmann. Nach 2015 – als viele weitere Geflüchtete aus Syrien nach Deutschland kamen – sowie nach Beginn des Ukraine-Kriegs sei die Integration dieser Schülerinnen und Schüler eine Herausforderung gewesen.

Auf diesem Luftbild aus dem Jahr 2013 kann man die verschiedenen Gebäude des TGG erkennen. Foto: TGG
Auf diesem Luftbild aus dem Jahr 2013 kann man die verschiedenen Gebäude des TGG erkennen. Foto: TGG

Das gelte auch für die die Aufnahme von Schülern mit emotional-sozialer Beeinträchtigung durch die Auflösung der Förderschulen, so Wieligmann. Im einstelligen Bereich liege derzeit die Anzahl der Jugendlichen mit diagnostizierter Beeinträchtigung. „Die Herausforderung wäre einfacher zu stemmen, wenn Förderschulkräfte zur Verfügung gestellt werden könnten“, betont der Schulleiter.

Ein Blick auf den Haupteingang des TGG von der Gaswerkstraße aus. Foto: Ortgies
Ein Blick auf den Haupteingang des TGG von der Gaswerkstraße aus. Foto: Ortgies

Auch die Umsetzung der Digitalisierung beschäftige die Verantwortlichen immer weiter. Der jetzige elfte Jahrgang sei der erste, der vollständig Tablets bekommen habe. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz biete sowohl die Möglichkeit, Unterrichtsmaterial individualisiert zu gestalten, werfe aber auch die Frage auf, wie viel Wert Hausaufgaben und Facharbeiten noch haben, sagt der Schulleiter. Zudem sei es wichtig zu vermitteln, wie man gefälschte Medien im Internet erkenne. „Da ändert sich Schule nicht“, betont Wieligmann. „Hinterfragen und kritisches Denken ist die Daueraufgabe.“ Es habe nur ein neues Spielfeld.

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