Utö Manfred Rothe überlebte „Estonia“-Unglück – wie er aus der eiskalten Ostsee gerettet wurde
Bei ihrem Untergang im Jahr 1994 reißt die Ostseefähre "Estonia" 852 Menschen in den Tod. Der deutsche Passagier Manfred Rothe gehört zu den wenigen Überlebenden. Im Interview schildert er die dramatischen Stunden bis zu seiner Rettung und warum die Katastrophe auch 30 Jahre später noch nachwirkt.
Am Abend des 27. September 1994 beschließt Manfred Rothe lange wach zu bleiben – diese Entscheidung rettet sein Leben. Der damals 36-Jährige befindet sich zusammen mit einem Bekannten an Bord der Ostseefähre "Estonia" auf der Rückfahrt von Tallin nach Stockholm. Am Abend hat das Schiff in der estnischen Hauptstadt abgelegt, in etwa 16 Stunden soll es wieder in Schweden sein. Dort aber wird das Schiff niemals ankommen.
Der Untergang der "Estonia" ist eines der schwersten Schiffsunglücke der Nachkriegszeit. 852 Menschen sterben, Manfred Rothe überlebt. Mit unserer Redaktion spricht der Apotheker und Lebensmittelchemiker aus Baden-Württemberg noch einmal über das Unglück. Für den 66-Jährigen, der mittlerweile in Rente ist, sind die schrecklichen Szenen von damals immer noch sehr präsent.
28. September 1994, spät in der Nacht: "Estonia"-Passagier Rothe hat sich auf Deck 4 im "Admiral''s Pub" beim Karaoke unter die Nachtschwärmer gemischt. Plötzlich erdröhnt ein lauter Knall.
Der laute Knall, den Rothe hört, kommt wahrscheinlich vom Bugvisier. Die schwenkbare Luke am Fahrzeugdeck kann der Belastung aus See und Wetter nicht mehr standhalten. Sie reißt aus der Verankerung und versinkt im Ozean. Wasser strömt in das Schiff. Um 1.22 Uhr funkt die "Estonia" den ersten Notruf. "Mayday, Mayday!" Nur etwa eine halbe Stunde später versinkt die Fähre in der Ostsee.
Herr Rothe, als die "Estonia" gesunken ist, waren an Bord auch sieben deutsche Passagiere, von denen nur drei überlebten. Sie waren einer von ihnen. Was hatte Sie damals dazu bewogen, mit der Fähre zu fahren?
Das war reiner Zufall. Der Turnverein in meiner Heimat plante eine Gruppenreise nach Stockholm. Am Ende blieben von der ursprünglichen Planung nur noch ein Sportkamerad und ich übrig. Wir beschlossen, trotzdem zu fahren. Zu der Zeit begannen die baltischen Staaten gerade, sich für Besuche von Staatsangehörigen westlicher Länder zu öffnen. So konnten Tagestouristen die estnische Hauptstadt Tallin einen Tag lang ohne Visum besuchen. Deshalb kamen wir auf die Idee, von Stockholm auch einmal dorthin zu fahren.
Wie kamen Sie an Bord?
Wir stellten unser Auto in Stockholm ab und gingen zu Fuß auf die Fähre. Die Überfahrt nach Tallin war über Nacht. Am Morgen dort angekommen, waren wir den Tag über auf Landgang und sind am frühen Abend zum Schiff zurückgekehrt. Über Nacht sollte die Fähre dann wieder zurückfahren und am nächsten Morgen in Stockholm ankommen.
Doch schon vor der Abfahrt gab es Probleme. Die Fähre legte mit einer etwa viertelstündigen Verspätung ab, ein Sturm zog über der Ostsee auf. Was haben Sie davon mitbekommen?
Zuletzt habe ich gesehen, wie noch ein Lkw auf die Fähre gefahren ist. Die Verzögerung war dann aber wohl aufgrund der Wetterlage. Trotzdem wollte der Kapitän unbedingt rechtzeitig in Stockholm ankommen und hat die Maschinen auf volle Fahrt vorauslaufen lassen. Dass sich die See derart aufpeitscht und der Sturm so stark wird, konnte man im Hafen noch nicht erahnen. Unterwegs wurde der Sturm dann immer heftiger.
