Berlin Charly Hübner und Sven Regener: „Keine Klamotten, kein Mädchen, kein Geld“
Charly Hübner hat einen Film über Sven Regeners Band Element of Crime gedreht. Im Doppelinterview reden die beiden Tacheles – über Teenager in Not, Teilbestuhlung und über ihr anfallsweises Berlinern.
Zwei Norddeutsche, einer im Westen aufgewachsen, der andere im Osten, treffen aufeinander: Charly Hübner hat einen Film über Sven Regeners Band Element of Crime gedreht. Vor dem Kinostart am 3. Oktober haben wir mit den beiden gesprochen: über Musik, die einen die verzweifelten Momente der Jugend ertragen lässt. Und über das Alter, in dem ein Konzertsaal zumindest teilweise bestuhlt sein sollte.
Frage: Herr Hübner, im Film sprechen Sie von einem „Moment echter Teenager-Not“, aus der Sie Element of Crime gerettet hat. Bei was kann Element of Crime einem Teenager helfen?
Antwort: Charly Hübner: Teenager-Not 1988 in Mecklenburg hieß, keine guten Klamotten. Die falsche Musik gehört, dadurch keine Mädchen. Kein Geld, keine Westverwandten, kein Mopedführerschein. Das schleppst du seit zweieinhalb Jahren mit dir rum und dann stehst du irgendwann auf so einem Feldweg – davon gibt es ja hunderte bei uns in Mecklenburg. Und du guckst dir diese jämmerliche Boxer-Jeans an, die über dem Knöchel endete, weil du in den letzten sechs Wochen schon wieder zehn Zentimeter gewachsen bist. Das war Teenager-Not. Und da kam dann „Life is a Pain in the Ass“ aus diesen Schaumstoffkopfhörern vom Walkman. Das war der Moment, wo Musik und Lyrik, oder Kunst überhaupt, dich in der Seelennot auffangen und rausholen konnte aus diesem schnöden, harten Brot der Wirklichkeit. Das ist da passiert.
Frage: Hilft Element of Crime auch heute noch Teenagern in Not? Im Film sprechen Sie über Konzert-Locations, die möglichst bestuhlt sein sollten …
Antwort: Sven Regener: Als Band haben wir am liebsten Teilbestuhlung. Da können die, die stehen wollen, stehen und die, die sitzen wollen, können sitzen. Ich bin mit 63 Jahren der Jüngste bei uns in der Band. Und viele Leute, die heute noch gerne zu Element of Crime kommen, sind oft noch älter als wir. Die können ja nicht zwei oder drei Stunden stehen. Wir haben früher immer in diesen Rockschuppen gespielt. Und ich mag es heute lieber, wenn wir auch in Läden wie dem Admiralspalast spielen. Da merkt man, die sind für Musik gemacht. Das ist was anderes, als wenn du in Wien im Gasometer spielst. Ein Gasometer war dafür da, Gas aufzubewahren. Und so klingt das auch, wenn du da spielst. Also für eine Schaumparty ist das super. Aber für Element of Crime ist ein Konzerthaus auch super. Und das Tolle ist, natürlich kommen auch immer ein paar Teenager. Die setzen sich übrigens auch ganz gerne mal hin.
Frage: Sie unternehmen in dem Film einen Streifzug durch das alte Berlin, das ja gar nicht Ihr gemeinsames Berlin ist – denn als Element of Crime in Kreuzberg angefangen hat, stand noch die Mauer. Ist dieser Ost-West-Gegensatz eigentlich für Sie jetzt noch ein Thema?
Antwort: SR: Zwischen uns ist das kein Thema mehr. Man kann heute als Ostler natürlich sagen: Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es nicht mehr. Aber das kann ich eigentlich auch sagen. Also das Bremen, in dem ich geboren wurde, wo ich aufgewachsen bin, das gibt es auch nicht mehr. Da erkenne ich heute vieles nicht mehr wieder. Natürlich ist der Bruch im Osten nochmal sehr viel stärker. Das ist gar keine Frage. Aber man darf nicht vergessen, wenn du bei der Wende ungefähr 20 warst, dann ist das etwas ganz anderes, als wenn du bei der Wende ungefähr 40 warst. Wenn du bei der Wende 40 warst, hast du schon wahnsinnig viel Anpassungsleistung erbracht, um überhaupt klarzukommen. Und das gilt dann plötzlich alles nichts mehr. Plötzlich ist das alles weg. Wenn du aber 20 bist bei der Wende, dann dachtest du: Holla die Waldfee, ich bin erwachsen und die Welt ist offen. Das ist einfach individuell sehr verschieden. Und das merkt man auch bei diesem Film, dass in West-Berlin der Osten immer mitgespielt hat. Das ist mir jetzt erst richtig klar geworden. Wenn man in den Teil Kreuzbergs gezogen ist, der von drei Seiten von der Mauer umgeben war, das hat man einfach gespürt. Die ganze Stadt war ja davon geprägt, dass sie diese zwei Hälften hat.
