Lingen  Wie Annemarie Vehmeyer in Lingen einen eigenen Chor gründete

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 07.09.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Annemarie Vehmeyer und Sebastian bei der Chor-Probe. Die beiden sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Probe Foto: Marie Busse
Annemarie Vehmeyer und Sebastian bei der Chor-Probe. Die beiden sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Probe Foto: Marie Busse
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Annemarie Vehmeyer lebt für die Musik – besonders für den Chorgesang. Nach Jahrzehnten in verschiedenen Chören gründete sie in Lingen ihren eigenen Chor, die Ems-Vocals. Trotz pandemiebedingter Rückschläge haben die Sänger ihre Liebe zur Musik bewahrt.

Klavier, Notenständer, Blockflöte, Gitarre und Akkordeon – wer sich in Annemarie Vehmeyers Wohnzimmer umschaut, sieht sofort, wofür das Herz der 59-Jährigen schlägt. „Die Musik begleitet mich seit meiner Kindheit. Bei uns wurde immer gesungen, sogar beim Abwaschen”, sagt die Emsländerin. 

Während Akkordeon und Blockflöte sorgfältig in der Ecke verstaut sind, steht der Notenständer mitten im Wohnzimmer der Emsländerin. Hier übt sie regelmäßig für den Chor. „Bei den Instrumenten fehlte mir der Ehrgeiz zum Üben, beim Singen bin ich immer dran geblieben.”

Wenn Vehmeyer im Stehen probt, hört sie ihre Sopran-Stimme über die Kopfhörer, schaut auf die Noten auf dem Ständer und singt mit. Etwas perfektionistisch sei sie bei der Probe zuhause, sagt sie und lacht. Manchmal höre sie die zu übenden Lieder im Auto auf dem Weg zur Arbeit. „Aber ich muss wirklich bei der Sache sein, das kann ich zuhause am besten”, sagt sie. 

Allein singen, das war nie Vehmeyers Ding. In ihrer Jugend sang sie in ihrer Heimatstadt Haselünne und nach Umzügen auch in Chören in Meppen und Braunschweig. Als sie für zwei Jahre in Singapur lebte, begleitete sie das Singen in die Megacity. In zwei Chören hat sie dort gesungen, Bilder davon hat Wehmeyer sorgsam aufbewahrt. „Der Chor ist ein Türöffner und war für mich immer eine Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen”, sagt Vehmeyer. Mehr als fünf Jahrzehnte Chorleben füllen mittlerweile einige Ordner. 

Kein Wunder also, dass Vehmeyer nach ihrer Rückkehr aus Singapur ins emsländische Lingen wieder im Chor singen wollte – aber nicht in jedem: „Für mich ist es wichtig, dass der Chor auswendig singt”, sagt sie. Auch bei der Musikauswahl hat sie genaue Vorstellungen. Weltliche Lieder, die mehrstimmig gesungen werden können. „Blackbird oder Sittin´on the Dock oft the Bay gehören aktuell zu meinen Lieblingsliedern.”

Weil das in Lingen kein Chor anbot oder kein Platz frei war, gründete Vehmeyer kurzerhand selbst einen – die Ems-Vocals – mit Sebastian Wehr als Chorleiter. Die erste Probe fand noch im Wohnzimmer statt. An Interesse mangelte es nicht: Schon bei der ersten Probe waren 16 Leute dabei.

Dass die Ems-Vocals sofort einen Chorleiter fanden, ist ein Glücksfall. Vor allem auf dem Land gibt es einen eklatanten Mangel. Einige Laien-Chöre zahlen daher Profis, die die Proben und Konzerte übernehmen. 

Es hätte also eigentlich richtig losgehen können: Im Februar 2020 gaben die Ems-Vocals ihr erstes Konzert vor Familie und Freunden. Dorch die Corona-Pandemie setzt dem neuen Chor wenige Wochen später ein Ende. „Singen in Gemeinschaft war kurzzeitig das gefährlichste Hobby der Welt”, sagt Vehmeyer. Sie habe es mit Singen mit Abstand versucht – allerdings erfolglos. „Zum Chor gehört einfach die Gemeinschaft und eine gewisse Nähe”, sagt sie. 

Auch nach dem Ende der Pandemie sind die Auswirkungen spürbar. Bundesweit haben Chöre etwa zehn Prozent der Mitglieder verloren. Auch die Ems-Vocals haben Sänger verloren. Inzwischen sind allerdings auch neue Mitglieder dabei. 

Und nach vier Jahren ist der Chor eine eingeschworene Gemeinschaft. Bei der Probe an einem Mittwochabend wird zwischen den Liedern gequatscht. Als beim Lied „Time after Time” der Bass den Rhythmus verliert und Chorleiter Wehr das Lied mit den Worten „Ihr singt nicht die Melodie” abbricht, lacht der ganze Raum.

Die Probe beginnt nochmal von vorn. Während sich die Sänger konzentrieren, ist Vehmeyer noch mit der Teilnehmerliste beschäftigt. Ihr ist es wichtig, einen Überblick über die Probenpräsenz zu haben. „Nur so können wir besser werden”, sagt sie und muss über sich selbst lachen. Denn eigentlich hat sie sich vorgenommen, weniger perfektionistisch zu sein. „Manchmal schweife ich in den Proben ab und denke über neue Ideen für den Chor nach”, sagt sie. 

Häufig gelingt es ihr aber auch, den Kopf freizubekommen. „Dann gehe ich nach der Probe richtig beseelt nach Hause”, sagt sie und erzählt von ihrem schönsten Chormoment: Vehmeyer wartete mit einem Chor auf einen Bus und jemand summte „Java Hive”. Das Summen wurde immer lauter, bis der gesamte Chor schließlich lautstark sang – mitten in einer fremden Stadt an der Straße. 

„Dafür braucht man keine Instrumente, sowas kann nur ein Chor schaffen”, sagt Vehmeyer. Sie freue sich auf den nächsten Chormoment dieser Art, sagt sie.

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