Osnabrück Der Polarisierung entgegenwirken – welche Rolle spielen Universitäten?
Hochschulen sollen junge Menschen diskursfähig machen. Gleichzeitig geht unserer Gesellschaft die Konsensfähigkeit zunehmend verloren. Unsere Chefredakteurin Louisa Riepe hat mit Hochschulleitern gesprochen. Und dabei einige Parallelen zwischen Universitäten und der Presse erkannt.
Ich habe mit Ihnen in dieser Kolumne schon mehrfach mein Unbehagen über das politische Klima in Deutschland geteilt: Unserer individualisierten Gesellschaft geht die Konsensfähigkeit verloren. Viele Menschen misstrauen der Politik genauso wie den Medien. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Wir tendieren dazu, Menschen in Schubladen einzuordnen und Zusammenhänge zu sehen, auch wenn es gar keine gibt. Und anstatt unsere Konflikte konstruktiv anzugehen, kritisieren wir die Menschen auf der anderen Seite des politischen Spektrums als irrational oder naiv.
In dieser Woche habe ich mich darüber mit drei spannenden Gesprächspartnern ausgetauscht: Bei den „Osnabrücker Friedensgesprächen“ wollten Susanne Menzel-Riedel, Präsidentin der Universität Osnabrück, Joachim Schachtner, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und Anja Steinbeck, Rektorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wissen, welchen Einfluss Hochschulen auf unsere polarisierte Gesellschaft nehmen können und sollten.
Hochschulen waren zuletzt und sind seit jeher „Schauplatz von Demonstrationen, kreativen und teilweise aggressiven Protestaktionen. Die Räumung von Protestcamps auf dem Campus, die insbesondere in Berlin große mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, polarisieren und der Umgang mit ihnen erweist sich als herausfordernd“, hieß es in der Ankündigung der Veranstaltung.
Bei allen Unterschieden: Ich sehe viele Parallelen zwischen den Hochschulen und der Presse. Beide sind traditionell der Informationsbeschaffung, der Wahrheit und der Objektivität verpflichtet. Beide können den Menschen dabei helfen, Entwicklungen einzuordnen und zu erklären. Insofern spielen beide eine Rolle beim Ausgleich der Interessen und der politischen Meinungsbildung in der Gesellschaft.
Gemeinsam ist den Hochschulen und der Presse auch der Druck, auf die sich verändernde Gesellschaft und deren Erwartungshaltungen zu reagieren. So musste die Freie Universität Berlin trotz des geltenden Neutralitätsgebots zuletzt ein Statement abgeben und sich öffentlich „gegen Antisemitismus in jeder Form“ aussprechen. Und es kommt vor, dass Hochschulleitungen aufgefordert sind, sich zur Menschenrechtslage im Sudan oder zum Bürgerkrieg in Myanmar zu äußern.
Am Ende der Diskussion waren wir uns einig, dass es nicht diese Art der Positionierung ist, die unsere Gesellschaft voranbringt. Vielmehr ist es die Leistung von Universitäten und Hochschulen, junge Menschen diskurs- und konsensfähig zu machen. Denn die wissenschaftliche Arbeit lehrt, Hypothesen aufzustellen, zu überprüfen und gegebenenfalls auch wieder zu verwerfen. Oft ist das Ergebnis der Forschung nicht schwarz oder weiß, sondern etwas dazwischen. Und oft wird man von den Ergebnissen anderer überholt, überrascht oder widerlegt.
Wenn Universitäten dieses Wissen vermitteln, leisten sie einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs und helfen, der Polarisierung entgegenzuwirken.