Berlin  Tim Raue, dürfte die AfD bei Ihnen den Saal reservieren?

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 23.08.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Tim Raue ist mit der AfD-Politik nicht einverstanden - er hält aber auch nichts von Verboten. Foto: picture alliance/dpa
Tim Raue ist mit der AfD-Politik nicht einverstanden - er hält aber auch nichts von Verboten. Foto: picture alliance/dpa
Artikel teilen:

Tim Raue nimmt im Interview kein Blatt vor den Mund. Wie sieht er den Erfolg der AfD? Wie steht er zur Ernährungspolitik der Grünen? Und was macht er mit Gästen, die zu viel trinken?

In seinem Restaurant serviert Tim Raue eine mit zwei Sternen prämierte Küche. Aus dem Fernsehen kennt das Publikum ihn als hemdsärmeligen Anpacker. Gleich zwei neue Formate bedienen in diesem Sommer beide Facetten: In „Tim Raue isst“ (Magenta TV) besucht er die besten Köche aus Burgerbuden und kleinen Fischrestaurants. Und in „Star Kitchen“ begleitet er die Elite von morgen auf dem Weg zum ersten Stern. Im Interview nimmt Tim Raue uns mit auf seinen eigenen Weg: von den Straßenkämpfen seiner Kreuzberger Gang-Jugend bis an den Herd der Spitzengastronomie.

Frage: Herr Raue, wenn man Sie mal als Gastgeber in Ihrem Restaurant erlebt, staunt man, wie schnodderig Sie die feinsten Speisen anmoderieren. Wollten Sie so eine Art Schimanski der Küche sein: der erste Spitzenkoch, der öffentlich „Scheiße“ sagt?

Antwort: Meine Sprache kommt daher, wo ich selbst herkomme – aus Kreuzberg, von der Straße. Anfangs habe ich aber noch anders gesprochen. Ich wollte den gesellschaftlichen Aufstieg und habe eine Rolle gespielt, auf dem Teller genauso wie im Umgang. Ich habe Gerichte mit dem einzigen Ziel gekocht, den Applaus der Gäste zu bekommen. Was dabei herauskam, war Wischiwaschi, ohne Liebe und eigenen Ausdruck. Irgendwann habe ich entschieden, dass ich nicht in einen Anzug mit Krawatte passe. Und dass ich als ich selbst Erfolg haben kann. Wobei …

Frage: Wobei?

Antwort: So schnodderig, wie Sie sagen, finde ich mich nicht. Ich laber nicht rum. Ich bin direkt, nicht hintenrum und wirklich nie launisch. Damit fahre ich gut und die Menschen schätzen das.

Frage: Und auch das merkt man im Restaurant. Wo Sie herkommen, das ist nicht nur Kreuzberg, sondern auch eine Jugendgang: die 36 Boys. Wie kommt man aus dieser Welt in die der Haute Cuisine?

Antwort: Meine Ausbildung habe ich Anfang der 90er gemacht, in einer Zeit, in der es in der Küche noch richtig ruppig war. Da hat die Straße mir geholfen. Ich war gewöhnt, mich nicht rumschubsen zu lassen. Ich konnte mich gerademachen, wenn es einen Konflikt gibt. Ich hatte auch noch semiprofessionell Fußball gespielt, in der Jugendmannschaft von Blau-Weiß 90 Berlin, damals war das ein Bundesligist. Ich war fit, ich war präsent und austrainiert, ich hatte Aggressionen und war nicht einzuschüchtern. Und deshalb bin ich, auch ohne Talent zum Kochen, unfassbar schnell in der Hierarchie aufgestiegen.

„Tim Raue isst“: Hier sehen Sie den Trailer zum neuen Format:

Frage: Ohne Talent zum Kochen?

Antwort: Das Kochen war meine größte Hürde. Bis heute bin ich kein Blitzmerker. Ich hatte zum Beispiel extreme Probleme, perfekt zu schneiden. Meine Mitauszubildenden konnten sofort Rautengemüse schneiden oder Brunoise, also feine Gemüsewürfelchen, und Julienne – die feinen Streifen. Ich dagegen saß nach einem 14-Stunden-Tag mit dem Schneidebrett vor dem Fernseher und habe weiter geschnitten, bis ich es blind konnte.

Frage: Wie fanden es die Gang-Kollegen, dass Sie nur noch zartes Gemüse geschnitten haben?

