Hamburg  „Enkeltrick“: So viel Geld erbeuten Telefonbetrüger deutschlandweit wirklich

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 30.09.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Trotz aller Prävention sind Telefonbetrüger so erfolgreich wie nie zuvor Foto: dpa/Stefan Gelhot
Trotz aller Prävention sind Telefonbetrüger so erfolgreich wie nie zuvor Foto: dpa/Stefan Gelhot
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Es ist eine schier unglaubliche Summe – und offenbar Beleg für ein noch immer florierendes kriminelles Geschäft. Telefonbetrüger haben alleine im vergangenen Jahr ihre meist älteren Opfern so viel Geld abgenommen wie wohl nie zuvor. Mit diesen Betrugsmaschen.

„Hier spricht die Polizei. Ihr Sohn ist Verursacher eines Verkehrsunfalls. Ein Kind ist dabei tödlich verunglückt.“ Mit solchen und ähnlichen Geschichten beginnen Gespräche, die Ausdruck einer besonders perfiden Betrugsmasche sind: sogenannte Schockanrufe. Die Betrüger scheuen wenig, um ihre Opfer genau in eine solche emotionale Ausnahmesituation zu bringen – um anschließend leichtes Spiel für ihr eigentliches Ziel zu haben. Staatsanwälte fordern eine hohe Geldsumme, damit der Angehörige nicht ins Gefängnis muss. Und die überforderten Angerufenen leisten häufig Folge.

Die Geschichten und Betrugsmaschen der Kriminellen sind facettenreich, der sogenannte Schockanruf nur eine von vielen Varianten. Doch wie groß das Ausmaß der Taten ist, war bislang kaum ersichtlich. Telefonbetrug wird bundeseinheitlich nicht erfasst. Die Aufklärungsquote der Polizei bewegt sich teilweise im einstelligen Prozentbereich und die schiere Masse an Betrugsversuchen reicht offenbar, um trotz aller Prävention durch Behörden und Banken immer noch Millionen jedes Jahr zu erbeuten.

Unsere Redaktion hat in allen 16 Bundesländern nach Daten für die Betrugsphänomene „Enkel/Verwandtschaftstrick“, „falscher Polizist/falsche Amtsperson“ und „Schockanruf“ gefragt. Bis auf Bremen haben alle Landeskriminalämter Zahlen geliefert. Teilweise handelt es sich noch um laufende Ermittlungen. Miteinander vergleichbar sind sie aufgrund unterschiedlichen Definitionen nicht immer.

Und: Es sind nur jene Fälle, die auch angezeigt wurden. „Grundsätzlich ist im Bereich des Telefonbetrugs von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da die Geschädigten teilweise aus Scham keine Anzeige erstatten oder beim Erkennen des Betruges das Telefonat beendet wird und die Polizei davon keine Erkenntnis erlangt“, heißt es vom Landeskrmininalamt (LKA) Hessen.

Dennoch verschaffen die Daten einen Eindruck, in welcher Dimension die Kriminellen mittlerweile versuchen, Kasse zu machen. Bundesweit beziffern die Polizeibehörden den Schaden auf mehr als 117 Millionen Euro. Jahr für Jahr steigt diese Summe, 2019 waren es noch nicht einmal 50 Millionen Euro.

Auffällig: Trotz der neuen Rekordsumme sank zuletzt die Zahl der erfassten Betrugsversuche. Knapp 100.000 Anzeigen wegen Telefonbetrügern erfassten die Behörden 2023. In den Vorjahren lag die Zahl meistens deutlich darüber. Das heißt, dass die Kriminellen offenbar bei ihren Anrufen immer höhere Summe aus den Opfern herauspressen.

Mit Blick auf die Mache „falscher Polizist“ bestätigt das auch das LKA Niedersachsen: „Es ist festzustellen, dass trotz deutlich gesunkener Fallzahlen im Jahr 2023 die bisher höchsten Schadenssummen registriert wurden.“

Schwerpunkte gibt es dabei offenbar nicht. Ob in den dünn besiedelten Ländern wie Schleswig-Holstein im Norden oder den bevölkerungsreichen Ländern im Süden: Überall ging der Schaden 2023 jeweils in die Millionen. Deutlich wird auch, dass der Großteil der Anrufe aus dem Ausland stammt. Nach Daten des LKA in Nordrhein-Westfalen etwa handelt es sich bei weit mehr als 90 Prozent aller Betrugsversuche um „Auslandsstraftaten“, also Fälle, wo der Tatort im Ausland liegt oder unbekannt ist.

Gemessen an der Bevölkerungszahl rufen die Betrüger besonders häufig in Rheinland-Pfalz an. 30 angezeigte Betrugsversuche auf 10.000 Einwohner verzeichnet das LKA im Südwesten. In Berlin melden die Behörden nur etwas mehr als drei Versuche auf 10.000 Einwohner.

Doch wieso sind die Kriminellen trotz aller Präventionsarbeit durch die Polizei noch immer so erfolgreich? Wie es aus mehreren Landeskriminalämtern hieß, ist es zum einen die schiere Anzahl der Versuche. „Selbst wenn 99 Prozent der Menschen einen Betrug erkennen, bleibt ein Prozent übrig. Und auch diese Menschen werden irgendwann angerufen“, erklärt ein Ermittler aus Baden-Württemberg. Nach dem Motto: Wer es nur häufig genug versucht, steigert seine Chancen auf Erfolg. Tatsächlich zeigen Daten zumindest vereinzelt, dass nur ein kleiner Teil aller Betrugsversuche überhaupt klappt.

Zum anderen passen die Betrüger ihre Geschichten immer wieder an, wenn eine Masche nicht mehr verfängt. Strafverfolgung und Präventionsarbeit kommen da kaum hinterher. Schockanruf, Enkeltrick, aber auch Liebesbetrug und falsche Gewinnversprechen. Ein Sprecher des LKA Mecklenburg-Vorpommern fasst die kriminelle Kreativität der Betrüger zusammen: „Wenn man an das Geld der Menschen heranwill, muss man sich schon was einfallen lassen“.

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