München  Warum der Body-Mass-Index irreführend ist und welche besseren Alternativen es gibt

Ankea Janßen, Eva Dorothée Schmid
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Von Ankea Janßen, Eva Dorothée Schmid
| 26.09.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der BMI gibt einen Hinweis auf das Idealgewicht, doch andere Faktoren spielen auch eine Rolle, wie der Bauchumfang. Foto: Imago/Pond5 Images
Der BMI gibt einen Hinweis auf das Idealgewicht, doch andere Faktoren spielen auch eine Rolle, wie der Bauchumfang. Foto: Imago/Pond5 Images
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Der Body-Mass-Index hilft, das eigene Gewicht schnell einzuschätzen. Doch die Formel hat einen großen Nachteil. Worauf es wirklich ankommt und welche alternativen Messungen mehr über die Gesundheit verraten.

Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito könnten optisch nicht unterschiedlicher sein. In der Komödie "Twins" aus dem Jahr 1988 spielen die beiden die ungleichen Zwillingsbrüder Julius und Vincent. Eines aber eint die beiden Schauspieler: Laut ihres Body-Mass-Indexes (BMI) sind sie stark übergewichtig. Allerdings hat nur einer von ihnen einen stattlichen Bauch. Der andere strotzt vor Muskelkraft.

Der Arzt Harald Schneider nennt dieses Beispiel, um zu illustrieren, wie irreführend der BMI sein kann. Diese Zahl wird zu Rate gezogen, um herauszufinden, ob jemand unter-, normal- oder übergewichtig ist. Im Fall von Schwarzenegger und DeVito sagt Schneider: „Nach der BMI-Klassifikation gelten beide als adipös. Dabei haben sie einen völlig unterschiedlichen Körperbau.“

Schneider arbeitet als Internist, Endokrinologe und Diabetologe. Er behandelt Menschen mit allen hormonell bedingten Erkrankungen am Zentrum für Endokrinologie und Stoffwechsel in München und Landshut. Kommen Patienten in seine Münchner Praxis, berechnet auch er den BMI, betont aber: „Das reicht nicht aus. Es kommt darauf an, wie das Gewicht bei den Menschen verteilt ist.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten Versicherungsmathematiker fest, dass ihre übergewichtigen Kunden eine erhöhte Sterblichkeitsrate aufwiesen. Entsprechend intensiv wurde nach einer Kennzahl gesucht, mit der das durchschnittliche Körpergewicht beschrieben werden konnte.

Um dies zu berechnen, wurde ein vom belgischen Mathematiker Adolphe Quetelet entwickelte Index verwendet. Quetelet stellte 1832 fest, dass das Gewicht mit dem Quadrat der Körpergröße zunimmt – abgesehen von Wachstumsschüben nach der Geburt und während der Pubertät. Der Quetelet-Index wurde dann 1972 in Body-Mass-Index umbenannt.

Das Problem mit dem BMI: Er unterscheidet nicht zwischen Fett und Muskelmasse. Dabei sind diese Angaben wichtig für das Gesundheitsrisiko. Ein sehr trainierter Mensch hat auch ein höheres Gewicht. Jedoch handelt es sich dabei nicht um überschüssige Kilos, mit denen er zwangsläufig ein Gesundheitsrisiko einhergeht.

Im Gegenteil. „Vielleicht hat ein sehr muskulöser Mensch besonders günstige gesundheitliche Eigenschaften“, erklärt Schneider. Schließlich handelt es sich bei Muskeln um hervorragende Stoffwechselorgane.

Steht ein durchtrainierter Polizist mit einem BMI von 30 vor ihm, sei das etwas anderes, als ein Mensch mit einem leichten Bierbauch, der laut Tabelle noch als normalgewichtig gilt. Das zeigt: Der BMI kann in einzelnen Fällen nicht aussagekräftig sein. Und stellt den Polizisten vor Probleme, wenn es um den Beamtenstatus geht.

Dazu kommt, dass der BMi die ethnische Zugehörigkeit, das Alter und Geschlecht nicht berücksichtigt, da er ausschließlich auf den Daten von (weißen) Männern beruht.

