Hamburg  Technische Assistenten im Auto: Diese Bevormundung hinterm Steuer nervt tierisch!

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 20.10.2024 16:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wenn das Auto den Fahrer in den Wahnsinn treibt: Dieses Symbolfoto zeigt das emotionale Innenleben des Autoren während einer Autofahrt mit allerlei Warnungen. Foto: Imago/bonn-sequenz
Wenn das Auto den Fahrer in den Wahnsinn treibt: Dieses Symbolfoto zeigt das emotionale Innenleben des Autoren während einer Autofahrt mit allerlei Warnungen. Foto: Imago/bonn-sequenz
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Es piept, es blinkt, es ruckelt und rumpelt… Autofahren in neuen Pkw macht einfach keinen Spaß mehr. Am laufenden Band wird der Fahrer von sogenannten Assistenzsystemen bevormundet, die es besser zu wissen glauben. Nach einer Woche mit einem Besserwisser-Bordcomputer steht für mich fest: Dann doch lieber das Tempolimit auf der Autobahn!

Es gibt zwei Typen von Autobesitzern: Die einen wechseln ihre Pkw regelmäßig. Die anderen fahren so lange mit ihrem Auto durch die Gegend, bis gar nichts mehr geht und das Todesurteil durch den TÜV droht. Ich bin Typ 2 und habe deswegen diverse technische Entwicklungen in modernen Pkw verpasst und ignoriert. Für mich sind elektrische Fensterheber immer noch Fortschritt.

Um so größer dann das Erwachen, als kurzfristig ein Mietwagen hermusste. Es wurde ein moderner Audi A3, mit wenigen Kilometern auf dem Tacho, dafür mit umso mehr Technik an Bord, die mir weitgehend neu war. Schon nach wenigen Hundert Metern wurde klar: In diesem Auto habe ich kaum noch etwas zu melden!

1 Kilometer zu schnell unterwegs? Der Tempowarner piept. Zu spät beim Überholen geblinkt? Der Spurhalteassistent hält dagegen, als gehe es darum, den Bizeps zu trainieren. Die herbstliche Sonne blendet? Der Bordcomputer warnt vor Übermüdung. Hoch konzentriert in einer verengten Baustelle neben Lkws unterwegs? Der Bordcomputer erklärt den Fahrer offenbar für tot und will einen Notruf absetzen. Und nicht zu vergessen: Durchgehend die akustische und optische Ermahnung, die Hände ans Lenkrad zu nehmen, obwohl sie dort längst sind.

Ich habe nach Rückgabe des Fahrzeugs recherchiert und habe schlechte Nachrichten für Sie, sofern Sie auch ein Typ-2-Autofahrer sind: Die genannten Fahrassistenten werden oder sind Pflicht. Wenn Sie in den kommenden Jahren einen Neuwagen oder ein neuwertiges Fahrzeug kaufen, wird dieses laut ADAC folgende Systeme beinhalten müssen, die EU schreibt dies vor:

– Intelligenter Geschwindigkeitsassistent (ISA): Das System warnt akustisch, optisch oder haptisch vor Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit.

– Notbremslicht.

– Rückfahrassistent: Warnung des Fahrers vor hinter dem Fahrzeug befindlichen Personen und Objekten.

– Notbremsassistent: Das System erkennt eine Gefahrensituation selbstständig und veranlasst das Abbremsen des Fahrzeugs.

– Spurhalteassistent: Greift ein, wenn das Fahrzeug die Fahrspur verlässt und ein Zusammenstoß drohen könnte.

– Automatisiertes Notrufsystem eCall: Das System ruft selbstständig bei schweren Unfällen die Notrufnummer 112 an.

Durch das eCall-System, so hieß es seiner Zeit beispielsweise, erwarte die EU bis zu 2500 Verkehrstote weniger pro Jahr. Klingt toll, ich selbst fühlte mich durch das System aber eher gefährdet als wohlbehütet. Denn was macht der quicklebendige Fahrer, wenn ihm sein Auto mehr als einmal mitteilt, keine Lebenszeichen mehr zu erkennen und einen Notruf absetzen zu wollen? Oder der Geschwindigkeitswarner falsche Tempolimits erkennt?

Meine weiteren Recherchen ergaben, dass ich nicht als einziger mit den „Nerv-Assistenten“ fremdele. In zig Internet-Foren fragen Autofahrer, wie sich jene denn nun dauerhaft abschalten lassen. Die Antwort: beim Typus meines Mietwagens ohne Weiteres gar nicht. Mit jedem Neustart des Fahrzeugs geht das Generve von Neuem los. Hurra!

Nun mag es sein, dass ich einen Montagswagen erwischt habe, dessen Systeme nicht nur hypersensibel, sondern schlicht defekt waren. Auch der ADAC wies schon darauf hin, dass die Assistenten bei vielen Modellen und Herstellern verbesserungswürdig sind. Bei der Rückgabe des Fahrzeugs sicherte man mir jedenfalls zu, das einmal überprüfen zu wollen. Gefühlt fehlte nur der Halbsatz: „Okay, Boomer…“

Ich hadere. Mit der Wahl eines neuen Autos, die alsbald ansteht. Aber auch mit mir selbst und meiner Bereitschaft, offen für neue Technik zu sein – eine Eigenschaft, die ich mir bislang eigentlich immer selbst zugeschrieben habe. Ist es mittlerweile so weit, dass der Fortschritt ohne mich stattfindet?

Aber mal ehrlich: Wenn ich schon eh nichts mehr darf hinter dem Steuer, wieso dann nicht auch gleich noch ein Tempolimit auf unseren Autobahnen? Je weniger Schilder und je klarer die Geschwindigkeit, desto seltener habe ich dann auch Kontakt zu meinen Nerv-Assistenten an Bord.

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