Wie ging es Ihnen und den anderen Passagieren? Hatten Sie Sorge, es könnte etwas Schlimmes passieren?
Das Schiff hatte starke Schlagseite, richtete sich nach der Krängung aber jedes Mal wieder auf. Währenddessen musste man einen Moment warten und sich festhalten, konnte dann aber weiterlaufen. Ich hatte damit eigentlich keine Probleme. Weil die Tanzveranstaltung, auf der ich war, abgebrochen wurde, ging nun ein Großteil der Passagiere zurück in die Kabinen und blieb nicht mehr auf dem Vergnügungsdeck.
Und Sie sind nicht in Ihre Kabine gegangen?
Mein Mitreisender ist runter zum Schlafen gegangen. Ich wollte aber noch wach bleiben und habe mich auf dem vierten Deck in den "Admiral's Pub" gesetzt, wo noch Karaoke gespielt wurde. Die anderen Passagiere unterhielten sich meist auf Schwedisch, das konnte ich damals noch nicht verstehen. Also habe ich die Gruppen beim Singen beobachtet – und dann ist es plötzlich passiert.
Durch die Wassermassen, die über den offenen Bug in das Schiff strömen, gerät die "Estonia" in Schieflage. Aus Treppen werden steile Wände, jeder falsche Schritt kann zum Tod führen. Die Uhrzeit wird vielen Passagieren zum Verhängnis, sie werden von dem eindringenden Wasser im Schlaf überrascht. Auch der Begleiter von Rothe kann sich nicht mehr retten.
Brach nun Panik aus?
Zuerst waren die meisten Passagiere noch erstaunt. Sie dachten wohl, das Schiff würde in Schräglage einfach stehen bleiben. Doch das geschah nicht. Ab da sind alle um ihr Leben gerannt. Ich bin hoch zum obersten Deck. Da war eine Tür, die in den Außenbereich führte. Ich habe erst noch gezögert, dann aber gemerkt, dass sich das Schiff immer mehr auf die Seite gelegt hat. Es war Glück, dass ich nach draußen gelangt bin, weil die Treppen und auch das Geländer frei waren und ich mich noch gut hochziehen konnte.
Draußen tobt der Sturm. Rothe erwischt noch eine Schwimmweste, dann merkt er, wie das Schiff immer weiter nach unten gezogen wird.
Sie trieben in der kalten Ostsee, die höchstens 13 Grad Wassertemperatur haben konnte. Dennoch haben Sie es geschafft, nicht zu ertrinken oder an Unterkühlung zu leiden. Wie ist Ihnen das gelungen?
Als ausgebildeter Rettungsschwimmer war mir bewusst, dass ich eine Chance hatte, mich an der Oberfläche zu halten – solange mir nichts gegen den Kopf stieß. Zusätzlich trug ich recht warme Kleidung. Freiwillig wäre ich trotzdem nicht ins Wasser gesprungen. In dem Moment habe ich die Kälte aber gar nicht gespürt, da liefen bei mir ganz andere Programme ab. Durch die Wellen, die aus dem Sog entstanden, wurde ich drei bis vier Mal untergetaucht. Als diese vorbei waren und ich mich umdrehte, sah ich, wie die Bugspitze der "Estonia" im Meer versank. Das war genauso wie beim Untergang der "Titanic" im Film von 1952. Merkwürdigerweise lag die See dann ganz ruhig im Mondschein da, man sah relativ gut und auch der Wind hatte nachgelassen. Es war eine ganz eigenartige Stimmung.
Wie wurden Sie aus dem Wasser gerettet?
Zuerst erschien ein Rettungsboot, das war allerdings voll geschlagen mit Wasser. Dann schwamm noch ein Koffer vorbei, der sich aber nicht öffnen ließ. Viele der Rettungsinseln lagen mit der Spitze nach unten und dem Boden nach oben im Wasser. Dennoch war eine von ihnen meine Rettung. Diese war bei mir vorbeigetrieben, ich bemerkte, dass sie richtig herum aus dem Wasser ragte und somit einen gewissen Schutz bot. Das sah aus wie ein Kinderplanschbecken mit Zeltaufbau. Da bin ich gleich drauf zu geschwommen. Ich habe dort drauf sechs oder sieben Menschen gesehen und mich dann hinein gewuchtet.
