Osnabrück  „Gutmensch“ oder „Nazi“? Warum die Wahl der Worte so politisch ist

Louisa Riepe
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Von Louisa Riepe
| 25.08.2024 10:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die AfD wird oft als Nazi-Partei bezeichnet. So rechtsextremistisch sie auch sein mag, ist die „Nazi-Wortwahl“ hilfreich für einen konstruktiven Diskurs? Foto: IMAGO/Karina Hessland
Die AfD wird oft als Nazi-Partei bezeichnet. So rechtsextremistisch sie auch sein mag, ist die „Nazi-Wortwahl“ hilfreich für einen konstruktiven Diskurs? Foto: IMAGO/Karina Hessland
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„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Klar, vieles darf man sagen, aber dann muss man eben auch mit Widerspruch rechnen. Unsere Chefredakteurin Louisa Riepe findet deshalb: Die viel gescholtene „Political Correctness“ unterwandert die Meinungsfreiheit nicht – sie stärkt sie.

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern“, heißt es in Artikel 5 unseres Grundgesetzes. Dieses Recht ist es, das öffentliche Sympathiebekundungen für die Einrichtung eines Kalifats in Deutschland genauso toleriert wie die Theorie, es habe überhaupt keine Corona-Pandemie gegeben. Es erlaubt übrigens auch einer Claudia Pechstein zu behaupten, alle Kinder würden sich eine „traditionelle Familie“ mit „Mama und Papa“ wünschen.

Einige unserer Leser waren mit ihrer Kolumne aus der letzten Woche sehr unzufrieden. Einer kommentierte gar dem Wortsinn nach, der halte die Äußerungen von Frau Pechstein zwar fast durchgehend für schwachsinnig – um dann festzustellen, dass in einer Demokratie auch Schwachsinn geäußert werden dürfe.

Dieser Ansicht kann man sein. Nicht vergessen darf dabei allerdings zweierlei: Erstens kennt die Meinungsfreiheit in Deutschland sehr wohl Grenzen. Im Grundgesetz selbst ist formuliert: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Das Bundesverfassungsgericht hat diese Grenzen zuletzt in seinem Beschluss zum Fall von Renate Künast sehr deutlich gemacht. Die Grünen-Politikerin hatte von Meta, dem Mutterkonzern von Facebook, die Herausgabe von Nutzerdaten verlangt, nachdem sie auf der Internetplattform verunglimpft worden war. Das oberste deutsche Gericht gab ihr Recht: Das „Persönlichkeitsrecht der Beschwerdeführerin“ überwiege „das Recht der Verfasser der Posts auf Äußerung ihrer Meinungen“.

Zweitens bedeutet Meinungsfreiheit nicht, dass es keinen Widerspruch geben darf. Wer das Wort „Schokokuss“ heute noch immer nicht über die Lippen bringt und sich an „Puszta-Sauce“ auf dem Schnitzel stört, der darf sich nicht beschweren, auf den Rassismus in seinen Worten hingewiesen zu werden. Wer anzweifelt, dass auch zwei Männer ein gutes Elternpaar sein können, dem darf Homophobie unterstellt werden. Schließlich belegen zahlreiche Studien, dass sich Kinder unabhängig von der sexuellen Orientierung ihrer Eltern entwickeln. Wer jemand anderem vorwirft, ein „Nazi“ oder ein „Gutmensch“ zu sein, dem sollte bewusst sein (oder gemacht werden), dass er sich damit in eine Reihe mit anderen Menschen stellt, die diese Begriffe benutzen.

Diese viel gescholtene „Political Correctness“ unterwandert nicht die Meinungsfreiheit. Sie ist eine wichtige Voraussetzung dafür. Denn sie steckt den Rahmen ab für den politischen Diskurs, in dem zum Glück nicht alles erlaubt oder erwünscht ist. Aus meiner Sicht sollte sich jeder mündige Bürger fragen: Welche Wirkung hat das, was ich sage, schreibe oder veröffentliche, auf andere Menschen? Sind meine Äußerungen beispielsweise geeignet, zu verletzen? Stigmatisieren sie, wiegeln sie auf oder gehören sie dem Sprachgebrauch bestimmter politischer Gruppen an?

Neulich berichtete mir jemand, er wolle künftig in Abgrenzung zu Hafer- und Sojamilch nicht mehr von „normaler“, sondern von Kuhmilch sprechen. Denn was sei schon „normal“? Schrecklich „woke“, schimpfen jetzt sicher einige von Ihnen. Andere werden fragen: Haben wir nicht wichtigere Probleme? Warum sich so viele Gedanken um die Wahl der Worte machen?

Ich bin der Meinung: Die Wahl der Worte ist hochpolitisch. Denn mit jedem Satz, den wir sprechen – und auch jedem, den wir nicht aussprechen – sagen wir etwas darüber aus, wer wir sind und wie wir die Welt sehen. Und wer auf die Meinungsfreiheit pocht, nach dem Motto „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, dem entgegne ich: Wer seinen Kopf aus dem Fenster hält, der muss sich nicht wundern, wenn es zieht.

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