Frankfurt Nach Rüffel für seinen Torwart: Zornigers Rückzieher schadet dem Leistungssport
Alexander Zorniger, Trainer des Zweitligisten Spvg. Greuther Fürth, löste mit seiner scharfen Kritik an seinem eigenen Torwart nach dem 1:1 gegen den SC Paderborn ein riesiges Medienecho aus - und entschuldigte sich daraufhin öffentlich. Sein Rückzieher ist nicht sinnvoll, findet unser Kolumnist Udo Muras.
Dass es sich diese Saison lohnt, samstags den Fernseher schon früher anzumachen um vor der Bundesliga auch noch was von der 2. Liga mitzubekommen, das hat sich schon bestätigt. Volle Stadien, tolle Klubs – und neuerdings ungefilterte Interviews. Der Fürther Trainer Alexander Zorniger hat seinem Namen mal wieder alle Ehre gemacht und seinen Gefühlen Auslauf gegeben.
Er sei „geladen wie selten“, ließ er die Sky-Zuschauer wissen – und zwar wegen seines 21-jährigen Torwarts Noah Noll, den bis Samstag niemand kannte und jetzt alle Fußballwelt. Noll hat nämlich die „Kleeblätter“ um den Sieg und damit die Tabellenführung gebracht, als er im Heimspiel gegen Paderborn beim Stand von 1:0 einen Gegenspieler anschoss, der den Ball dankend aufnahm und ins Tor setzte.
Konzentrationsfehler dieser Art waren dem „jungen Spritzer“ (Zorniger) schon öfter unterlaufen und es habe nicht an dringlichen Ermahnungen gefehlt. Nun handelte der Trainer nach der Maxime „Wer nicht hören will, muss sich wenigstens schlecht fühlen“ und deutete für den Wiederholungsfall einen Bankplatz an. Dabei brachte er Nolls Berater ins Spiel, dem er dann gern erklären würde, warum der Schützling nicht spiele.
Da hatte sich was aufgestaut bei Alexander dem Zornigen, der schon vor einem Jahrzehnt als Trainer des VfB Stuttgart für einen etwas anderen Umgangston stand. So wollte er „gern jeden erschlagen“, der Joshua Kimmich nach Leipzig hatten ziehen lassen. Da fühlte sich ein gewisser Fredi Bobic angesprochen und konterte: „Erst denken, dann reden!“ Das war 2015, der Angriff wurde abgewehrt, der Pulverrauch verzog sich und gut war’s.
Heute haben wir 2024 und halten nix mehr aus. Während Noll sich bisher nicht äußerte und sein Berater Gerhard Poschner aus der Warte des Ex-Profis, der noch mit einem Motzki wie Matthias Sammer zusammengespielt hat, souverän antwortete, die Kritik sei ja berechtigt und sein Schützling „kein Weichei“ und könne damit umgehen, empörte sich „das Netz“. Das ehrlichste Fußballinterview des Jahres regte Bayern Münchens zweiten oder dritten Torhüter Sven Ulreich auf, er fand es schlicht „unfassbar“. Mehr fand sich im Netz zwar nicht, jedenfalls bezogen sich alle Berichte nur auf Ulreichs Social-Media-Post.
Aber es reichte um den starken Trainer zu Kreuze kriechen zu lassen. Er entschuldigte sich bei Noll, dann bei der ganzen Mannschaft und schließlich per Videoclip beim Rest der gewiss verstörten Welt. Die Emotionen seien mit ihm durchgegangen. Ja, Gott sei Dank! Und was soll der Blödsinn jetzt? Fußball ist kein Halma und nicht ausschließlich für Klosterschüler konzipiert worden. Es ist kein einziges justiziables Wort gefallen, es gab nur einen fachlich berechtigten Anschiss, über den jeder Rekrut in der Grundausbildung lachen würde.
Darf das in unserer Zeit nicht mehr sein? Bei Hertha BSC hat der Trainer Bernd Stange über Mario Basler mal gesagt, der sei „bis zum Hals Weltklasse, der Rest Kreisklasse“ und sich dafür nie entschuldigt. Basler wurde danach Meister, Pokalsieger, Nationalspieler. Max Merkel hat vor bald 60 Jahren, als man ausländische Fachkräfte noch nicht händeringend brauchte, seinen jugoslawischen Stürmer Zvezdan Cebinac einen „Eselstreiber“ und „Schaschlikbrater“ geziehen. Was fraglos zu weit ging, aber folgenlos blieb – außer dass sie gemeinsam Meister wurden. Das ging alles so durch in dieser Zeit.
Heute würde man Tschik Cajkovski wahrscheinlich sogar verklagen für seine berühmte Titulierung von „kleines dickes Müller“ für unseren Bomber der Nation. In einer Gesellschaft, in der es in der Schule keine Kopfnoten, im Jugendfußball keinen Abstieg mehr und bei den Bundesjugendspielen keine Siegerurkunden mehr gibt, mag vieles gedeihen – Leistung nicht. Wer einen Fehler macht und nicht spürt, dass es einer war, wird weitere machen. In Fürth haben alle Fehler gemacht: der Torwart, sein Trainer und der Verein.