Avignon Von 50 Männern missbraucht: Wie Gisèle Pelicot zur Ikone gegen sexuelle Gewalt wird
Beim Prozess in Avignon gegen 50 Männer, die sie in bewusstlosem Zustand vergewaltigt haben sollen, tritt das Opfer bewusst aus dem Schatten in die Öffentlichkeit – und wird zu einer Ikone, die lautstarke Debatten in Frankreich anregt.
Sie war bis jetzt so ruhig, so bemerkenswert kontrolliert, aber am Ende eines strapaziösen Verhandlungstages platzt Gisèle Pelicot der Kragen. Seit sie an diesem Mittwochmorgen den Gerichtssaal betreten habe, fühle sie sich erniedrigt, klagt die kleine, zierliche Frau. Sie hebt die Stimme. „Es braucht einen gewissen Grad an Geduld, um all das zu ertragen, was ich mir heute anhören musste.“
Eine Alkoholikerin haben sie sie genannt, die es in ihrer Trunkenheit nicht merkte, als sie vergewaltigt wurde. Eine Exhibitionistin sei sie, nur weil sie nackt im Pool in ihrem Garten gebadet habe. Ja, was denn noch? „Ich habe das Gefühl, dass ich hier die Schuldige bin. Und dass 50 Opfer hinter mir sitzen.“ Ob die 50 Männer vielleicht mit ihr tauschen wollten? Die Frage klingt beißend.
Die Männer, die sie meint, sitzen aufgereiht auf Anklagebänken im Gerichtssaal in Avignon; ihnen drohen lange Haftstrafen. Gisèle Pelicot selbst ist Zivilklägerin, das Opfer von unvorstellbar furchtbaren Taten. Das steht fest, auch wenn der Prozess die Schuld eines jeden einzelnen erst noch klären muss. Und obwohl manche Anwälte und auch Anwältinnen versuchen, es in Frage zu stellen.
Tatsächlich merkte es die 71-jährige Rentnerin mehr als neun Jahre lang nicht, dass Unbekannte sich in ihrem eigenen Schlafzimmer im südfranzösischen Örtchen Mazan an ihr vergingen. Ihr Ehemann, Dominique Pelicot, von dem sie inzwischen geschieden ist, hatte sie vorher jeweils medikamentös betäubt.
Über eine spezielle Internetseite, die erst vor kurzem verboten und geschlossen wurde, lud er die Fremden ein. „Ohne ihr Wissen“ lautete der Chatbereich, den er gegründet hatte, um sich mit anderen Männern über ihre Fantasien auszutauschen – und sie umzusetzen. Er filmte die Taten, was diesen Prozess erst ermöglichte und die Beweislast so erdrückend macht.
Im Herbst 2020 war der Rentner in einem Supermarkt erwischt worden, als er Frauen unter den Rock filmte. Bei der Untersuchung seiner Handys, Computer und Festplatten stießen die Ermittler auf mehr als 20.000 Videos und Fotos, die den schweren Missbrauch seiner bewusstlosen Frau zeigten. Das Material gehörte zum Schlimmsten, was er bisher gesehen habe – und er sehe viel Schlimmes, sagte einer der Polizisten gegenüber der französischen Presse.
Von den 83 Männern, die in den Videos auftauchten, konnten 49 festgenommen werden. Sie sitzen nun in dem Gerichtssaal in Avignon, ebenso wie Gisèle Pelicots Ex-Mann als Drahtzieher und ein Mann, der sie nicht vergewaltigt hat, sondern seiner eigenen Frau dasselbe antat – gemeinsam mit Dominique Pelicot, den er zu sich eingeladen hatte. Dieser hatte ihm die Medikamente verschafft, um sie bewusstlos zu machen.
