Osnabrück 50 Jahre Überraschungsei: Von Plastikfiguren bis zum Sammlerhype
Vom simplen Schokoladenei zum Kultobjekt: Wie ein kleines Spielzeug in jedem 7. Überraschungs-Ei zur Sammelleidenschaft führte und Sammler in Aufregung versetzt. Ferreros geheime Erfolgsformel und der unglaubliche Hype um die ikonischen Figuren im Rückblick auf 50 Jahre Ü-Ei.
Der Sohn telefoniert mit dem Vater: „Bringst du mir auch was mit?“ Der Vater antwortet: „Vielleicht, ‘ne Kleinigkeit.“ Daraufhin das Kind freudestrahlend: „Au ja, was Spannendes und was zum Spielen und Schokolade.“ Der Vater lacht: „Aber das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal. Das geht nun wirklich nicht.“ Nun belehrt uns eine Stimme aus dem Off: „Doch, mit Kinder-Überraschung. Das ist Spannung, Spiel und Schokolade. Alles in einem.“ Dieser Werbespot aus den 1980er Jahren, der damals unzählige Male über den Äther lief, ist dem einen oder der anderen sicher noch gut in Erinnerung.
Genau das ist nämlich das Geheimrezept des italienischen Süßwarenherstellers Ferrero: Die Überraschungs-Eier für Kinder, die 1974 erstmals auf den deutschen Markt kamen, erfüllen gleich drei Wünsche auf einmal, wie die Werbung sagt. In dem hohlen Ei aus Vollmilch- und weißer Schokolade wartet seit nunmehr 50 Jahren eine Überraschung in Form einer kleinen Hartplastikfigur oder eines anderen Spielzeugs.
Vor allem die kleine Figur, die sich laut Herstellerversprechen in Deutschland heute in jedem 7. Ei befindet, hat es nicht nur den Kindern, sondern auch den Sammlern angetan. Kein Wunder, werden doch manche besonders seltene Exemplare inzwischen für astronomische Summen von mehreren tausend Euro gehandelt.
Dabei ist die Idee eigentlich gar nicht so neu. Produktzugaben sind so alt wie der Handel selbst. Im 19. Jahrhundert legten deutsche Hersteller ihrer Schokolade kleine Sammelbildchen bei. Diese wurden auch bei Kaffee und Zigaretten üblich. Zwischen den beiden Weltkriegen drängten dutzende Margarinehersteller auf den Markt und alle wollten ihre Produkte an den Mann oder die Frau bringen. Produktzugaben waren da eine gute Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzuheben.
Na, und wer quengelt besonders erfolgreich? Genau, Kinder! Also legten bald immer mehr Margarinehersteller ihren Produkten kleine Figuren aus Pappe, Holz, Metall oder Plastik bei, die sogenannten Margarinefiguren, für die es bis heute ebenfalls einen Sammlermarkt gibt. Das waren dann in der Regel Märchenfiguren, Tiere, aber auch kleine Schiffe oder Lokomotiven.
Das im italienischen Alba gegründete Unternehmen Ferrero setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls auf Produktzugaben wie Sammelbildchen und ab Mitte der 1950er Jahre auch auf Tierfiguren. Später, in den 1970ern, fanden sich in den Deckeln der hauseigenen Nutella-Nuss-Nougat-Creme unter anderem kleine Geduldsspiele. Die Idee des Überraschungs-Eis lag damit praktisch in der Luft, könnte man sagen. 1974 war es dann soweit und die ersten, mit kleinen Spielzeugen gefüllten Schokoladeneier standen in Deutschland zum Verkauf, damals übrigens noch Hohleier genannt.
Anfangs wurden die Spielzeuge noch von anderen Herstellern zugekauft und so fanden sich in den ersten Überraschungs-Eiern die gleichen Plastikringe, Cowboy-Figuren und Autos wie in den Wundertüten oder Kaugummiautomaten der Zeit. Doch, das änderte sich bald. Die erste handbemalte, fortlaufende Plastikfigurenserie, die in Lizenz produziert wurde, waren die Schlümpfe, die damals in jedem Kinderzimmer absolut angesagt waren.
„Erkennst du deinen Schlumpf?“, nannte sich die Produktserie, die mit einer weiteren Neuerung aufwartete: Jede Figur wurde von einem kleinen Beipackzettel begleitet, auf dem alle anderen Figuren der Serie abgebildet waren, sodass man sofort wusste, welche Figuren einem noch fehlten. Dem Sammelfieber wurden so Tür und Tor geöffnet. Einige Zeit später, 1983, folgte die „Olympiade der Schlümpfe“, die heute unter Sammlern zu den gesuchtesten Serien überhaupt zählt. Als Diorama-Werbeaufsteller mit allen Figuren und originalem Schokoladenei können da schon mal 18.000 Euro fällig werden.