Antwort: CH: Ich war 1989 vom Deutschen Turn- und Sportbund delegiert zum Pfingsttreffen im Mai hier in Berlin. Und dann haben wir gesagt, da waren wir eben so 16, das müssen wir uns jetzt mal angucken mit der Mauer. Ich kannte das nur aus Erzählungen. Ich wollte einfach wissen, wie das da aussieht. Und dann sind wir einfach abends raus aus dem Palast der Republik und sind zum Brandenburger Tor. Da war ja vor dem Pariser Platz die Absperrung. Und da standen sechs Typen mit Maschinengewehr. Und wir haben gemerkt: Krass, hier ist ja wirklich Ende. Aber der Ausgangspunkt unseres Filmes ist jetzt vielmehr, dass man diese konkreten, verengenden Punkte nicht behandelt. Sondern eher ausgeht von der Aura der Band, dem, was sie ausmacht. Und nicht biografische Stationen abhakt wie in einer Dokumentation.
Frage: Element of Crime wurde von einer West-Berliner Band zur Berliner Band, und so wurden Sie auch immer wahrgenommen. Dabei berlinern Sie überhaupt nicht, sondern sprechen breites Norddeutsch. Wie kann man 40 Jahre in Berlin leben und nicht wenigstens diesen typischen Tonfall annehmen?
Antwort: CH: Schauspieler haben das ja oft, dass sie dann einfach reinrutschen in den Slang, wo sie wohnen. Das kenne ich auch von mir, wenn ich dann länger in Wien sitze, da sage ich dann Servus und höre auf mit dem Moin.
Antwort: SR: Ich hab’ nie angefangen zu berlinern. Die ersten 20 Jahre bin ich in Bremen aufgewachsen, das hat die Sprache geprägt. Aber ich wollte auch in Berlin nie der Freak von woanders sein, es hat sich einfach neutralisiert. Dabei ist das ja eigentlich so ein Einwandererslang, beim Berlinern kann jeder mitmachen. Ich weiß auch nicht, was manche Berliner haben, wenn es gegen die Schwaben geht oder so. Berliner kommen alle von woanders, Heinrich Zille war Sachse, der ist mit sechs erst nach Berlin gekommen und hat garantiert gesächselt wie die Sau. Auf der Straße hat er das dann wahrscheinlich schnell geändert, damit er nicht auf die Schnauze bekommt. Der Berliner ist ja ein angstgetriebener Mensch. Berlinern tut man eigentlich aus Angst. Wenn du einen Berliner in Bedrängnis bringst, fängt der stärker an zu berlinern. Weil er sich dann auf diese Weise seiner kollektiven Identität bewusst wird. Man berlinert ja auch nicht die ganze Sprache durch, das hält ja keiner aus. Das ist mehr wie ein Gewürz, das man ab und zu mal so reinwirft.
Antwort: CH: Ich mach das manchmal aus Jux, dass ich durchberlinere. Das ist beinhart. Ich kenn nur ganz wenige Leute, die das machen, auch richtige Berliner nicht.
Antwort: SR: Es gibt so Westberliner Prolls, die das gerne machen. Aber dann wirklich nur, wenn sie dir einen unterpulen wollen. Das ist so eine Machtgeschichte. Da wirst du dann so zuberlinert. Das ist richtig nervig.
Antwort: CH: Das ist auch mühsam. Vor allem als Sprechender …
Hier sehen Sie den Trailer von Charly Hübners Film „Element of Crime: Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“:
Frage: Mecklenburger, Bremer oder Wahlberliner, wie wichtig ist Ihnen Identität?