Allein durch die Zahl der Angeklagten handelt es sich um einen Mammut-Prozess. Die Verhandlung ist auf mehr als drei Monate angesetzt, bis Mitte Dezember. Außergewöhnlich ist er auch aufgrund der vermeintlichen Normalität der Angeklagten. Sie sind heute zwischen 26 und 74 Jahre alt und von Beruf Krankenpfleger, Fernfahrer oder Feuerwehrmann. Alle stammen aus der Region, einen von ihnen traf Gisèle Pelicot ab und zu beim Bäcker. Viele haben selbst Kinder, galten als „brave Familienväter“, wie Dominique Pelicot selbst. Einer der Männer kam am ersten Prozesstag zu spät, es war der Tag der Einschulung: Er habe seinen Sohn zum Unterricht gebracht, entschuldigte er sich. Wer begleitete wohl die sieben Enkel von Gisèle Pelicot, deren drei Kinder ihr nicht von der Seite weichen, zur Schule?
Einige der Angeklagten waren der Justiz bekannt, unter anderem wegen Gewalt gegen Frauen. Bei manchen wurde kinderpornografisches Material gefunden. Aber bei der großen Mehrheit handelte es sich um Männer aus der Mitte der Gesellschaft. „Die Leute entdecken, dass Vergewaltiger nach außen keine Monster sind, sondern ihre Nachbarn“, sagt die sozialistische Senatorin Laurence Rossignol, die sich seit Jahren im Kampf gegen sexuelle Gewalt engagiert. Die allermeisten Fälle geschehen im familiären Umfeld oder im Bekanntenkreis, betont sie. Der Prozess zeige, dass „unsere Gesellschaft extrem tolerant gegenüber Vergewaltigungen ist und dass viele Männer noch nicht verstanden haben, was Einverständnis bedeutet“.
35 von 49 Angeklagten weisen den Vorwurf der Vergewaltigung von sich. Manche sagten, ihnen habe die Erlaubnis des Ehemanns gereicht. Die meisten erklären, sie seien in eine Falle gegangen und hätten gedacht, es handle sich um ein Sex-Spiel, bei dem sich die Frau nur schlafend stelle. Deren Anwälte gehen Gisèle Pelicot mitunter offensiv an. Zwei beantragen, dass anzügliche Fotos von ihr gezeigt werden, teils in Unterwäsche, teils nackt. Ob diese „sehr expliziten Bilder“ nicht auf eine gewisse sexuelle Offenheit, einen Hang zum Exhibitionismus hinweisen?, fragt eine Verteidigerin. Gisèle Pelicot erwidert, sie erinnere sich an nichts, aber wehre sich gegen die Unterstellung, sie habe die Männer angelockt. Sie wusste ja von nichts. „Ich kann die Vergewaltigungsopfer verstehen, die nicht Klage einreichen; ihr Leben wird seziert, sie werden erniedrigt“, ruft sie.
Ihr Ex-Mann bestätigt das Abscheuliche: Sie habe nie gemerkt, dass er sie fotografierte. Darüber hinaus seien alle Beschuldigten vollständig über ihren bewusstlosen Zustand informiert gewesen. Dominique Pelicot hat vor mehreren Tagen ein umfassendes Geständnis abgelegt und die anderen Beschuldigten dazu aufgefordert, ebenfalls Verantwortung zu übernehmen. „Ich bin ein Vergewaltiger, genauso wie die Angeklagten in diesem Saal“, sagte er. Er habe seine Ex-Frau während ihrer 50 Jahre dauernden Ehe „wahnsinnig geliebt“ und bitte sie um Verzeihung im Wissen, dass seine Taten unverzeihlich seien. Sie hörte zu, ihm körperlich zugewandt, ohne eine erkennbare Reaktion zu zeigen.
