Osnabrück  „Ukraine wird militärisch immer schwächer“ – Kujat analysiert schonungslos die Kriegslage im Osten

Dr. Philipp Ebert
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Von Dr. Philipp Ebert
| 15.09.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Expertentalk wirft Ex-Nato-General Harald Kujat einen nüchternen Blick auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Foto: Fotocollage: dpa/picture alliance/NOZ
Im Expertentalk wirft Ex-Nato-General Harald Kujat einen nüchternen Blick auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Foto: Fotocollage: dpa/picture alliance/NOZ
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Kann Russland den Krieg gewinnen – oder die Ukraine? Der ehemalige Nato-General Harald Kujat hat dazu eine klare Meinung. Der streitbare Ex-Nato-General eckt an – und warnt im Expertentalk mit Michael Clasen in deutlichen Worten vor einer unkontrollierbaren Eskalation. Der Nachbericht.

Nüchtern in der Analyse, klar in der Bewertung: So hat Deutschlands ehemals ranghöchster Soldat, General a.D. Harald Kujat, jetzt im Expertentalk mit Moderator Michael Clasen über den Krieg zwischen Russland und der Ukraine gesprochen. Klar ist für Kujat: Eine Fortsetzung des derzeitigen Kriegsgeschehens mit massiver Unterstützung der Ukraine durch den Westen birgt das Risiko einer immer größeren Ausweitung des Konfliktes.

Der Militär-Experte meint: Keine Seite kann den Krieg gewinnen – und weder Russland, noch die Ukraine oder der Westen könnten ihre jeweiligen politischen Ziele erreichen. Hier sind die wichtigsten Aspekte aus dem Expertentalk zum Thema „Endet der Ukraine-Krieg für die USA und den Westen in einer Niederlage?“

Kujat beobachtet, dass die ukrainische Führung „größte Besorgnis“ wegen der militärischen Situation habe. Russland rücke, wenn auch langsam, unaufhaltsam vor. Das Ziel: Die Regionen des Donbass zu erobern. Dazu Kujat: „Ich glaube, dass die Ukraine weiß, dass das nicht mehr abzuwenden ist.“

Seit Kriegsbeginn sei die militärische Lage der Ukraine „immer kritischer geworden“, sagt Kujat – trotz der „massiven westlichen Unterstützung“. Man müsse daher davon ausgehen, dass trotz fortgesetzter Unterstützung Kiews durch EU und Nato die Ukraine „immer schwächer werde“. Und, dass am Ende eine „militärische, und zwar eine katastrophale militärische Niederlage der Ukraine“ stehe.

Da die Ukraine angegriffen worden sei, sei ihre Selbstverteidigung völkerrechtlich gerechtfertigt. „Auch die Unterstützung der Ukraine ist völlig legitim“, betonte Kujat. Das heiße aber nicht, dass es im Interesse des ukrainischen Volkes sei, in dem anhaltenden Konflikt nur auf eine militärische Lösung zu drängen.

Um einen dauerhaften Frieden zu erreichen, brauche es Verhandlungen. Wenn sie ausblieben, komme es schließlich zur militärischen Niederlage einer Seite – „mit weitreichenden politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen für uns alle, die indirekt an diesem Krieg beteiligt sind“, also auch für Europa und die USA.

Der Militär-Experte Kujat zeigte auf: Es gibt drei Wege, einen militärischen Sieg zu erringen.

Die Ukraine, glaubt Kujat, wolle mit ihrer Offensive in Russland vor allem eine eigene militärische Niederlage abwenden, indem sie dadurch Einfluss auf die Stimmung der russischen Bevölkerung nehme.

Das hängt zunächst von der Frage ab, was man als Sieg in einem Krieg bezeichnet. Laut Kujat geht es darum, politische Ziele zu erreichen, wegen derer man den Krieg führt. Konkret glaubt der Luftwaffen-General, dass keine Seite ihre Ziele wirklich erreichen und damit den Krieg gewinnen könne. Denn:

Der pensionierte Nato-General rät dringend ab von der Lieferung weitreichender westlicher Waffen an die Ukraine und einer Freigabe für den Einsatz gegen militärische Stellungen im russischen Kernland. Er sagte: „Wenn jetzt weitreichende Waffen geliefert werden, dann werden die Möglichkeiten der Ukraine, solche Ziele anzugreifen, die für Russland eine existenzielle Bedeutung haben, steigen – und damit auch das Risiko, dass dieser Krieg ausgeweitet wird. Deshalb kann man nur warnen davor.“

Ukrainische Angriffe auf Militär-Infrastruktur im russischen Kernland stellten ein „enormes Risiko“ dar, da das angegriffene russische Frühwarnsystem Teil des „nuklear-strategischen Gleichgewichts der beiden nuklearen Supermächte“ Russland und USA sei, sagte Kujat der NOZ. Der Westen müsse aufpassen, nicht andauernd „neue rote Linien“ zu überschreiten und schließlich an einen „Point of no Return“ zu kommen.

Die Ziele der westlichen Sanktionen seien allesamt nicht erreicht worden, beobachtet Kujat. Der Krieg sei, anders als erhofft, nicht zum Erliegen gekommen – im Gegenteil, er sei „sogar eskaliert“. Während die russische Wirtschaft „enorm“ wachse, litten die Volkswirtschaften Europas, insbesondere Deutschlands.

Kujat meint: Ja. Jedenfalls wies er im Expertentalk auf „dramatische Fehlentscheidungen des Westens“ hin. So habe der Westen in den Monaten vor dem russischen Überfall nicht intensiv genug mit Russland verhandelt. Eine Initiative Moskaus im Dezember 2021 etwa habe man nicht beachtet, kritisiert Kujat.

Kujat erinnerte an die Istanbuler Verhandlungen über eine diplomatische Beendigung des Krieges im Frühjahr 2022 – also wenige Wochen nach dem Einmarsch der Russen in die Ukraine. Für den deutschen General ist der aktuelle chinesische Vorstoß, an diese Verhandlungen von April 2022 anzuknüpfen, der richtige Weg. Das würde bedeuten, seither erhobene Forderungen von Moskau und Kiew einstweilen beiseite zu schieben, um überhaupt wieder Gespräche aufnehmen zu können. Dazu habe sich auch Putin jüngst nochmal bereiterklärt.

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