Nachruf Zum Tod von Johanna Hoedtke
Johanna Hoedtke war über Jahrzehnte Hebamme in Papenburg und im Landkreis Leer. Dabei half sie Tausenden von Kindern auf die Welt. Im Alter von 95 Jahren verstarb sie und hinterlässt tiefe Spuren.
Papenburg - „Sie war eine Frau, die ihr Leben lang für schöne Geburtserlebnisse arbeitete und kämpfte.“ Mit diesen Worten beschreibt die Hebamme Roswitha Nee aus Papenburg ihre Berufskollegin Johanna Hoedtke, die am vergangenen Donnerstag verstorben ist. Sie wurde 95 Jahre alt.
Hoedtke galt in Papenburg sowie auch in Teilen des Landkreises Leer schon zu Lebzeiten über Jahrzehnte als Legende. Kein Wunder, hatte sie doch mehreren Tausend Kindern auf die Welt geholfen. Als Johanna Hoedtke 1998 nach 45 Jahren als freiberufliche Hebamme das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde und sie der damalige Oberkreisdirektor und heutige Ehrenlandrat Hermann Bröring als „Leistungsträgerin unserer Gesellschaft“ würdigte, hatte sie Müttern bei exakt 7089 Geburten zur Seite gestanden.
Aber es sollten noch viel mehr werden. Denn die damals 69-Jährige arbeitete noch viele Jahre weiter, genauer gesagt bis zum Januar 2023, wie Roswitha Nee berichtet.
Jahrzehntelang rund um die Uhr erreichbar
Einmal habe Johanna Hoedtke erklärt, sie könne gar nicht verstehen, „was die jungen Leute alle auf Rente wollen“. Wenn Patientinnen sie anriefen und sagten, sie fänden keine andere Hebamme, müsse sie da doch hingehen – auch im Alter von seinerzeit 89 Jahren. „Sie war jahrzehntelang 24 Stunden am Tag erreichbar“, betont Roswitha Nee, die eng mit der Verstorbenen verbunden war.
Im Jahr 1928 geboren, ist Johanna Hoedtke (geborene Schmidt) selbst ein Kind der Weimarer Republik. Die Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges haben sie geprägt. In ihren ersten Berufsjahren nach Ausbildung und Examen 1952 fuhr sie bei Wind und Wetter mit dem Rad zu vielen, damals noch risikoreichen Hausgeburten.
Später sei sie die erste Frau in Papenburg gewesen, die ein Auto fuhr, berichtet Roswitha Nee. Johanna Hoedtke habe werdende Eltern auch ins Krankenhaus begleitet.
Im Marien-Hospital in Papenburg erinnert man sich ebenfalls noch gut an sie. „Die Zusammenarbeit mit Frau Hoedtke hat super funktioniert. Sie war eine sehr geschätzte Frau und Hebamme – mit ganz viel Leidenschaft für ihren Beruf“, erklärt die ehemalige Leiterin des Kreißsaales, Hella Siemer.
In Stapelmoor von der Polizei gestoppt
Ähnlich äußern sich andere frühere Berufskolleginnen. Johanna Hoedtke hat beispielsweise auch Geburten in Haren, Weener und Leer begleitet. Zudem habe sie bei sich zu Hause Kurse zur Vor- und Nachsorge angeboten. „Wenn eine Frau sich mit Wehen meldete, wurde Frau Hoedtke von ihrem Mann über Autotelefon informiert und hat dann die Nachsorge abgebrochen oder den Kurs per Kassettenrekorder weitergeführt.“ Überdies sei es vorgekommen, dass Johanna Hoedtke im Bett neben den Müttern im Kreißbett geschlafen hat. „Das Arbeitspensum war unfassbar.“
Auch Roswitha Nee kann über besondere, gemeinsame Erlebnisse rund um eine Geburt berichten. Auf dem Weg mit dem Auto ins Rheiderland-Krankenhaus in Weener seien sie zusammen mit werdenden Eltern in Stapelmoor von einem Streifenwagen der Polizei gestoppt worden. Die Beamten hätten wissen wollen, wohin es denn so schnell gehen solle.
Nachdem Johanna Hoedtke die Polizisten ins Bild gesetzt habe, hätten diese angeboten, mit Blaulicht vorauszufahren. Das aber habe Johanna Hoedtke abgelehnt mit der Bitte: „Sagen Sie Ihren Kollegen Bescheid, dass uns nicht noch einer anhält.“ Das Kind sei schließlich im Krankenhaus zur Welt gekommen.
Nee ist insgesamt voller Bewunderung für die Verstorbene. „Sie war im Emsland und im Niedersächsischen Hebammenverband Jahrzehnte aktiv. Sie kämpfte für die Bezahlung der Geburtsvorbereitung und Rückbildungsgymnastik sowie für viele andere Sachen, die heutzutage als selbstverständlich gelten.“
Älteste Schülerin im VHS-Computerkurs
Fast jährlich habe sie eine Hebammenschülerin bei sich zu Hause aufgenommen und ist selbst Lernende geblieben. Denn wie Roswitha Nee berichtet, war Johanna Hoedtke die älteste Teilnehmerin an einem Computerkurs der Volkshochschule und hätte „selbstverständlich“ auch ein Handy dabeigehabt.
Berufskollegin Roswitha Nee erklärt: „Johanna Hoedtke hat bei vielen Hebammen, Hebammenschülerinnen und ihren Patientinnen tiefe Spuren hinterlassen.“