Osnabrück Im TV-Duell setzt Kamala Harris Wirkungstreffer – doch Trump ist längst nicht angezählt
Das erste und vielleicht einzige TV-Duell zwischen Kamala Harris und Donald Trump vor einem Millionenpublikum war der bisherige Höhepunkt im Wahlkampf. Wer wo punkten konnte, wie es jetzt weitergeht – eine Analyse
„Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“ – dieser Satz hat es zu Weltruhm gebracht. Der Boxer Muhammad Ali beschrieb damit seinen leichtfüßigen und eleganten Kampfstil, bevor er seine Gegner auf die Bretter schickte.
Zum rhetorischen Knockout ist es beim TV-Duell zwischen der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris und ihrem Kontrahenten, dem Republikaner Donald Trump zwar nicht gekommen. Doch der Versuch von Harris, den Gegner eher smart, aber mit unnachgiebiger Härte zu stellen, darf als geglückt gelten. Mehrfach warf sie ihm mit ungläubigem Lächeln und hochgezogenen Augenbrauen „die alte Leier“ vor. Und genau die spielte Trump.
Er habe die stärkste Wirtschaft geschaffen, die Corona-Pandemie phänomenal gemeistert und hunderte Milliarden Dollar aus China eingetrieben. Harris als „unfähige und marxistische Präsidentin“ hingegen werde das Land ins Elend führen, die USA zu einem gescheiterten Staat machen. Weltweit gehe die Kriminalität zurück, weil alle Staaten ihre Kriminellen in die USA schickten, und die Demokraten täten nichts dagegen. Einwanderer äßen die Hunde ihrer US-amerikanischen Nachbarn. Und mit ihm als Präsidenten hätte es den Angriff Russlands auf die Ukraine nie gegeben. So ging es immer wieder – Trumps „alte Leier“ eben.
Man erlebe heute Abend, warum namhafte Republikaner die demokratische Kampagne unterstützten, kommentierte die amtierende Vizepräsidentin die Schmähungen und teils abstrusen Behauptungen Trumps.
Die 59-Jährige hat unter Beweis gestellt, dass sie einen politischen Berserker und notorischen Lügner wie Trump zu nehmen weiß. Harris erwies sich als gut beraten und gut vorbereitet. Die Strategie, ihren Gegner bei seinem Ego zu packen, ist wiederholt aufgegangen – im Verlauf des Duells wurde Trump sichtlich wütender.
Für den amtierenden US-Präsidenten Joe Biden wurde das direkte Duell mit Donald Trump vor knapp zwei Monaten zum Desaster. Nur deshalb konnte sich nun Kamala Harris als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten mit Trump messen. Ihr souveräner Auftritt vor Millionenpublikum ist aber nicht mehr als eine bestandene Prüfung in der Etappe.
So mancher mag sich gewünscht haben, der 78-jährige Trump möge neben Harris ganz schön alt aussehen. Den Gefallen tat das enfant terrible der US-Politik seinen Gegnern nicht. Er war so wütend wie angriffslustig. Ihn abzuschreiben, wäre viel zu früh – genauso, wie es verfrüht wäre, Harris als Siegerin im engen Kopf-an-Kopf-Rennen um die Präsidentschaft auszurufen.
Die Demokratin kann nach der direkten Konfrontation mit Trump aber weiter vom Einzug ins Weiße Haus träumen. Gemäßigte Wechselwähler in den umkämpften Swing States dürften nach dem TV-Duell wissen, wo sie bei der Wahl am 5. November ihr Kreuz machen sollten.