Osnabrück Überraschende Erkenntnisse: 14 Maßnahmen, mit denen Sie Ihr Demenzrisiko halbieren können
Steigende Angst vor Demenz im Alter ist weit verbreitet. Eine neuerliche Studie zeigt, dass 45 Prozent der Fälle durch kluge Anpassungen des Lebensstils vermeidbar sind. Lernen Sie überraschende Faktoren kennen, die Ihr Risiko beeinflussen.
„Bloß das nicht!“ Rund drei Viertel der Erwachsenen über 40 fürchten, dass sie im Alter dement werden könnten. Einige machen trotzdem weiter wie bisher, ändern nichts an ihrem Lebensstil. Andere beginnen mit dem Lösen von Kreuzworträtseln, gehen zu Gedächtniskursen oder stehen singend beim Zähneputzen auf einem Bein, um der drohenden Demenz zu entgehen. Ein internationaler Expertenkreis hat nun ermittelt, was wirklich vor degenerativen Hirnerkrankungen schützt.
Die Lancet-Kommission für Demenzprävention, -intervention und -pflege veröffentlicht seit 2017 - ausgehend von der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage - aktualisierte Listen der nachgewiesenen Risikofaktoren für eine Demenz. Bisher waren darin 12 Posten aufgeführt:
In der aktuellen Version sind nun zwei neue hinzugekommen:
Es sind nun also 14 Demenz-Risikofaktoren, und Psychiaterin und Studienleiterin Gill Livingston vom University College in London betont, „dass sich insgesamt rund 45 Prozent aller Demenzfälle vermeiden lassen, wenn diese 14 veränderbaren Risikofaktoren in verschiedenen Phasen des Lebens angegangen werden“.
Das Demenzrisiko sinkt also um fast die Hälfte, sofern es gelingt, die 14 Faktoren halbwegs auszuschalten. Das macht Hoffnung. Denn bei den 14 handelt es sich ja, wie Livingston erläutert, „um Faktoren, an denen man etwas ändern kann“. Das unterscheide sie von den genetischen Faktoren, denn wer erblich vorbelastet ins Demenz-Rennen geht, kann daran nicht wirklich etwas ändern. Bei den genannten 14 funktioniert das jedoch. Laut Richard Dodel von der Universität Duisburg-Essen untermauert der Lancet-Bericht, dass Demenz kein unvermeidliches Schicksal ist: „Jeder hat es in der Hand, den Verlauf der Erkrankung zu beeinflussen.“
Wobei nicht alle Faktoren in gleichem Maße beeinflussbar sind. Wer etwa schon seit 20 Jahren eine Packung Zigaretten pro Tag raucht, wird große Probleme haben, davon loszukommen, insofern er ja schon lange süchtig ist.
Wer als Kind in einen bildungsfernen Haushalt hineingeboren wurde, wird auch nicht ohne weiteres sein Bildungsniveau erhöhen können. Leichter ist es da schon, sich von der Couch zu erheben und körperlich aktiv zu werden. Aber so leicht auch wieder nicht. „Es ist zum Beispiel sehr schwierig für einen 75-Jährigen, ansprechende und relevante Institutionen für sportliche Aktivitäten zu finden“, berichtet Dodel. Ganz zu schweigen davon, dass es der Geriater überaus problematisch findet, „ältere Menschen, die seit Jahrzehnten sich nicht mehr körperlich betätigt haben, zum Sport zu aktivieren“.
Hinzu kommt, dass die einzelnen Faktoren nicht gleich stark ins Gewicht fallen. So schlagen etwa Hörstörungen besonders stark zu Buche. Geht man rechtzeitig gegen diese vor, senkt es das Risiko um 7 Prozent.
Ähnlich hoch sind die Quoten für das erhöhte LDL-Cholesterin, die soziale Isolation und die geringe Bildung.
Wem es hingegen gelingt, von einem luftbelasteten Ort wegzuziehen, senkt sein Demenzrisiko eher mäßig.
Ayda Rostamzadeh leitet das Alzheimer Präventionszentrum am Universitätsklinikum Köln. Sie spielt durch, was sie einem Patienten raten würde, bei dem alle 14 Risikofaktoren der Demenz vorliegen. Vorausgesetzt natürlich, dass er – was beim Vorliegen all dieser Faktoren nicht selbstverständlich ist – überhaupt noch lebt.
