Gastbeitrag von Karsten Krogmann Liebe Deutsche Bahn, wir müssen erneut reden
Journalist Karsten Krogmann fährt viel mit der Deutschen Bahn. Die ist nun erneut Thema in seinem Gastbeitrag.
Liebe Bahn,
ich bin’s wieder. Ihr wisst schon, wir hatten neulich schon mal Kontakt.
Ich wollte euch nur schnell mitteilen, dass ich euch durchschaut habe. Ihr fandet meinen Post doof und habt euch gesagt: Ha, da kann ja jeder kommen und bei LinkedIn rummeckern! Wir sitzen am längeren Hebel, der wird sich wundern! zur Person Karsten Krogmann, aufgewachsen in Barßel (Kreis Cloppenburg), war bis 2020 Chefreporter der „Nordwest-Zeitung“ und schrieb für Zeitungen wie „Die Zeit“ oder „Welt am Sonntag“. Für seine Reportagen wurde er unter anderem mit dem Nannen-Preis und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Heute leitet er das Team Medien & Recherche des WEISSEN RINGS, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer mit Sitz in Mainz. Krogmann, 55 Jahre alt, lebt mit seiner Familie in Oldenburg.
Und ich gebe zu, ich habe einen Fehler gemacht: Ich habe für meinen nächsten Fahrten über eure Bahn-App Sitzplätze reserviert. So wusstet ihr immer, welchen Zug ich nehmen wollte. Ihr seid gut, das muss ich zugeben.
Gestern hattet ihr mich fast so weit: Ich wollte aufgeben. Meinen Pendel-Job kündigen. Meine BahnCard 100 irgendwo aufs Gleis legen und von einem verspäteten ICE mit geschlossenem Bordbistro und gesperrtem WC überfahren lassen. Dem ADAC beitreten. Viereinhalb Stunden Verspätung von Oldenburg nach Dresden, zwei ausgefallene Züge, stundenlanges Warten auf DB-Lounge-freien Provinzbahnhöfen bei 35 Grad, daneben das volle Durchsagenprogramm mit Signalweichenstreckentutunsleidstörungen, das war hart.
In Kredit auf meine voraussichtliche 10-Euro-Standardentschädigung habe ich dann aber in Resilienz investiert. Und mir abends in Dresden einen doppelten Bourbon an der Hotelbar spendiert. Ja, gesund ist so was nicht, aber ich wurde wieder zuversichtlich. Im Sonnenschein und voller Milde im Herzen ging ich heute Morgen zum Bahnhof Dresden-Neustadt.
Darauf ward ihr nicht vorbereitet. Nur ein Zugausfall! Winzige technische Störungen! Eine einzelne defekte Tür! Sogar das WLAN funktionierte! Am Ende werden es alberne 142 Minuten Verspätungen sein, das bringt allenfalls Bahnanfänger aus der Fassung. (Na gut, noch bin ich nicht in Oldenburg. Aber ich werde diesen Brief erst posten, wenn ich zu Hause bin. Ich bin ja Bahnfortgeschrittener.)
Und dann kam auch noch euer Zugchef, ein eiserner Gutelaunemann. Er begrüßte uns mit: „Wir haben Hannover mit einer Verspätung von 22 Minuten verlassen. Grund dafür waren diverse Signalstörungen. Wir möchten Sie bitten, diesen bedauerlichen Einzelfall zu entschuldigen.“ Ihr könnt euch vorstellen, das gab vielleicht ein Hallo im Zug!
Ich habe die Anekdote gleich in unseren Bahn-Chat geschrieben. Ach so, das wisst ihr ja noch gar nicht: Mein Team Medien & Recherche beim WEISSEN RING pflegt in unserem Teammessenger seit zwei Jahren einen eigenen Kanal zum Thema Bahn, er trägt den schönen Titel „Verkehrt!“. Meine Kollegin Nina hat den Chat am 1. September 2022 eingerichtet und mit den Worten eröffnet: „Wir brauchen ja dringend einen Kanal für Zugausfälle, Verspätungen und Ärgernisse aller Art unterwegs.“ Auch da war ein großes Hallo.
Heute, zwei Jahre später, gibt es 1661 Nachrichten in „Verkehrt!“. Ich habe nachgezählt, ich hatte ja Zeit.
Liebe Bahn, wir sind noch nicht fertig miteinander.