Antwort: Die waren weit weg. Wenn du aus Verhältnissen rauskommen willst, brauchst du räumlichen Abstand. Die Ausbildung war in Dahlem, eine knappe U-Bahn-Stunde von Kreuzberg entfernt. Im ersten Lehrjahr habe ich meine Lebensgefährtin kennengelernt, die dann auch meine erste Frau wurde und heute noch meine Geschäftspartnerin ist. Ihre Eltern hielten nichts von mir. Ich hatte ja nicht mal Abitur. Marie und ich sind dann schnell zusammengezogen und sie hat dann ihr Abi gemacht. Zwei Jahre lang hatte ich einfach keine Zeit mehr, nach Kreuzberg zu kommen. Ich war raus. Als ich die Jungs später wiedergesehen habe, hatte keiner mehr Zeit, darüber nachzudenken, ob andere Gangs dein Revier verletzen.

Frage: Ich lese, dass die 36 Boys sich auch Revierkämpfe mit Neonazis geliefert hat. Waren Sie bei sowas dabei?

Antwort: Du bist jeden Tag dabei. Eine Gang ist kein temporäres Vergnügen. Das Politische war für uns ziemlich sekundär. Primär ging es ums Revier. Es gab die Giants am Ku’damm, die Black Panther im Wedding, die Reuters in Neukölln und in Kreuzberg eben uns. Donnerstags, freitags und samstags sind wir uns in Hip-Hop-Discos und bei Spray- und Tanz-Battles über den Weg gelaufen – und haben das alte Aktion-Reaktion-Spiel gespielt.

Frage: Was für Leute waren Ihre Freunde denn?

Antwort: Bis auf mich hatten alle einen Migrationshintergrund. Und Deutschland hat all diese jungen Menschen unglaublich schlecht integriert. Das Land hat es verpasst, ihnen mitzugeben, wie großartig Demokratie ist und welche Möglichkeiten man hat. Gucken Sie, wie das in den USA läuft: Da wird bei jedem Sportevent mit Hand auf dem Herz die Hymne gesungen. Man ist stolz, Teil von etwas zu sein. Das kriegen wir in Deutschland nicht hin. Damals fühlten wir uns nicht wahrgenommen und wollten uns unseren Platz erkämpfen.

Frage: Und die Neonazis?

Antwort: Nach dem Mauerfall, als wir so 15 oder 16 waren, sind wir wirklich mit solchen Jungs aus dem Osten aneinandergeraten. Die sind uns aber in erster Linie nicht deshalb aufgefallen, weil sie „Ausländer raus“ gerufen haben – sondern einfach, weil sie wie wir als dominante Gruppe aufgetreten sind. Und dann haben wir ihnen sehr schnell gezeigt, wo sie mit der U-Bahn wieder nach Hause fahren.

Frage: Hätten Sie damals gedacht, dass der Rechtsextremismus 30 Jahre später wiederkommt, nicht mit Glatze und Springerstiefeln, sondern auf Sylt, auf Potsdamer Remigrationstreffen und unter dem Beifall von Menschen, die all das für wählbar halten?

Antwort: Wenn man sich mit Geschichte und Politik beschäftigt – was ich mache, seit ich mit zwölf den „Stern“, den „Spiegel“ und die „FAZ“ lese –, dann weiß man, dass das immer da war. Früher gab es die AfD nicht. Dafür gab es in anderen Parteien einen rechtskonservativen Rand. Heute haben die Politiker nicht mehr im Blick, dass sie Volksvertreter sind. Als Angela Merkel 2015 die Grenzen aufgemacht hat, ist bei den Menschen Vertrauen zerbrochen. Auch bei denen mit Migrationshintergrund. Wenn ich mit meinen Leuten von früher spreche, ist deren erste Frage: Wen lässt Deutschland jetzt alles rein? Darüber müssen wir sprechen. Wer nicht nach den Regeln spielt, kann nicht bleiben. Und gleichzeitig müssen wir begreifen, dass Deutschland ohne Einwanderer nicht funktioniert. Darum geht es auch in meinem Format „Tim Raue isst“.

Frage: Dann erklären Sie mal, was eine Kochsendung zur Migrationsdebatte beiträgt.

Antwort: „Tim Raue isst“ zeigt, dass Deutschland nicht nur deutsch ist. Das Land ist divers. Und es isst auch sehr divers. Das übersehen die Leute, die gegen andere Kulturen hetzen – und gegen Menschen, die sich hervorragend integriert haben und die für dieses Land viel tun. Die Reihe stellt zum Beispiel ein chinesisches Einwandererpaar vor, das ein Musterbeispiel für das Arbeitsethos von Migranten ist.

Frage: Was ist das für ein Paar?

Antwort: Das sind Leute, die ein unscheinbares, unglaublich gutes Restaurant betreiben. In den ersten 20 Jahren, die sie in Berlin leben, hatten die beiden keinen einzigen Schließtag. Nicht einen. Die haben einfach immer gearbeitet, jeden Tag 14 bis 16 Stunden. Das machen sie, damit ihr Sohn auf eine Privatschule gehen kann und ein besseres Leben hat. Das finde ich unglaublich beeindruckend. Inzwischen gönnen sie sich immerhin einen freien Tag in der Woche. Besuchen Sie den Laden, wenn Sie in der Nähe sind: Es ist das Do De Li an der Charlottenburger Kantstraße. Die Auberginen sind ausgezeichnet. Und der Schweinebauch ist der beste diesseits von Hongkong.