Viele bemerken mit steigendem Alter, wie sich ihr Körper verändert. Hier und da machen sich Speckrollen bemerkbar, die einfach nicht mehr verschwinden wollen.

Das liegt vor allem daran, dass sich im höheren Alter der Fettstoffwechsel verlangsamt. Forscher haben herausgefunden, dass unabhängig davon, ob ein Mensch sich sportlich betätigt oder nicht, das Alter maßgeblich daran beteiligt war, wie effektiv der Körper mit dem Fett umgehen kann.

Das muss aber kein Grund zur Panik sein. Nicht selten empfehlen Ärzte im höheren Alter auch einen höheren BMI. Kommt in Schneiders Praxis eine 65-jährige Patientin mit einem BMI von 26, dann ist das kein Grund zur Sorge. "Ich sage dann: 'Herzlichen Glückwunsch, Sie haben wichtige Reserven und werden wahrscheinlich länger leben.'"

Denn: Im Falle einer Erkrankung kann der Körper auf vorhandene Fettreserven zurückgreifen. Untergewicht kann im Alter schnell gefährlich werden, wenn der Hunger ohnehin nachlässt.

Eine Studie, die 2023 im Fachblatt „Plos One“ erschienen ist, kam zu dem Schluss, dass ein hoher BMI alleine das Sterblichkeitsrisiko nicht erhöht.

Gesundheitsrisiken und Stoffwechselprobleme entstehen vor allem durch zu viel Viszeralfett, auch Bauchfett genannt. Schneider bezieht bei seinen Patienten daher auch immer den Taillenumfang mit ein.

Die optimale Stelle zur Messung ist die Mitte zwischen dem oberen Beckenrand unter dem unteren Rippenbogen. Am besten misst man parallel zum Boden bei geringer Spannung beim Ausatmen. Ein Taillenumfang ab 102 Zentimetern bei Männern und 88 Zentimetern bei Frauen gilt als erhöht und ist mit einem Gesundheitsrisiko verbunden.

Zusätzlich kann auch das Taille-Hüft-Verhältnis ermittelt werden. Den Taille-Hüft-Quotient (WHR) berechnet man, indem man den Bauchumfang in Zentimetern durch den Hüftumfang in Zentimetern teilt.

Eine Studie, deren Ergebnisse 2023 im Fachblatt „JAMA Network Open“ veröffentlicht wurden, ergab, dass der Zusammenhang mit dem Sterblichkeitsrisiko beim Taille-Hüfte-Quotienten am stärksten ausfällt. Als gesundheitlich bedenklich gelten bei Männern Werte ab 0,9 und bei Frauen ab 0,85.

Relativ neu ist der BRI, der Body-Roundness-Index. Er wurde von der Mathematikprofessorin Diana Thomas entwickelt und 2013 erstmals in die wissenschaftliche Literatur eingeführt. Der BRI sagt die Menge an viszeralem Gewebe oder Fett im Bauchbereich besser vorher als der BMI.

Die Berechnung des BRI ist allerdings deutlich komplizierter als die des BMI. Vereinfacht gesagt, wird dabei die Körpergröße ins Verhältnis zum Taillenumfang gesetzt. Dem besonders gefährlichen Viszeralfett wird dadurch eine größere Bedeutung beigemessen. Der große Unterschied zum BMI: Das Körpergewicht spielt für die Berechnung keine Rolle.

Die BRI-Skala reicht von eins bis 20, wobei höhere Werte eine rundere Körperform anzeigen.

Studien zeigen, dass der BRI ein genauerer Indikator für das Sterblichkeitsrisiko sein könnte. Eine chinesische Studie von 2023 stellte fest, dass Teilnehmer mit hohen BRI-Werten (6,91 und mehr) ein um 50 Prozent erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu Teilnehmern mit mittleren Werten (4,45 bis 5,45) hatten. Interessanterweise zeigte die Studie auch, dass ältere Menschen mit extrem niedrigen BRI-Werten (1,05 bis 3,4) ebenfalls ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko aufwiesen, was auf Probleme wie Unterernährung und Muskelschwund hinweisen könnte.

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