Außergewöhnlich an dem Prozess sind auch und vor allem das unerschrockene Auftreten von Gisèle Pelicot und ihre Entscheidung, nicht anonym zu bleiben, sondern eine öffentliche Verhandlung einzufordern. Während sich die Angeklagten hinter weiten Jacken, Kapuzenpullis und Gesichtsmasken verstecken, erscheint sie jeden Morgen mit gerader Haltung, elegant gekleidet, die Sonnenbrille über den Augen legt sie später meist ab. „Ich will mich nicht verstecken“, sagt sie. „Die Scham muss das Lager wechseln“, betonen ihre Anwälte. Ihre Kinder und Enkel sagten, für sie sei die Mutter und Großmutter „der Mut in Person“.
Mit ihrer Courage hat die Rentnerin etwas angestoßen in Frankreich. Am Wochenende demonstrierten landesweit Tausende gegen die „Kultur der Vergewaltigung“. „Wir sind alle Gisèle“, stand auf manchen Plakaten. Auf anderen wurde sie mit ihrem rötlichen Pagenkopf und der runden Sonnenbrille abgebildet. Auch wenn sie das sicher nie wollte – sie entwickelt sich zu einer Art Ikone, auf dem Weg in den Gerichtssaal und heraus wird sie von Applaus begleitet. An einem Morgen hat sie Dankesworte an alle vorbereitet, die sie unterstützen. Sie liest sie vor laufenden Kameras ab. „Ich bin zutiefst berührt von dieser Bewegung, die mir eine Verantwortung überträgt. Dank euch allen habe ich die Kraft, diesen Kampf bis zum Ende zu führen.“ Sie führe ihn für alle Opfer von sexueller Gewalt, Frauen wie auch Männer.
In Frankreich kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Aufsehen erregenden Vergewaltigungsvorwürfen. Doch sie betrafen meist berühmte Männer aus einer scheinbar anderen, abgehobenen Welt. Der Schauspieler Gérard Depardieu muss sich demnächst vor Gericht verantworten. Vor einigen Monaten kamen Anschuldigungen gegen mehrere Regisseure auf, angestoßen durch die Schauspielerin Judith Godrèche, der sich Kolleginnen aus dem Kino-Milieu anschlossen. Zuletzt warfen Enthüllungen über sexuellen Missbrauch ein dunkles Licht auf den 2007 verstorbenen Geistlichen Abbé Pierre, den bislang so verehrten Gründer von Wohltätigkeitsorganisatoren.
Nun aber geht es um „Normalos“, die das Angebot, sich gratis an einem wehrlosen Frauenkörper zu vergehen, nicht ausschlugen. Die sich auch keine weiteren Fragen über ihr eigenes Tun oder die Folgen für das Opfer stellten.
„Anhand von diesem Fall lässt sich aufzeigen, wie systematisch das Patriarchat funktioniert“, sagt die Autorin, Journalistin und Herausgeberin der feministischen „Medusablätter“, Cécile Calla. „Das bedeutet nicht, dass alle Männer Vergewaltiger sind, aber es zeigt, dass immer noch die Haltung verbreitet ist, dass Männer über den Körper der Frauen verfügen können.“
Die #metoo-Bewegung in Frankreich erhalte nun „neuen Sauerstoff“. Sie hoffe, dass sich anders als bisher mehr Männer an den Debatten und den Kundgebungen beteiligten. Dafür gebe es zumindest erste Anzeichen. Wichtig sei auch die Transparenz von Gisèle Pélicot, die dem Vorwurf entgegentrete, dass bei sexueller Gewalt gegen Frauen diese einen Teil der Verantwortung tragen. „Sie zeigt klar, dass sie sich nichts vorzuwerfen hat und bei wem die Schuld liegt.“
Für Gisèle Pelicot war es unmöglich, sich zu wehren – sie war eingeschläfert von einer absoluten Vertrauensperson, ihrem Ehemann. Dafür wehrt sie sich heute, für sich und für alle anderen Betroffenen. Denn Vergewaltigungen passieren nur selten nachts in einsamen Parks. Viel zu oft schläft der Täter im eigenen Bett.