Osnabrück  Wo die Zeit keine Rolle spielt: Was bedeutet eigentlich das Wort Saumsal?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 13.09.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
So ein Pech: Eine junge Frau hat die Abfahrt einer U-Bahn versäumt. Foto: imago / Steinach
So ein Pech: Eine junge Frau hat die Abfahrt einer U-Bahn versäumt. Foto: imago / Steinach
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Was bedeutet eigentlich das Wort „Saumsal“? Im neuen Duden kommt es nicht mehr. Letzte Gelegenheit für eine Hommage auf ein Wort, das uns gerade verlässt.

Hier sei keinesfalls gesäumt, sondern die neue Folge des „Wortklaubers“ pünktlich abgeliefert. Denn es ist höchste Zeit, nein, eigentlich sogar schon zu spät: Denn das Wort Saumsal hat es nicht mehr geschafft in den neuen Duden. 2020, vor vier Jahren, war das Wort noch verzeichnet. Damals galt es schon als veraltet, war damit gezeichnet. Jetzt ist seine Karriere beendet. Der neue Duden nennt es nicht mehr.

Dabei klingt das Wort so schön nach dem, was es bezeichnet – nach Langsamkeit und Träumerei, nach der Bereitschaft, den Tag verstreichen und den lieben Gott, wie es hieß, einen guten Mann sein zu lassen. Wer säumig ist, schuldet nicht nur jemand anderem etwas, sondern vor allem der penibel gemessenen Zeit. Saumsal, das ist ein Zustand, der den Kalender nicht kennt.

Entschuldigt sich noch jemand für sein säumen? Diese Formel gehörte einst zu Geschäftsbriefen ebenso wie die Mahnung eines säumigen Zahlers. Für den gab es den Säumniszuschlag. Gebräuchlicher war und ist womöglich das Versäumnis.

Wie es sich für ein Wort der Langsamkeit gehört, reicht seine Geschichte weit zurück. Sprachforscher senken ihre Sonde dafür tief durch die Jahrhunderte hinab in das Althochdeutsche. Dort findet sich das „firsumen“, aus dem sich im Lauf der Zeiten das moderne „versäumen“ gebildet hat. Die guten Dinge der Sprachentwicklung haben allemal Weile, erst recht bei diesem Wort.

Rund um das jetzt aus dem Duden gestrichene Wort „Saumsal“ gruppieren sich andere Wörter wie „säumig“ oder auch „saumselig“. Wer so ist, nämlich saumselig, der verhält sich langsam und träge, lässt die Zeit verstreichen. Nichts muss schnell gehen, alles hat noch ein wenig Zeit

Ist es ein Wunder, das gerade ein Wort wie Saumsal nicht mehr Schritt halten kann und aus dem Wortschatz des Duden heraus und in das passive Vokabular des Deutschen hinein- und hinabsinkt? Die Saumsal steht nicht nur der präzisen Zeitmessung des Industriezeitalters entgegen. Es sperrt sich erst recht dem Schnelltakt der Bits und Bytes. Die digitale Welt duldet keine Säumigkeit.

Liegt darin aber nicht auch gerade eine Qualität? In der Langsamkeit, einem anderen Verhältnis zur Zeit? Der Saumsal wird es gleichgültig sein. Sie hält es bestens aus – dort, wo die Zeit sich ins Unendliche dehnen darf.  

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