Sylt „Herr Jansen greift durch“: Wie die Kontrollen Sylt in Aufruhr versetzen
Mehrere Tausend illegale Ferienwohnungen will der Kreisbaudirektor aus dem Verkehr ziehen. Gelingt das? Was bekannte Sylter zu den Kontrollen sagen und wie sich Insulaner gegenseitig anschwärzen, zeigt eine NDR-Reportage.
„Die wissen, dass ich auf der Insel bin, deshalb verstecken die sich in ihren Wohnungen und zittern“. Zufrieden lächelnd durchkämmt Kreisbaudirektor Burkhard Jansen mit seiner umgehängten Aktentasche die Straßen von Sylt.
Mit dieser Szene beginnt der Fernsehbeitrag über Kontrollen gegen illegale Ferienwohnungen auf Sylt. Nicht zufällig trägt die Story den Titel „Herr Jansen greift durch“. Der Baudirektor des Kreises Nordfriesland ist der Protagonist des knapp 45-minütigen Films, der gegen Widerstände versucht, geltenden Recht durchzusetzen.
Denn seitdem der Kreis mit Kontrollen gegen die illegale Nutzung von Ferienwohnungen vorgeht, ist die Insel in Aufruhr. Und spaltet die insulare Gemeinschaft. Knapp 60 Sylter Ferienunterkünfte wurden bereits stillgelegt. Am Ende werden es 3.500 sein, schätzt Jansen. Viele haben Angst um den Wohlstand der Insel, andere bangen um ihre eigene Existenz als Ferienvermieter, die ihnen jahrzehntelang Einkommen gesichert hat.
Maren Jessen, gebürtige Sylterin und Vorsitzende des Heimatvereins Sölring Foriining, spürt die Verunsicherung der Insulaner: „Man läuft laut pfeifend durch den Wald und hofft, dass man nicht dran ist. Es wird sich nicht ausgetauscht . . . man ist nicht offen kritisch, dafür ist die Angst viel zu groß“, sagt sie.
Sie ist eine der wenigen Vermieterinnen, die bereit war, über das Thema zu sprechen. Maren Jessen ist Eigentümerin von neun Ferienwohnungen in Wenningstedt-Braderup, die sie über eine Agentur vermietet. Auch sie hatte Angst, einen Brief vom Baudirektor zu bekommen. Als die Kontrollen anfingen, hat sie „ganz schnell in die Baugenehmigung geguckt, weil wir uns nicht mehr erinnert haben. So ist es ja, man erinnert sich nicht mehr, was genau man gemacht hat vor 30 Jahren.“ Sie sei dann „heilfroh“ gewesen, dass die Baugenehmigung Ferienvermietung ausdrücklich erlaubt.
Dennoch ist die Nordfriesin über die „Vorgehensweise des Kreises wütend“. Schließlich sei Burkhard Jansen seit 18 Jahren im Amt. Maren Jessen: „Ich kann nicht nachvollziehen, warum das Kreisbauamt jetzt so schnell und rigoros durchgreift, wenn ich zurückblicke auf 50 Jahre, in denen gar nichts passiert ist.“ Der Punkt geht an sie, das räumt der Baudirektor ein. „Die Frage ist berechtigt“, sagt er, „das Ausmaß der nicht genehmigten Wohnungen hat uns überrascht.“
Dass das Ziel der Kontrollen, mehr Dauerwohnraum für Sylter zu schaffen, nicht immer aufgeht, zeigt das Beispiel von Bärbel Schubert. Die Sylterin vermietet ein Zimmer im Anbau ihres Hauses an Feriengäste. Illegal, wie der Kreis jetzt festgestellt hat. Am 1. Oktober muss Schluss sein damit, sonst droht ihr ein Bußgeld von 5000 Euro. An Dauermieter will Bärbel Schubert danach nicht vermieten.
Wie dringend Dauerwohnraum für Sylter gebraucht, um das Leben und die Infrastruktur auf der Insel aufrechtzuerhalten, beschreibt Thomas Nissen, Wehrführer der Feuerwehr Rantum. Die Feuerwehr ist unterbesetzt, weil kein Nachwuchs mehr da ist. Und dörfliche Gemeinschaft, Vereinsleben findet ohnehin kaum noch statt.
Erst im letzten Moment Glück hatte ein junges Paar aus Bielefeld, das auf Sylt in Festanstellung arbeiten kann; sie als Kita-Leiterin. Ein Jahr lang haben die beiden verzweifelt gesucht, sahen sich in ihrer Not schon auf dem Campingplatz wohnen. In letzter Minute hat es dann geklappt.
Mehr Wohnraum für Insulaner zu schaffen, ist Sache der Gemeinden auf Sylt, die in den Bebauungsplänen festlegen, wie viel Ferienvermietung künftig noch erlaubt ist. Burkhard Jansen sieht das als „riesige Herausforderung“ für die Gemeinden, „der sie sich am liebsten nicht gestellt hätten. Sie ist aber notwendig.“
Besorgniserregend ist, dass die Kontrollen des Kreises Denunziation zur Folge haben. Wie seit langem auf der Insel bekannt, zeigen Sylter ihre Nachbarn bei der Bauaufsicht des Kreises an. Und offenbar nutzen Gastgeber das Mittel des Anschwärzens, um Mitbewerber auszuschalten: Astrid Springfeld von der Bauaufsicht des Kreises, die Jansen auf Sylt begleitet, berichtet von Hotels, die dem Kreis illegale Ferienvermietung melden.
„Sylt und seine Ferienwohnungen: Herr Jansen greift durch“ am Montag, 2. September, 22 bis 22.45 Uhr im NDR oder jetzt schon in der Mediathek