Insgesamt acht Stunden harrt Rothe in der Rettungsinsel aus. Der 61-Jährige berichtet, welche Szenen sich dort abspielen.
Haben alle Menschen in Ihrer Rettungsinsel überlebt?
Zwei von ihnen sind leider gestorben. Dazu gehörte ein Matrose, der nur mit einer Unterhose bekleidet war und relativ lange Zeit im kalten Wasser verbracht hatte. Er starb vermutlich an Unterkühlung. Auch ein älterer Schwede, der sich die ganze Zeit über krampfhaft an Tauen in der Rettungsinsel festhielt, überlebte nicht. Offenbar hatte er so etwas wie eine psychische Blockade. Er reagierte nicht auf Aufforderungen der anderen, sich hinzusetzen und hat sich durch das Festklammern wohl völlig verausgabt, sodass er letztlich an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben sein könnte.
Wie sind Sie von der Rettungsinsel wieder an Land gekommen?
Die schwedische Küstenwache hat uns mit einem Helikopter gefunden. Ein „Froschmann“ seilte sich in die Rettungsinsel ab und zeigte uns, wie wir paarweise hoch geseilt werden sollten. So wurden wir gerettet und sind mit dem Helikopter zu einer Fähre geflogen, die in der Nähe ankerte. Dort wurden wir von einem Offizier in Empfang genommen und in einen abgeschirmten Bereich geleitet. Das Schiff brachte uns nach Helsinki. Auf dem Weg fuhren mehrere Schiffe parallel zueinander eine Art Rechen, um das Seegebiet nach weiteren Überlebenden abzusuchen. Die Suche wurde aber eingestellt, als es zu dunkel wurde.
Wann konnten Sie zum ersten Mal mit ihren Angehörigen sprechen und sie darüber informieren, was passiert war?
Ich wurde auf dem Schiff nach Helsinki nach meinem Namen gefragt, den schrieb ich auf ein Blatt Papier, damit es keine Verwechslung gab. In der Nähe des Festlandes konnten ich mit einem Mobiltelefon eines finnischen Geschäftsmannes einen kurzen Anruf tätigen. Ich meldete mich zu Hause und berichtete, dass ich überlebt hatte und den Umständen entsprechend wohlauf war.
Wie lief die Zeit danach weiter für Sie? Hatten Sie Probleme wieder im Alltag anzukommen?
Ich wollte mich nicht zu sehr damit beschäftigen und bin auch recht schnell wieder arbeiten gegangen. Mein Leben konnte ich weiterführen wie zuvor auch. Ich hatte auch keine Probleme wie etwa, dass ich nachts aufwachen würde. Allerdings kehrten die Erinnerungen und Bilder zwangsläufig immer wieder zurück ins Gedächtnis, zum Beispiel, wenn in den Nachrichten über Schiffsunglücke wie bei der Costa Concordia berichtet wurde.
Beschäftigen Sie sich mit den vielen Verschwörungstheorien, die es zum Untergang gibt?
Mehr als die ganzen Theorien gibt mir eigentlich zu denken, dass das Schiff nach einem Verkauf ohne technische Aufrüstung oder Umbauten plötzlich für Fahrten auf hoher See zugelassen war. Vorher durfte die Fähre nur in küstennahen Gewässern verkehren.
Hätte die "Estonia" geborgen werden sollen?
Mittlerweile ist das zu lange her. Eine Bergung hätte spätestens acht Tage nach dem Unglück erfolgen sollen – danach war die Zeit dafür verstrichen. Hier muss man auch realistisch sein: wer wäre denn in das Schiff hineingegangen? Das wäre mit Sicherheit kein schöner Anblick gewesen.
Trauen Sie sich heute noch auf eine Fähre?
Ich bin schon mehrmals wieder mit einer Fähre gefahren. Allerdings bin ich immer darauf bedacht, mich möglichst auf einem der oberen Decks aufzuhalten.
Das Interview führte unsere Redaktion telefonisch mit Manfred Rothe im Jahr 2019 anlässlich des 25. Jahrestags des Untergangs der „Estonia“-Fähre. Die Version ist überarbeitet und neu veröffentlicht worden.
Mitarbeit: Viktoria Meinholz