Menschenleben gerettet Emder stoppte den Zug-Mörder von Brokstedt
Im Januar 2023 wurden im Zug von Kiel nach Hamburg zwei Menschen erstochen. Ein Emder stoppte den Täter und rettete das Leben eines 21-Jährigen. Eineinhalb Jahre später spricht er erstmals darüber.
Emden/Brokstedt - Am 25. Januar 2023 erlangte der 2000-Seelen-Ort Brokstedt traurige Berühmtheit. Im Regionalzug R 70 von Kiel nach Hamburg erstach Ibrahim A. kurz vor der Einfahrt in den Brokstedter Bahnhof die 17-jährige Ann-Marie und ihren 19-jährigen Freund Danny. Vier weitere Menschen wurden schwer verletzt. Und hätte nicht ein Fahrgast mit Koffer und Laptoptasche immer wieder den Täter attackiert und ihn schließlich überwältigt, wäre die Opferzahl wohl noch höher gewesen. Der heimliche Held von Brokstedt war ein Ostfriese. Heino Wilken stoppte die Wahnsinnstat und riskierte dabei sein eigenes Leben.
Als alle wegrannten, trat der Emder die Flucht nach vorne an. „Ich wollte nur den Jungen retten, auf den der Täter einstach.“ Mit Junge meint der Familienvater einen 21-jährigen Heranwachsenden. Wilken gelang es tatsächlich, den Blutrausch des 34-Jährigen zu beenden.
Emder schildert Drama erstmals öffentlich
Eineinhalb Jahre lang wollte der sportliche 62-Jährige über seine Erlebnisse nicht öffentlich sprechen. Nach der Verurteilung des staatenlosen Palästinensers im Mai zu lebenslanger Haft und der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld ist er bereit, die Tragödie von Brokstedt aus seiner Sicht zu schildern. „Ich selber bin beruhigt, dass der Täter sehr lange in Haft sein wird. Sonst hätte ich schon ein bisschen mulmiges Gefühl.“
Heino Wilken hat auch 19 Monate später die Geschehnisse exakt vor Augen. Der Altherrenfußballer von Amisia Wolthusen, der beim Sanitärgroßhändler SHK Detering seit rund 40 Jahren im Einkauf tätig ist, befand sich damals auf der Rücktour von einer zweitägigen Geschäftsreise nach Kiel.
Ibrahim A. war in Kiel einen Zug eher losgefahren, musste diesen aber in Neumünster verlassen, weil er ohne Fahrschein erwischt wurde. Er stieg dort um 14.45 Uhr einfach in den nächsten Zug wieder ein, in dem auch der Ostfriese saß.
Die nur sieben Minuten von Neumünster bis Brokstedt wurden zu einem nicht enden wollenden Horror, der die Nation bewegte und später ein drittes Todesopfer forderte. Eine der Schwerverletzten beging vier Monate später Suizid - wegen anhaltender Schmerzen und weil sie von der Tat entstellt gewesen sein soll.
Ein Mädchen (17) und ihr Freund (19) starben
Der Täter war in Neumünster nicht in den Waggon des Emders eingestiegen. Er soll aber sogleich auffällig gewesen sein und merkwürdige Dehnübungen gemacht haben. Plötzlich zückte Ibrahim A. ein Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge und stach wahllos auf Fahrgäste ein - zumeist ins Gesicht und in den Hals. Ann-Marie (17) tötete er mit 26 Stichen, den zu Hilfe eilenden Freund Danny (19) mit einem Stich ins Herz. In jenem Waggon wurden drei weitere Reisende schwer verletzt.
Von all dem bekam der Ostfriese nichts mit. Er bemerkte erstmals Unruhe, als er kurz vor Brokstedt aus der Toilette kam. „Da hat mich eine Horde Jugendlicher fast umgerannt. Es fiel das Wort ,Polizei‘. Ich dachte, die wären schwarzgefahren.“ In Wirklichkeit waren die Jugendlichen vor dem Täter geflüchtet.
