Osnabrück  „Ossis“ sind selten Chefs – warum das nicht nur für die Wirtschaft ein Problem ist

Hannah Petersohn
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Von Hannah Petersohn
| 29.08.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ostdeutsche sind in Spitzenpositionen selten – Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck eher eine Ausnahme. Foto: IMAGO / Political-Moments
Ostdeutsche sind in Spitzenpositionen selten – Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck eher eine Ausnahme. Foto: IMAGO / Political-Moments
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Merkel und Gauck zum Trotz: Ostdeutsche besetzen äußerst selten Spitzenpositionen. Der Forscher Lars Vogel erklärt, warum Wirtschaftseliten überwiegend westdeutsch bleiben und welche fatalen Auswirkungen das hat.

Angela Merkel und Joachim Gauck, Sandra Hüller und die Kaulitz-Brüder, Kai Pflaume und Neo Rauch, Toni Kroos und Henry Maske: Allesamt Ostdeutsche mit deutschlandweitem Renommee. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen aus Ostdeutschland in Wirtschaft und Gesellschaft immer noch unterrepräsentiert sind, wie der „Elitenmonitor“ gezeigt hat. Über die Folgen des Ungleichgewichts und ob es eine Ost-Quote braucht, erklärt Elitenforscher Lars Vogel von der Uni Leipzig.

Frage: Herr Vogel, warum sind Ostdeutsche in den Eliten immer noch unterrepräsentiert? Wollen sie einfach nicht?

Antwort: Das kann man so nicht sagen. Es gibt nicht den einen Grund, sondern viele. Bei Befragungen ist der Anteil, der sich vorstellen kann, in Führungspositionen zu gehen, tatsächlich geringer ausgeprägt. Das mag aber daran liegen, dass Ostdeutsche wissen, dass sie kaum Chancen haben. Motivation ergibt sich auch aus dem Gefühl, eine Chance zu haben.

Frage: Welche Rolle spielt die Erfahrung in der DDR bei dem Thema?

Antwort: Im Osten war die Skepsis gegenüber Eliten, also Führungspersonen, ausgeprägter. Eine solche Position wollte man eigentlich gar nicht erreichen. Damit wollte man nichts zu tun haben. Das Narrativ lautete: Die bringen keine Leistungen, sie sind kein Vorbild. Außerdem stellen wir bei Ostdeutschen auch ein größeres Sicherheitsbedürfnis fest. Viele wählen lieber eine verlässliche, vorhersehbare Laufbahn. Führungspositionen erfordern eine hohe Risikobereitschaft.

Frage: Wie viele Ostdeutsche besetzen Führungspositionen?

Antwort: Man muss die Zahlen ins Verhältnis setzen zum Bevölkerungsanteil: den schätzen wir in Ostdeutschland auf ungefähr 19 Prozent. In den Eliten waren im Jahr 2022 aber nur im Durchschnitt 12,3 Prozent Ostdeutsche. Und es wird noch dramatischer, wenn man sich die einzelnen Bereiche anschaut.

Frage: Aber in der Politik gibt es doch viele Ostdeutsche?

Antwort: Ja, da sind es immerhin 20 Prozent. Das liegt aber daran, dass alle dazu gezählt werden, also auch die Politiker auf Landesebene. In den meisten anderen Sektoren ist der Anteil Ostdeutscher im niedrigen einstelligen Bereich, übrigens auch, wenn man sich den Anteil der Politiker auf der Bundesebene anschaut. Im Militär gibt es auf den obersten Ebenen gar keine Ostdeutschen.

Frage: Wie sieht es in der Wirtschaft aus?

Antwort: Da sind es 4,5 Prozent Ostdeutsche, die in Führungspositionen sind. Das aber auch nur, weil wir auch die Interessenvertretungen, also beispielsweise Arbeitgeberverbände, hinzuzählen. In der öffentlichen Verwaltung sieht es etwas besser aus, da sind es 14 Prozent.

Frage: Das Problem ist mittlerweile bekannt. Vor ein paar Jahren hat noch niemand darüber geredet.

Antwort: Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund und der heißt: AfD. Die Menschen suchen nach einer Erklärung dafür, dass die Distanz der Ostdeutschen zur Politik so ausgeprägt und die Zustimmung zur AfD so groß ist. Eine Erklärung ist die fehlende Repräsentanz Ostdeutscher in den Eliten. Sie fühlen sich wie Menschen zweiter Klasse.

Frage: Aber nicht jeder AfD-Wähler ist doch davon betroffen und abgehängt?

Antwort: Man muss nicht einmal persönlich betroffen sein. Es reicht schon, sich mit der unterrepräsentierten Gruppe zu identifizieren. Das ist ein bekanntes Phänomen, das es auch in anderen Bereichen gibt.

Frage: Woran liegt es noch, dass Ostdeutsche einen sicheren Job bevorzugen, statt den riskanten Chefposten?

Antwort: An den Erfahrungen des Systembruchs. Nach der Wende war die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland erst einmal sehr hoch. Und man darf auch nicht den Eliten-Transfer 1990 vergessen. Alle Führungspositionen wurden mit Westdeutschen besetzt. Auch in den nachgeordneten Führungsebenen. Und dieses Personal wird jetzt weiter nach oben befördert.

Frage: Also waren Ostdeutsche nach der Wende noch weniger repräsentiert als heute?

