Osnabrück Vor dem Krieg geflohen, neue Träume gefunden: Daryna erkämpft sich ihr Leben in Deutschland
Vor gut einem Jahr trafen wir Daryna Dudukova zum ersten Mal in Osnabrück. Die junge Ukrainerin war vor dem Krieg geflohen und stand kurz vor dem Schulabschluss. Damals träumte sie von einer Ausbildung in Deutschland. Wie geht es ihr heute? Ein Besuch.
„Ich weiß, wie schnell alles vorbei sein kann und dass ich mich nur auf mich verlassen kann”, sagt Daryna Dudukova. Die 19-Jährige kennt solche Momente: Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine floh sie mit ihrer Tante nach Deutschland. 2.000 Kilometer liegen zwischen ihrem Heimatort Sumy im Nordosten der Ukraine und Osnabrück. Ihre Familie, ihre Freunde: Von einem Tag auf den anderen war alles anders.
Dudukova ist eine von rund 200.000 ukrainischen Schülern, die plötzlich in einem deutschen Klassenzimmer standen und kaum ein Wort verstanden. Viele Schüler kamen zunächst in Sprachförderklassen, um Deutsch zu lernen. Ist das Sprachniveau gut genug, wechseln die Schüler in den deutschen Unterricht. „Am Anfang war es sehr hart, weil alles fremd war”, sagt sie. Die 19-Jährige spricht leise und wählt ihre Worte sorgsam.
Die Zurückhaltung passt auf den ersten Blick kaum zu dem unbedingten Willen der jungen Frau. Denn Dudukova hat kurz nach ihrer Ankunft ein klares Ziel: ihr eigenes Leben führen. Und sie weiß schnell, was sie in Deutschland dafür tun muss; möglichst schnell eine Ausbildung beginnen. Also büffelte Dudukova, während Ihre Klassenkameraden ihre Freizeit als Teenager genossen. „Ich habe nächtelang Vokabeln gelernt”, sagt sie.
Ihr Ehrgeiz wird belohnt: Bereits acht Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland spricht sie so gut deutsch, dass sie eine Ausbildung beginnen kann. Seit August vergangenen Jahres lernt sie den Beruf der Gestaltungstechnischen Assistentin. Es ist eine schulische Ausbildung, Lehrgeld erhält Dudokova also nicht. Sie finanziert die Ausbildung über das Schülerbafög – einer staatlichen Förderung, die nicht zurückgezahlt werden muss. „Manchmal sagen Menschen zu mir, dass ich großes Glück hatte. Aber das stimmt nicht, ich habe hart dafür gearbeitet”, sagt sie bestimmt.
Mittlerweile ist die Ukrainerin im zweiten Lehrjahr der schulischen Ausbildung. „Das erste Jahr war schwer, weil ich nur etwa 60 Prozent verstanden haben”, sagt Dudukova. Sie habe mit der Ausbildung gehadert und nicht gewusst, ob sie wirklich in diesem Beruf arbeiten möchte. Ob ein Ausbildungswechsel nicht möglich wäre? Für Dudukova stellt sich die Frage nicht, ihre Erklärung ist kurz: „Ich erlaube mir nicht, schwach zu sein oder aufzugeben.”
Und tatsächlich findet sie im zweiten Ausbildungsjahr Gefallen an dem Beruf. Weniger Theorie und mehr Praxis. Endlich kann Dudukova, die es liebt zu zeichnen, kreativ sein. Gestaltungstechnische Assistenten entwerfen etwa Flyer, Plakate oder Websites. Außerdem kann Dudukova dem Unterricht besser folgen. „Ich verstehe jetzt 95 Prozent”, sagt sie. Im Rückblick sieht die 19-Jährige das Postive. „Ich habe gelernt, dass ich alles schaffen kann”, sagt sie.
Im zweiten Ausbildungsjahr erfüllt sie sich auch ihren großen Traum und zieht in ihre erste eigene Wohnung in Osnabrück. Ihre Tante im kleinen Nachbarort Hagen besucht sie regelmäßig, ihre Familie hat sie seit Monaten nicht gesehen. Für ein normales Teenager-Leben bleibt Dudukova zwischen Ausbildung, Haushalt und Familienbesuchen kaum Zeit. Manchmal malt sie zu Hause, meistens geht es um Ausbildungsprojekte.
Einen Traum hat sie für dieses Jahr. Sie möchte mit ihrem Freund in die Sonne fliegen, vielleicht nach Spanien. „Ich mag den Sommer und die Sonne einfach so gern”, sagt sie.
Im nächsten Jahr, da ist sich Dudukova sicher, wird es mit Urlaub schwierig. Sie muss sich auf die Abschlussarbeit vorbereiten. Natürlich hat sie ihr nächstes Ziel bereits vor Augen. Sie träumt von einer eigenen kleinen Werbeagentur.
Eine Rückkehr in die Ukraine kann sie sich nicht vorstellen. „Natürlich vermisse ich meine Familie, aber ich habe mir hier ein Leben aufgebaut”, sagt sie. Die 19-Jährige ist froh, dass ihre Familie, die mittlerweile in andere Teile der Ukraine geflohen ist, sich keine Sorgen um sie machen muss. „Das Leben dort ist schwerer geworden, aber meine Großeltern etwa wollen nicht gehen”, sagt sie. Da habe sie vielleicht Glück gehabt: „Ich bin ja noch jung und kann mein Leben hier gestalten. Vielleicht ist 17 ein gutes Alter für die Flucht.”