Osnabrück  Patriot, Stratege, Märchenonkel? Drei Dinge über Robert Habeck

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 27.09.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Bundesminister für Wirtschaft und Klima, Robert Habeck, war im Rahmen seiner Sommerreise zu Gast in der NOZ-Redaktion. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Der Bundesminister für Wirtschaft und Klima, Robert Habeck, war im Rahmen seiner Sommerreise zu Gast in der NOZ-Redaktion. Foto: dpa/Kay Nietfeld
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Letzte Woche hat sich der grüne Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck in der NOZ-Redaktion Ihren Fragen gestellt. Unserem Chefredakteur Burkhard Ewert sind dabei vor allem drei Dinge aufgefallen.

Vergangene Woche war Robert Habeck im Rest der Republik auf Tour. Der Wirtschaftsminister besuchte VW, die Meyer Werft und das Stahlwerk Georgsmarienhütte, einige Mittelständler und einen Abend lang für eine Diskussionsveranstaltung auch die Zentrale unserer Redaktion in Osnabrück.

Ich kann Ihnen verraten, dass mir die Moderation durchaus schwerfiel. Denn ich hätte viele eigene Fragen gehabt, aber so war der Abend nicht gedacht. Die Bühne gehörte unseren Lesern und den Themen, die ihnen unter den Nägeln brannten: Migration, Energie, Wirtschaftskrise.

Wie zu erwarten, gefielen dem einen Habeck und die Veranstaltung mehr, dem anderen weniger. Wenn Sie mögen, gucken Sie gerne noch einmal in das Video rein.

Einige Aussagen machten bundesweit Schlagzeilen, etwa, dass der Vizekanzler die Energiekrise de facto für beendet erklärte, sich für weitere Waffenlieferungen nach Israel und in die Ukraine aussprach und die neue EU-Kommission dazu aufrief, mal „piano“ zu machen. Entgegen der Gepflogenheiten könne sie zum Amtsantritt doch mal auf den Reigen an frischen Vorhaben und damit verbundenen Belastungen der Wirtschaft verzichten, regte der Minister an (ausgerechnet er!).

Abseits dessen sind mir an dem Abend allerdings drei weitere Dinge an dem Grünen aufgefallen, die ich kurz mit Ihnen teilen möchte.

Mindestens zweimal betonte der Grüne in seine Antworten, dass er im „nationalen Interesse“ handele. Einmal ging es um Migration, einmal um Energie. Er will so sagen, dass er quasi keine andere Wahl habe. Ferner entspringt die bewusste Nutzung dem Ansatz, solche Begriffe und Themen nicht der politischen Rechten zu überlassen. Dennoch bleibt eine „nationale“ Argumentation bemerkenswert für einen Mann, der sich einmal dazu bekannt hatte, Vaterlandsliebe stets „zum Kotzen“ gefunden zu haben. Lieber war ihm früher diese Sicht: „Man braucht eine Erzählung, die auf Veränderung setzt, auf Gerechtigkeit und Internationalität.“ Dieses Engagement nenne er „linken Patriotismus“, schrieb Habeck 2010. Heute legitimiert er sein Handeln mit der Vokabel des Nationalen.

Ist das Einsicht? Nein, aber Absicht. Jede Wette, Habeck zielt mit diesen Worten kalkuliert auf die bürgerliche Mitte. Dort will er angreifen. Sie will er einer CDU abspenstig machen, die unter Friedrich Merz manchem Wähler vielleicht polterig erscheint. Deutlich wird dies auch, als Habeck in Osnabrück die Bühne nutzt, um sich ungefragt von der Gründungserzählung der Grünen zu distanzieren. Er betrachte seine Partei auf andere Art als ein großer Teil ihrer Mitglieder, gibt er zu Protokoll, nämlich nicht als ideologisch, sondern pragmatisch an den Problemen der Menschen orientiert. Pazifismus etwa habe er nie verstanden. Auch auf anderen Feldern scheue er nicht den Konflikt mit Dogmatikern – diese Auseinandersetzung werde in seiner Partei in der nahen Zukunft zu führen sein.

Welche Rolle spielt dabei Habeck? Umso mehr stellt sich die Frage mit dem Rücktritt des Vorstands. Mit der Betonung der harten politischen Verantwortung, dem intellektuellen Touch und seinem Erklärertum begibt er sich jedenfalls in die Tradition von Joschka Fischer: einst Revoluzzer, später Weltenlenker. Zugleich bewirbt er sich um das Erbe Angela Merkels, das in der CDU niemand haben will, außer vielleicht der ins Abseits geratene Daniel Günther in Kiel.

Zu diesem Zweck, also um die Mitte der Gesellschaft anzusprechen und sich als schützender Krisenbezwinger in einer widrigen Welt ins Licht zu setzen, sind Habeck auch Legenden recht. Denn als die Grünen sich gründeten, doziert er, sei die Welt eine andere gewesen, und zwar sehr viel einfacher. „Aber die 70er-Jahre werden nicht wiederkommen“, ruft Habeck und setzt an zur Klage über die „Multikrise“, die gegenwärtig alles so viel komplizierter mache als damals.

Nur handelt es sich bei dieser Erzählung um ein Märchen. Die Menschen im vorigen Jahrhundert erlebten zwei Weltkriege und deren Folgen mit massenhaftem Tod, Teilung, Traumata und Vertreibung. In den 70er-Jahren war 1945 erst 30 Jahre her! Schon dieser Umstand lässt die Idee kühn erscheinen, dass die Welt damals eine einfache war.

Zudem hatten die Menschen existenzielle Ängste vor der Kernkraft und der Aufrüstung. Parallel entzündeten sich Generationenkonflikte von langen Haaren bis zur sexuellen Revolution. Das Bewusstsein über die Verletzlichkeit der Erde erwachte: Saurer Regen, Artensterben und Überbevölkerung waren präsente Themen. Die Ölkrise stellte den Wohlstand infrage. Massenarbeitslosigkeit löste das Wirtschaftswunder ab. Nicht zuletzt gab es einen erbitterten, dualistischen Kampf der politischen Systeme, zwischen Kapitalismus und Kommunismus: ideologisch, global, terroristisch und auch kriegerisch; Stichwort Vietnam.

Die Welt an sich, das glaube ich fest, ist daher keineswegs komplizierter geworden – allenfalls die Welt der Grünen. Wie immer Sie zu Habeck stehen: Ich wünsche Ihnen eine gute weitere Woche.

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