Antwort: Ja, man brauchte das Kapital aus dem Westen und damit kamen eben auch die Chefs. Die Schieflage hat sich seitdem aber kaum abgebaut. Einmal etablierte Ungleichheiten erhalten sich.

Frage: Warum ist das so?

Antwort: Menschen rekrutieren meist ihnen ähnliche Menschen, weil sie sie besser einschätzen können. Das ist keine Diskriminierung, sondern eine Bevorzugung ähnlicher Personen. Karrierewege, Netzwerke und Qualifikationen gleichen sich immer mehr an, je weiter man nach oben kommt. Und dort kommt es auf ganz feine Unterschiede an: Wenn eine Person eine ähnliche Vita und Herkunft hat, wird eher sie eingestellt. Insbesondere bei diesem letzten Karriereschritt ganz nach oben besteht diese Barriere.

Frage: Warum hat die Herkunft so einen großen Einfluss?

Antwort: Die regionale Nähe spielt eine Rolle, weil das den Anschein erweckt, die Person besser zu kennen und zu verstehen. Auch das gibt Sicherheit und vermittelt den Eindruck von Berechenbarkeit. Die meisten Eliten haben studiert. Das ist bei jungen Ostdeutschen seltener der Fall und die Abschlüsse der älteren Generationen wurden oft nicht anerkannt nach der Wende. Die Nähe zu den Wirtschaftseliten ist in Westdeutschland stärker ausgeprägt, weil dort eher Geld da war für ein Auslandssemester oder eine renommierte Uni. Für Westdeutsche ist es verständlicher, wenn jemand in Heidelberg studiert hat als in Wladiwostok oder Bulgarien.

Frage: Zumal es in den ostdeutschen Bundesländern so viele Konzernzentralen auch gar nicht gibt?

Antwort: Das kommt hinzu, die meisten großen Unternehmen sitzen in Westdeutschland und haben lediglich Standorte in Ostdeutschland. Aber nach wie vor entscheidet die Hauskarriere darüber, ob man ganz noch oben kommt. Weil die Zentralen eher im Westen ansässig sind, sind es meistens Westdeutsche, die Chefs werden.

Frage: Warum gehen Ostdeutsche dann nicht nach Westdeutschland?

Antwort: Das machen sie schon, aber kommen dann trotzdem nicht in die oberste Riege. In den kleinen und mittleren Unternehmen haben sie immerhin mehr Chancen, als in den großen Unternehmen. Und die wenigen, die es schaffen, verschweigen ihre Herkunft.

Frage: Welche Folgen hat das für die Wirtschaft?

Antwort: Das ist schwer zu sagen. Eigentlich sind für Unternehmen ja Mitarbeiter von Vorteil, die schon Transformationserfahrungen gemacht haben. Die zwei Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme kennen. Diese Vielfalt kann bereichern und kreative Lösungen für komplexe Probleme bringen. Zudem bringen Ostdeutsche häufig viel technisch-naturwissenschaftliches Wissen mit. Wenn die ostdeutsche Perspektive in der Wirtschaft fehlt, wird das auch ein Problem für die Wirtschaft selbst.

Frage: Weil damit eine Zielgruppe ignoriert wird, mit der sich auch Geld verdienen lassen würde. Was macht das alles mit West- und Ostdeutschen?

Antwort: Die homogene Sichtweise verstärkt die fehlende Präsenz der Ostdeutschen, die Minderheit wird weiter marginalisiert. Und die baut dann wiederum eine größere Distanz zur Demokratie auf und betont gleichzeitig ihre ostdeutsche Identität wieder stärker. Westdeutsche wiederum unterschätzen dieses Problem, auch, weil es sie nicht betrifft. Beides wird zur Gefahr für die Demokratie.

Frage: Was müsste passieren, damit sich das ändert?

Antwort: Das Wichtigste ist weiterhin die Sensibilisierung für das Thema. Insbesondere bei Personen, die Entscheidungspositionen innehaben. Denn das Problem erledigt sich eben nicht von selbst, wie man lange gedacht hat, auch nicht durch einen Generationswechsel. Wer jetzt in Rente geht, der wird von ähnlichen Personen nachbesetzt. Ostdeutsche wiederum müssen auch sensibilisiert werden dafür, dass ein Studium für Top-Positionen erforderlich ist, dass eine gute Hochschule wichtig ist. Wir brauchen Mentoren- und Förderprogramme. Das gilt im übrigen genauso für Frauen und Migranten. Ihr Anteil in Führungspositionen ist auch geringer.

Frage: Es wurde viel über eine Frauen-Quote gesprochen. Braucht es vielleicht eine Ost-Quote?

Antwort: Die Quote ist absolut umstritten. Solange die Gefahr von einer Stigmatisierung besteht, ist es vielleicht nicht das wirkungsvollste Instrument. Sie ist ein hartes Instrument, weil man damit eingreift in das Selbstverständnis der meritokratischen Leistungsgesellschaft, der zufolge die gesellschaftliche Position von der persönlichen Leistung abhängen sollte. Auch die rechtliche Definition darüber, wer Ostdeutscher ist, gestaltet sich schwierig, insbesondere bei der jüngeren Generation. Wichtig ist aber, dass man sie nicht von vornherein ausschließt, sondern darüber diskutiert, weil das wieder für das Thema sensibilisiert und Aufmerksamkeit erzeugt.

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