Osnabrück Ein Pavillon wie ein Sarg: Wie Gastland Italien seinen Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse verschenkt
Italien als Gastland der Frankfurter Buchmesse? Vor einem Jahr weckte die Ankündigung große Erwartungen. Jetzt zeigt der Pavillon Italiens, was unter der Regierung Meloni von kultureller Freiheit übrig geblieben ist.
Immer „Bella Figura“: In Italien zählt die Eleganz, nicht als äußere Hülle, sondern als soziales Ideal. Wer bella figura zeigen will, kleidet sich gut und benimmt sich. Immer einen guten Eindruck machen, niemals ungeschmeidig oder gar plump wirken. Das ist in Italien verpönt. Was für ein Verhaltenscodex. Ich bewundere die Italiener dafür.
Und bin nun verdutzt. Denn als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse zeigt Italien sie nicht, die bella figura. Wer darf mit, wer muss zu Hause bleiben? Das unschöne Hickhack um die von offiziellen Stellen für einen Platz in der Präsentation Italiens in Frankfurt berücksichtigten oder übergangenen Autoren, hat das Bild schon im Vorfeld getrübt. Kritiker wie Roberto Saviano sprachen offen von Zensur.
Und der Pavillon? Der ist komplett misslungen. Schlimmer noch. Mit seinem steifen Stil ruft er in mir keine Vorstellung mediterraner Eleganz, sondern eher das Gefühl protziger Inszenierung auf. Das Geviert aus Säulen macht keine Piazza zum Wohlfühlen, sondern eher einen Tempel zum Frösteln. Architekt Stefano Boeri verhunzt den Pavillon mit seinem Brutalismus aus Pappmaché gründlich.
Dass sich Sponsor Pirelli gleich im Entree in Szene setzen kann – geschenkt. Wirklich schlimm finde ich das mutlose Bild, das Italien hier abgibt. Quirlige Gegenwart, plurales literarisches Leben? Wo denkt der Messebesucher hin? 500 Jahre Machiavelli, Funde aus Pompeji, Grafiken von Piranesi: Es gibt Kabinette wie im Museum, Räume wie Särge.
Ich bin von Raum zu Raum gewandert und durch meinen Sinn tönte ein leises „mio dio!“. Auf der Rückseite des Pappmaché-Tempels schwoll mein Entsetzensruf zu voller Lautstärke an. Denn da fand ich sie endlich, Italiens große Autoren von Alberto Moravia bis Dario Fo, von Luigi Pirandello bis – ja, auch der ist dabei – Gabriele d´Annunzio, Dichterfreund der Faschisten.
Sie haben allen Grund, trist zu schauen. Denn sie sind in das Halbdunkel einer Ahnengalerie in Schwarzweiß weggeschlossen. Umberto Eco, Italiens hellster Kopf der letzten Jahrzehnte, dämmert oben rechts im Schattenreich vor sich hin. Italiens große Autoren als Bewohner der Unterwelt des kollektiven Gedächtnisses. Mio dio!
Dieser ganze Pavillon kommt mir wie eine erstarrte Gegenwelt vor. Oder wie genau das, was von Kultur übrigbleibt, wenn Rechtspopulisten sie in die Hand bekommen. Die ganze mentale Bedrückung, die von der Regierung Giorgia Melonis und ihrer Fratelli d´Italia ausgeht – in diesem Pavillon gerinnt sie zu grauer Langeweile, die zwischen nachgemachten Marmorsäulen nistet.
Mir kommt es so vor, als habe die kulturell virulente und optisch opulente Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris in diesem Sommer genau das Gegenbild geliefert. Wie souverän spielten die Macher mit kultureller Tradition und aktuellem Crossover. Die Bella Figura, sie wohnt jetzt an der Seine. Zumindest was die Kultur betrifft.