Frage: Könnte die AfD Ihr Restaurant für eine Parteiveranstaltung buchen?

Antwort: Ich möchte der AfD keine Plattform geben. Aber ich finde es auch zweifelhaft, Verbote auszusprechen. Wir müssen uns mit allen Menschen auseinandersetzen – auch wenn sie die AfD wählen oder sogar dazugehören. Wählbar ist die AfD aber nicht. Da machen einfach zu viele Menschen mit, die nichts Gutes vorhaben und antidemokratisch sind. Das sage ich aber auch über extreme Linke. Ich bin durch und durch liberal, mit einem Hauch grünen Gewissens und einem roten Arbeiterherz. Wir sollten die Mitte stärken und die Ränder ausdünnen – indem man Menschen bloßstellt, die nur spalten. Was in Potsdam zur Remigration diskutiert wurde, finde ich unglaublich: Was für ein Idiot muss man sein, um Menschen rauszuekeln, die das Land aufbauen, die extrem fleißig sind und die das alles als stolze Migranten an ihre Kinder weitergeben?

Frage: Gehört zu Ihrem grünen Gewissen auch ein Bekenntnis zur Bio-Produktion?

Antwort: Bio kann ein bloßes Marketing-Siegel sein. Es kann aber auch gelebt werden. Grundsätzlich schmecken Lebensmittel immer besser, wenn sie natürlich entstehen und so wenig wie möglich industriell bearbeitet werden. Mein Kriterium ist die Qualität. Wenn eine Möhre in einem biologischen Umfeld wächst, hat sie ein viel besseres Aroma als eine Zuchthausmöhre, die nie die Sonne sah. Den Unterschied schmeckt man sofort. Dafür brauchen Sie kein Bio-Siegel und auch nicht die Grünen.

Noch ein neues Format mit Tim Raue: Hier sehen Sie den Trailer zu „Star Kitchen“:

Frage: Gut, machen wir einen Strich unter die Politik. Ich habe noch drei letzte Fragen. Nummer eins: Was machen Sie mit betrunkenen Gästen, die sich schlecht benehmen?

Antwort: In der Regel benimmt dein Publikum sich so, wie du dein Restaurant führst. Wenn du die Champagnerflasche mit einem Feuerwerk servierst, tanzen die Gäste natürlich auf dem Tisch. Aber unsere Gäste reservieren Wochen im Voraus. Die kommen zum Essen und nicht um ihr neues Auto oder ihre 40 Jahre jüngere Freundin auszuführen. Natürlich trinken Gäste manchmal zu viel. Der Service fängt das dann sehr charmant auf, indem er einfach mehr Wasser nachschenkt als Wein. Es ist viele Jahre her, dass ich einem Gast den Zutritt verweigert habe. Der hatte mir schon vorab öffentlich Dinge vorgeworfen, die indiskutabel waren. Jemanden live rausschmeißen mussten wir noch nie.

Frage: Keith Richards hat angeblich seine Finger versichert und Jennifer Lopez sogar ihren Hintern. Haben Sie als Spitzenkoch etwas Vergleichbares zu bieten?

Antwort: Ich kann delegieren und muss den Steinbutt nicht selbst filetieren. Das Wichtigste ist in meinem Fall nicht mehr das Kochen. Bei mir ist es die Zunge und die Nase. Geschmacks- und Geruchssinn sind für mich elementar. Und ja: Das habe ich beides versichert. Es bleibt allerdings ein unsicheres Feld. Wenn mir etwas zustoßen sollte, wird es schwer zu beweisen, dass der Versicherungsfall eintritt.

Frage: Allerletzte Frage: Wie kriege ich ein Kind, das nicht viel mehr essen möchte als Butter-Brioche mit Schokolade, an ein gesundes Mahl?

Antwort: Ich habe mal für meine acht Neffen und Nichten gekocht und mir wirklich Mühe gegeben – aber ich habe nicht einen der vielen Fehler vorhergesehen, die man da machen kann. Erstmal habe ich nämlich zu scharf gekocht. Dann habe ich den Frevel begangen, etwas Grünes auf etwas Orangenes zu legen: Koriander an Möhrchen. Ein Skandal. Dabei wäre Koriander allein schon eine Zumutung gewesen. Ein Geschmack, der neu war! Ich bin mit meinem Essen unfassbar an die Wand gefahren. Seitdem habe nie mehr versucht, irgendjemanden zum guten Essen zu erziehen. Für diese Frage bin ich der falsche Ratgeber.

Ähnliche Artikel