Osnabrück  Ein gerüttelt Maß: Woher kommt eigentlich dieser Ausdruck?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 27.09.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Hauptsache gut gerüttelt: Ein Maß Getreide. Foto: imago images/Shotshop
Hauptsache gut gerüttelt: Ein Maß Getreide. Foto: imago images/Shotshop
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Nicht von jedem Gut möchte man ein gerüttelt Maß haben. Das Wort steht für eine anständige Menge. Aber woher kommt der Ausdruck eigentlich? Sein Ursprung überrascht.

Manchmal kommt es mir so vor, dass ich einfach kein Maß und Ziel kennen kann – was die Sprachkolumne „Der Wortklauber“ angeht. Die Zahl der alten Wörter, deren Sinn erklärt werden will, ist so uferlos wie die der Redewendungen, die immer noch in alltäglichen Situationen verwendet werden – auch wenn niemand mehr sagen könnte, woher sie eigentlich kommen.

Da ich schon beim Thema bin: Erstaunlich wie viele Ausdrucksweisen und Redewendungen mit dem Maß zu tun haben. Wer kein Maß und Ziel kennt, der schießt über jedes vernünftige Ziel hinaus, der verfehlt alle Maßstäbe und Kriterien, der handelt, kurz gesagt, schlicht unvernünftig.

Maß halten: Dieser Imperativ schmückte, zumindest früher, jede zweite Politikerrede. Politik handelt schließlich weniger von Utopien und ihren fernen Zielen, als von einer Balance im Hier und Jetzt, die unbedingt gehalten werden soll. Kein schlechter Konsens, finde ich.

Wer Maß hält, muss trotzdem nicht knapsen. Das sagt die Redewendung von einem gerüttelt Maß. Wer ein solches Maß empfängt sehr viel von einer Sache. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um Getreide oder Verantwortung geht. Das gerüttelt Maß kann sich auf konkrete Dinge wie auf Abstrakta beziehen.

Die Redewendung bezieht sich übrigens auf diese Stelle aus der Bibelübersetzung von Martin Luther (Lukas 6, 38): „Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen“.

Der Reformator mag als geschichtliche Figur gefeiert oder kritisiert werden – ein origineller Sprachschöpfer war er unbedingt. Viele jener Formulierungen, die er für seine Bibelübersetzung prägte, sind unmittelbar und mit bleibendem Erfolg in den Sprachschatz des Deutschen eingegangen. Das gerüttelt Maß gehört dazu.

Die Redewendung erklärt sich ganz praktisch. Wer ein Maß Getreide rüttelt, sorgt dafür, dass mehr Körner in den Behälter passen. Das gerüttelt Maß ist also immer ein anständig volles Maß, eben eine ansehnliche Menge.

Nur bei alten Wörtern und Redewendungen sieht es anders aus. Ich mag sie rütteln und schütteln, wie ich will: Ihr Vorrat geht niemals zur Neige. Ist das nicht auch gut so?

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