Osnabrück Adele und Caspar David Friedrich: Warum sie 2024 die Deutschen faszinieren
Adele und Caspar David Friedrich, Popsong und Gemälde – passt das zusammen? In Deutschland ja. Denn beide Künstler haben 2024 die Deutschen begeistert. Darin steckt eine Botschaft, die Mut macht.
Nein, ein Partylöwe war er nicht. Und wenn er seine Kunst ausübte, gab es kein Publikum. Trotzdem rockt er in diesem Jahr ein paar hunderttausend Menschen, wenn man das einmal so hemdsärmelig sagen darf. Caspar David Friedrich ist ein Star unserer Zeit. 2024 zieht er so viele Fans an wie zuletzt Adele bei ihren Konzerten in München. Die Popsängerin und der Maler der Romantik, sie sind die Topseller dieses Kulturjahres.
Ein kurioses Gespann, allerdings nur auf den ersten Blick. Denn beide berühren Menschen heute tief in ihren Sehnsüchten, in ihrem Wunsch, gerade in einer Zeit so vieler Verwerfungen einen Moment des Friedens zu finden und zu tieferer Einsicht über das eigene Leben vorzudringen. Kunst macht das Leben schön, weil es das Leben verwandelt, es für Momente durchsichtig macht wie einen Kristall.
Mir kommt es so vor, als hätten Adele mit ihren Songs und Caspar David Friedrich mit seinen Bildern in dieser Hinsicht eine ganz ähnliche Wirkung. Geht es nicht darum, dass Menschen zu sich selbst kommen, eine Mitte finden wollen?
Ich fand es eindrucksvoll zu sehen, wie die Fans aus vielen Ländern nach München gepilgert sind, um Adele zu hören. Und wie auf der anderen Seite die Ausstellungen von Caspar David Friedrich ein unglaublich großes Publikum angezogen haben. Wer die Zahlen nebeneinander hält, sieht schnell, dass der Publikumszuspruch sich bei diesen beiden Kulturformaten die Waage hält. Wer hätte das gedacht.
Ein anderer Aspekt: Mit seinen drei Stationen in Hamburg, Berlin und Dresden bildet das Caspar David Friedrich zum 250. Geburtstag gewidmete Projekt eine Brücke, die Ost und West vereint. Vorbei die Kontroversen um Bürger angeblich erster und zweiter Klasse, vergessen das Gerangel um das richtige Bild von der DDR oder die Frage, ob die Wiedervereinigung ein Erfolg war. Wo es um die Kunst geht, sind die Menschen in Deutschland vereint – oder waren es immer.
Ich finde diese beiden großen Publikumsformate der Kultur im Deutschland des Jahres 2024 auch deshalb so wichtig, weil die Künste mit ihnen wieder ihre integrierende Kraft zeigen dürfen. Zuletzt war die Kultur zerrissen. Vielleicht ist sie es sogar noch. Die Diskussionen um Antisemitismus und den Krieg in Gaza haben Vertrauen zermürbt, das Gespräch sogar abreißen lassen.
Dabei denke ich, dass sich Position und Funktion der Künste in der Gesellschaft verschieben. Es geht nicht mehr um Schock und Provokation, sondern um Konsens und Integration. Die Kunst bildet ohnehin keinen Sonderbereich außerhalb der Gesellschaft, sie bringt neue Formen der Kooperation hervor. Das ist ihre Mission im 21. Jahrhundert.
Hören Sie gern die Songs von Adele, versenken Sie sich in die Gemälde Caspar David Friedrichs. Beides wird Ihr Leben reicher machen. Das Leben ist schön, mit der Kunst. Aber das wissen Sie sicher längst schon.