Allerdings sollte es noch bis etwa Ende der 1980er Jahre dauern, bis das Sammeln der kleinen Plastikfigürchen zum ganz großen Hype wurde und gefühlt jeder, aber auch wirklich jeder zu Hause etliche der Teeny Tapsi Törtels (1987), Happy Hippos (1988) oder Peppy Pingos (1992) aufgestellt hatte. Das Besondere daran: Sie alle und viele weitere noch dazu wurden von dem Münchner Designer André Roche extra für die Überraschungs-Eier erfunden. Es gab die Charaktere also nicht schon zuvor anderswo, wie etwa die „Biene Maja“ oder „Asterix“.
Aber nicht nur Kinder, auch viele Erwachsene wurden von dem neuen Sammelfieber angesteckt. Bald schon gab es eine ganze Reihe von Preiskatalogen, die jeder für sich beanspruchten, den einzig richtigen Marktpreis ermittelt zu haben. Für den sogenannten Nachtwächterschlumpf können beispielsweise atemberaubende 15.000 Euro fällig werden, allerdings nur dann, wenn es sich um ein Exemplar aus blauem Grundmaterial handelt, das weiß bemalt wurde. Die ganz normale Serienfigur schlägt heute gerade einmal mit 7 Euro zu Buche.
Das ganz große Problem für jeden Sammler damals wie heute: Eine kleine Plastikfigur findet sich längst nicht in jedem Ei. Es muss also aussortiert werden. Aber wie, wenn die Verpackung keinen Einblick in das Innenleben gewährt? In der Blütezeit der Ü-Eier, wie die Überraschungs-Eier unter Sammlern bald genannt wurden, stauten sich die Optimisten vor der Gemüsewaage im Supermarkt, um die Eier abzuwiegen und am Gewicht auf den Inhalt zu schließen. Andere Enthusiasten setzten auf ihr Gehör und schüttelten die Ü-Eier, um am Klappergeräusch deren Innenleben zu erahnen.
Mit dem immer weiter zunehmendem Hype um die kleinen Plastikfigürchen und anderen Spielsachen, die bald auch gesammelt wurden, ja sogar die Beipackzettel sind inzwischen heiß begehrt, dauerte es natürlich nicht allzu lange, bis die ersten Fälscher auf den Plan traten.
Da die Fälschungen mit der Zeit immer besser wurden und die Sammler so mehr und mehr verunsicherten, sprangen bald die ersten Fans auch schon wieder ab und wendeten sich anderen Sammelgebieten zu wie Pokémon, Diddl-Maus, Telefonkarten oder Swatch-Uhren. Zudem verlagerte sich die Sammler-Szene bald zunehmend ins damals neue Internet. Der ganz große Hype war vorbei.
In den 2000er Jahren zogen vermehrt Kinofilm-Figuren in die Überraschungs-Eier ein, wie etwa die Charaktere von „Der Herr der Ringe“. Die Happy Hippos durften sogar mit „Star-Wars - Das Hipperium spielt verrückt“ den „Krieg der Sterne“ durch den Kakao ziehen, offiziell genehmigt vom Filmemacher George Lucas.
2006 kam der Ü-Ei-Ableger Kinder-Joy auf den deutschen Markt, der das Schokoladenei durch Plastik ersetzte. In einer der beiden Hälften des Plastikeis befindet sich bis heute eine Nuss-Nougat-Creme, in der anderen Hälfte ein Spielzeug.
Das hatte für den Hersteller gleich zwei Vorteile. Zum einen konnte das Produkt auch in den heißen Sommertagen verkauft werden, in denen die klassischen Ü-Eier vom Schmelzen bedroht waren. Zum anderen ließ sich diese Variante des Überraschungs-Eis nun auch in den USA verkaufen, in denen Lebensmittel mit nicht-essbarem Inhalt (schließlich ist das Plastikinnenleben von Schokolade umgeben) verboten waren und bis heute sind.
Nicht so gut kam allerdings in neuerer Zeit die Idee an, ein pinkfarbenes Ü-Ei herauszubringen, in dessen Inneren sich Winx-Feen-Figuren befanden. Es gab sogar eine Petition, die den Hersteller Ferrero dazu bringen wollte, die Figuren auslaufen zu lassen, da sie „übersexualisiert und strichdünn“ seien. Eine Herausforderung für die Zukunft ist es aber auch, die Ü-Eier nachhaltiger zu machen, was dem eigenen Bekunden des Unternehmens nach angestrebt wird.
Aktuell wird aber erst einmal der 50. Geburtstag der Ü-Eier in Deutschland gefeiert. Mal schauen, welche Überraschungen die nächsten 50 Jahre so bringen.