Die Psychiaterin würde zuerst an den psychosozialen Risikofaktoren ansetzen, also unbehandelte Depressionen und eine längere soziale Isolation: „Sie setzen das Gehirn längerfristig unter Stress, sodass es dort eher zu schädlichen Prozessen kommt.“ Dazu zählen in erster Linie entzündliche Reaktionen, die zur Schädigung und zum Abbau von Neuronen führen können.
Wobei zwischen Depressionen und Demenz eine Beziehung in beiden Richtungen besteht. „Depressionen können ein Vorläufer der Demenz sein“, erläutert Rostamzadeh. „Andererseits kann sich als Folge der Demenz auch eine Depression entwickeln.“
Die Forscherin sieht außerdem Depressionen und die soziale Isolation als „Risiko-Cluster“, weil sie in der Regel eng miteinander verwoben sind: „Wer depressiv ist, hat in der Regel weniger soziale Kontakte, und wer sozial isoliert ist, entwickelt eher eine Depression.“ Das Resultat dieser Entwicklung ist schließlich: Das Gehirn bekommt weniger Input, was bekanntlich ebenfalls zu den Risikofaktoren der Demenz gehört.
Oft spielen dabei allerdings noch andere der 14 Demenz-Risikofaktoren mit rein, vor allem die Schwerhörigkeit. Wer hiervon betroffen ist und nichts dagegen unternimmt, boykottiert genau den Sinneskanal, der für die Kommunikation besonders wichtig ist. Und er versagt damit dem Gehirn jede Menge Input. „Man sollte bei ersten Anzeichen einer Schwerhörigkeit ärztlichen Rat suchen, wenn man der Demenz wirkungsvoll vorbeugen möchte“, empfiehlt Rostamzadeh.
Sie würde bei einem Patienten mit allen 14 Risikofaktoren außerdem darauf achten, dass bei ihm eine sorgfältige hausärztliche Betreuung gewährleistet ist. Denn damit ließen sich gerade die Punkte ins Visier nehmen, die das Herz-Kreislauf-System betreffen. Wie etwa Bluthochdruck, Diabetes und die erhöhten Cholesterinwerte.
Das mag auf den ersten Blick merkwürdig anmuten, insofern man diese Probleme eher im Zusammenhang mit Herzerkrankungen kennt. „Doch alles, was schädlich für das Herz ist, schadet auch dem Gehirn“, betont Rostamzadeh. „Beide Organe sind in besonderem Maße auf eine gute Durchblutung angewiesen.“
Nicht zu vergessen schließlich, dass zur wirkungsvollen Demenzprävention auch gehört, dass man in Bewegung kommt. „Und damit ist sowohl die psychische wie die körperliche Ebene gemeint“, betont Rostamzadeh. In den letzten Jahren schält sich gerade der regelmäßige Sport als wirksamer Demenzschutz heraus. Wobei seine Wirkung nicht nur darin besteht, dass er die Durchblutung im Gehirn verbessert. Er sorgt auch für dessen Aktivierung, insofern motorische Leistungen ja im zentralen Nervensystem gesteuert werden müssen. Ganz zu schweigen von den sozialen Kontakten, die im Sport oft üblich sind.
Aber auch die durch körperliche Aktivität trainierten Muskeln schützen vor Demenz, wie englisch-amerikanische Forscher herausgefunden haben. Das Forscherteam um Iyas Daghlas von der University of California sammelte Informationen über die genetischen Daten, die Muskelmasse, die kognitiven Fähigkeiten und die Gesundheitsdaten von rund 450000 Teilnehmern aus der britischen Biobank. Es zeigte sich, dass ungefähr mit jeden 10 Gramm an zusätzlicher Muskelmasse das Demenz-Risiko um 12 Prozent herunterging. Als Hauptursache vermuten die Forscher, dass Muskeln - in Abhängigkeit von ihrem Umfang - Botenstoffe abgeben, die den Neuronen-Wachstumsfaktor im Gehirn mobilisieren. An dem alten Vorurteil vom dummen Muskelprotz ist jedenfalls nichts dran. Es wäre sogar möglich, dass er im Alter geistig besonders fit ist.