Antwort: SR: Das ist ganz einfach. Ich bin mit mir selbst identisch. Ich bin in Bremen geboren und aufgewachsen, deswegen sehe ich mich immer als Bremer. Aber ich wohne nicht umsonst seit 40 Jahren in Berlin. Ich weiß genau, warum ich das tue. Weil ich immer in so einer richtig großen Stadt wohnen wollte. Aber dafür muss ich mich nicht kollektiven Identitäten anschließen. Ich muss nicht irgendwie auch Berliner sein. Das ist ja das Tolle an einer großen Stadt. Da kann jeder mitmachen. Du kommst dahin, du kannst einfach mitmachen. Scheißegal. Das mag ich daran. Ich kam hier mit der Trompete her und ich durfte gleich überall mitspielen. Das war der Unterschied zu Hamburg. Da kam ich mit der Trompete hin und die sagten: „Was willst du denn eigentlich so machen? Wo kommst du eigentlich her? Was hast du denn vorher gemacht?“ Und in Berlin haben die gesagt: „Du kannst Trompete spielen? Wie geil ist das denn? Wir treten in zwei Stunden auf. Du kannst mitmachen.“ Und das ist der Unterschied. Und deshalb habe ich mich hier immer sehr wohlgefühlt.
Antwort: CH: Mit der Identität kann ich Ihnen gar nicht weiterhelfen. Ich bin Schauspieler und ich komme aus Mecklenburg. Mecklenburger hatten ewig keine bürgerliche Kultur, eigentlich bis heute nicht. Da hat man diese Bauernkultur und dann diese Arbeiterkultur und in der DDR die Funktionärskultur. Das ist die eine Welt und das andere ist für mich dann eigentlich gleich die Kunst geworden. Und Schauspielerei ist der beste Beruf, um sich nicht mit der eigenen Identität groß zu befassen.
Frage: Sie sind ja nicht nur Schauspieler, sondern inzwischen auch Autor und eben Regisseur. Wie kam es zu der Idee, einen Film über Element of Crime zu machen?
Antwort: CH: Die Idee kam von der Managerin Charlotte Goltermann: Einfach eine Tour begleiten, fünf Tage Berlin, ganz kleine bis ganz große Locations. Ich fand die Idee sofort super, weil das für eine Band-Doku viel interessanter ist als dieses: „1982. Ein Bremer Junge kommt in die große Stadt mit seiner Trompete.“ Da hätte ich keinen Bock drauf gehabt. Aber das, was die Clubs ausmacht, die Musik, das Touren, das hat was mit dieser Stadt zu tun. Und dadurch liegt der Schwerpunkt nicht so auf der Vergangenheit. Es gibt immer die Gegenwartsebene, auf der diese Band dann den nächsten Tag im Lido oder im SO36 bewältigen muss. Und wie sie das tut, wie sie damit umgeht, wie sie ihre Sachen spielt, das wollte ich zeigen.
Frage: Und wie war das dann? Sie haben ihn fertiggestellt, er wurde geschnitten und dann kam irgendwann der große Tag, an dem die Band sich den angeguckt hat?
Antwort: CH: Nein. Die Band hat früh Einblick gehabt. Ich halte das gut aus, dass viele dazu auch was sagen. Ich finde das interessant zu erleben, wo so ein Film steht. Ich weiß ja, der ist nicht fertig. Und dann rauszufinden, wo sich so ein Film auch vergaloppiert. Gerade in so einem frühen Stadium. Ich lerne dabei, kriege da ganz viel über den Film raus. Gerade in der Kritik.
Antwort: SR: Wir wollten gar nicht viel mitreden. Das Einzige, was uns anfangs, bei den frühen Versionen des Films wirklich gestört hatte, war, dass wir so viel zu sehen waren. Also nicht als agierende Musiker, sondern als Typen, die einen erzählen aus der guten alten Zeit. Aber das sah Charly genauso und es war auch klar, dass er das noch füllen würde mit anderen Bildern.
Antwort: CH: Man muss erstmal sammeln. Und dann ist ganz wichtig, dass die Band ganz früh dazu was zu sagen hat. Das ist viel interessanter. Erstmal gucken, wo die Schmerzpunkte sind. So funktionieren ja auch Proben im Theater. Ich bin ein Schauspieler, der wahnsinnig viel probiert, ohne immer genau zu wissen, was er da tut. Und Leute, die mich kennen, wissen das, die halten das dann aus. Ich muss in den Körper kommen. Und so ist das bei so einem Film dann auch.
Antwort: SR: Wir haben Charly auch vertraut, weil wir wussten, dass er einen sehr eigenwilligen Blick auf die Band hat, der nicht unserem entspricht. Das wäre ja sonst langweilig. Es war interessant zu sehen, wie Charly da immer mehr reingekommen ist. Der stumme Mecklenburger, da haben wir mal die Identität. Im Grunde genommen hat er sein eigenes Ding da verfolgt. Als ich den Film dann zum ersten Mal fertig gesehen habe, hat mich das total geflasht. Weil es wirklich ein ganz eigenständiges, interessantes, seltsames Werk ist.