Hamburg  Metalldetektoren an Schulen? Das sagt Lehrerpräsident zu wachsender Gewalt

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 05.09.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
An deutschen Schulen ist es zu einem dramatischen Anstieg bei Gewaltdelikten gekommen. Foto: dpa/ Oliver Berg
An deutschen Schulen ist es zu einem dramatischen Anstieg bei Gewaltdelikten gekommen. Foto: dpa/ Oliver Berg
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Laut Polizeistatistiken kommt es an Schulen in Deutschland immer häufiger zu Gewaltvorfällen. Wie Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, die Zahlen einordnet, welche Schüler für Probleme sorgen und was dagegen hilft, sagt er im Interview.

Bundesweit ist die Zahl der Gewalttaten an Schulen deutlich gestiegen. Das geht aus den Kriminalstatistiken der Polizei hervor, die unsere Redaktion ausgewertet hat. Auch Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, ist alarmiert, setzt aber auch auf Präventionsmaßnahmen außerhalb der Schule.

Frage: Herr Düll, laut den Polizeilichen Kriminalstatistiken ist die Gewalt an Schulen in ganz Deutschland gestiegen. Ist Schule kein sicherer Ort mehr?

Antwort: Doch, Schule ist weiterhin ein sicherer Ort. Aber natürlich haben wir mittlerweile eine ganz andere Wahrnehmung der Situation und schauen uns bewusster an, was dort passiert.

Frage: Bereiten Ihnen die Zahlen Sorgen?

Antwort: Ich bin davon überzeugt, dass Schulleitungen, die zuvor „minderschwere“ Fälle über Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen wie deutliche Ansprache, Ausschluss vom Unterricht, Versetzung in die Parallelklasse abgehandelt haben, mittlerweile früher und gezielter die Polizei einschalten. Und das ist ein Grund für die gestiegenen Zahlen. Aber auch der Umstand, dass Mitschüler Gewaltvorfälle melden.

Frage: Schüler tragen Messer bei sich, wenn sie in die Schule gehen. Was läuft da schief?

Antwort: Eine große Gefahr sehe ich in der Verherrlichung von Gewalt in den Sozialen Netzwerken. Junge Leute nehmen sich ein Beispiel an Vorfällen, die dort als cool dargestellt werden. So kommt es zu Nachahmereffekten. Was ich aber betonen möchte: Nicht jeder, der ein Messer bei sich trägt, plant auch, es einzusetzen. Dennoch ist es so, dass viele Schulen beim Thema Gewaltprävention aus strukturellen Gründen schnell überfordert sind, denn dafür wird ein ganzes Team benötigt. 

Frage: Was brauchen Schulen ganz konkret?

Antwort: Wir brauchen an Schulen eine Person, die für die Sicherheit zuständig ist. Und damit meine ich nicht den klassischen Sicherheitsbeauftragten, der zweimal im Jahr einen Probefeueralarm organisiert. Sicherheit ist ein großes Feld, darunter fallen Gewaltprävention und Anti-Aggressionsschulungen, aber auch Verkehrssicherheit, Brandschutz und Krisenintervention. Darüber hinaus benötigen wir jemanden für die pädagogische Koordination an der Schule. Wir müssen an Schulen Strukturen schaffen, die gewährleisten, dass Personen bestimmte Aufgaben wahrnehmen können und das auch standardisieren. Umgesetzt werden kann das aber nur, wenn die verantwortlichen Lehrkräfte weniger Unterrichtsstunden leisten müssen. Es sollte sich um sogenannte Beförderungsstellen handeln, denn so schafft man Karrieremöglichkeiten und steigert auch noch die Attraktivität des Berufs.

Frage: Es gibt Schulen, an denen nach gewalttätigen Übergriffen ein Sicherheitsdienst eingesetzt wird. Kann das zu einer entspannteren Situation führen?

Antwort: Wir haben in Deutschland eine sehr offene Schulkultur, die vor allem auf Eigenverantwortung setzt. Dieser freiheitliche Ansatz zeichnet unser ganzes Bildungswesen aus. Natürlich wollen wir an unseren Schulen kein Sicherheitspersonal und keinen Stacheldraht drumherum. Aber dass mancherorts zur Beruhigung der Lage Security-Personal eingesetzt wird, ist verständlich. Das ist aber keine flächendeckende Maßnahme, die notwendig ist. Wir haben über 40.000 Schulen in Deutschland und es wäre völlig unverhältnismäßig, vorsorglich Metalldetektoren einzuführen und Menschen abzustellen, die Taschen kontrollieren. Wir sind keine Strafjustizzentren.

Frage: Laut Statistik nimmt auch die Gewalt gegen Lehrkräfte zu. In Sachsen gibt es einen Selbstverteidigungskurs für Pädagogen. Was halten Sie davon?

Antwort: Selbstverteidigungskurse für Schüler und Lehrer sind gut, stärken Selbstbewusstsein und Selbstwahrnehmung und tun dem inneren Wohlbefinden aller Menschen gut. Zudem dienen Selbstverteidigungskurse dazu, Grenzen kennenzulernen und zu wissen, wie weit man gehen darf

Frage: Gibt es Ihrer Meinung nach Schulformen, in denen es häufiger zu Gewalt kommt?

Antwort: Man denkt da schnell an die Hauptschulen und dort gibt es auch eine gewisse Häufung, allerdings nicht unbedingt an der Hauptschule auf dem Land. Auch an Gymnasien fährt die Polizei wegen strafrechtlicher Vorkommnisse, einschließlich Gewalttaten, vor. Und an Schulen, in deren Einzugsgebiet sogenannte Clans leben, gibt es beispielsweise mehr Vorfälle. Was ich damit meine: Man muss sich ansehen, wie die Sozialstruktur und soziale Kontrolle außerhalb der Schule ist. Wie kümmern sich Familien um die Kinder, was haben sie ihren Kindern beigebracht, wie man Frustration erträgt und Konflikte löst? Wir haben Kinder, die sprachlich nicht in der Lage sind, einem Konflikt erfolgreich zu begegnen, auch bei manchen, die Deutsch als Muttersprache haben. Natürlich bringt hier auch Migration Herausforderungen mit sich. Trifft Zuwanderung auf überforderte Strukturen, kann das zur Folge haben, die Gewaltbereitschaft mancher junger Menschen nicht zu erkennen.

Frage: Was muss passieren, um Gewalt an Schulen einzudämmen?

Antwort: Neben dem, was Schule leisten kann in der Prävention und Intervention sowie der grundsätzlichen Förderung eines offenen, respektvollen Schulklimas, brauchen wir das Ehrenamt und gute Vereinsstrukturen. Was Fußball- oder Leichtathletikvereine, kirchliche Jugendgruppen, Umweltgruppen oder zum Beispiel serbische Volkstanzgruppen leisten, ist irre. Aber Eltern müssen ihre Kinder auch motivieren, dorthin zu gehen. Dass aufgrund fehlender finanzieller Mittel immer mehr Sport- und Schwimmhallen geschlossen werden müssen, verschlechtert die soziale Einbindung junger Menschen. Zudem brauchen wir mehr Streetworker und öffentliche Begegnungsplätze wie Bolz- und Streetballplätze oder Jugendzentren für jene, die keine Vereinsbindung haben. Miteinander muss gelernt werden – formell und informell. Schule ist da nur ein Player im großen Ganzen unserer Gesellschaft.

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