Im Doppeldecker-Regionalzug ging der Ostfriese die Treppe hoch zu seinem Platz, als der Zug den Bahnhof von Brokstedt erreichte. Plötzlich schauten alle entsetzt aus dem Fenster. Auch Wilken entdeckte auf dem Bahnsteig eine blutüberströmte Frau. „Es fiel das Wort ,Messerstecher‘. Da herrschte auch bei mir Hochspannung.“
Erstmals fiel Heino Wilken nun ein 21-Jähriger auf, der ihm schräg gegenüber saß. Der junge Mann mit Strickmütze ging die Treppe hinunter, verließ kurz den Zug und reichte der blutüberströmten Frau eine Packung Taschentücher. „Es gibt doch noch nette Leute, dachte ich in dem Moment.“
Wilken rettete 21-Jährigem das Leben
Der 21-Jährige kehrte zurück zu seinem Platz und ging dann erneut die Treppe hinab. „Plötzlich fing er laut an zu schreien. Ich habe hinuntergeschaut und sah, wie der Täter ihm zweimal mit dem Messer tief in Hals und Rücken stach“, schildert Heino Wilken die dramatischsten Momente seines Lebens. Er schnappte sich blitzschnell seinen Hartschalenkoffer und eilte die Treppe hinab.
Ibrahim A. stand laut Wilken mit dem Rücken zu einem Bediensteten-Abteil. Das Opfer, das offenbar zunächst heftigen Widerstand geleistet hatte, befand sich nicht mehr auf Augenhöhe, sondern zusammengesackt irgendwo auf Kniehöhe des Palästinensers. „Ich habe dem Täter den Koffer mit Wucht ins Gesicht geworfen.“ Ibrahim A. zeigte keine Wirkung. „Er guckte mich gar nicht an, sondern war auf den Jungen fixiert und stach weiter.“
Bei Heino Wilken hatten Angstgedanken keine Chance. „Der Kerl wollte den Jungen umbringen. Alles war voller Blut. Es sah aus wie auf dem Schlachthof.“ Der damals 60-Jährige schnappte sich erneut den Koffer. Diesmal warf er nicht, sondern stieß ihn dem 34-Jährigen ins Gesicht. „Da wurde er schon etwas langsamer in seinen Bewegungen.“
Blutverschmierter Koffer rutschte aus der Hand
Dem Emder entglitt aber der blutverschmierte Koffer, der nun direkt neben Ibrahim A. lag. „Da wollte ich nicht hin.“ Wilken rannte die Treppe hoch, um Unterstützung zu holen. „Aber kein Mensch war mehr im Waggon. Mist, wo bist du da reingeraten, habe ich gedacht.“ Zweifel an der eigenen Courage kamen nur kurz auf. „Du kannst den Jungen nicht hängen lassen, der sticht ihn ab“, schildert Wilken seine Gedankengänge.
Also schnappte er sich seine Aktentasche. Darin war neben einem Laptop ein dicker Ordner und eine Wasserflasche. Der Emder bearbeitete Ibrahim A. damit wieder und immer wieder. „Der Typ blieb stehen wie ein Boxer, aber er wurde immer langsamer und ließ irgendwann das Messer fallen. Erst da hat er mich mal angeschaut und gegrinst.“ Der Ostfriese hatte nun die Oberhand, öffnete per Knopfdruck die Zugtür und schrie den wankenden Täter so lange und laut an, bis dieser den Zug verließ, auf den Bahnsteig torkelte und in die Knie sank. Sicherheitskräfte nahmen ihn fest. Der Horror von Brokstedt war zu Ende.
Emder musste beim Prozess aussagen
Zum Glück ging er im Kopf von Heino Wilken nicht weiter. Nach Gesprächen mit der Kripo vor Ort, rief er zu Hause an und teilte seine Verzögerung mit. Dass er beim Geschehen mittendrin gewesen war, erzählte er nicht - das machte er erst am späten Abend, als er nach einer Odyssee in Emden angekommen war. Am nächsten Morgen ging er wieder zur Arbeit - als wäre nichts geschehen.
Auf Anraten der Familie vereinbarte er später einen Termin mit einer Psychologin. „Ich hätte es aber nicht unbedingt gebraucht.“ Interessant fand er das Gespräch allemal, denn nun weiß der Sportler, warum er den Angriffsmodus wählte und nicht den Rückzug. „Bei Menschen gibt es nur fight oder flight in solch lebensbedrohlichen Situationen - also Kampf oder Flucht. Die meisten treten die Flucht an. Das kann man in dem Moment nicht beeinflussen.“
Heute ist Wilken froh, dass er einem jungen Mann das Leben gerettet hat. Der 21-Jährige stand so unter Schock, dass er die Hilfe nicht einmal bemerkt hatte und später im Glauben war, den Täter selber überwältigt zu haben.
Der Emder war als Zeuge im Prozess geladen. Für Heino Wilken ist das Geschehen nun ausreichend aufgearbeitet und längst wieder der Alltag eingekehrt. Ihm ist nur zu wünschen, dass er nie wieder solch ein Drama erleben muss. „Vermutlich würde ich aber wieder so handeln wie in Brokstedt.“