Osnabrück 100 Jahre „Häschenschule“: Der alberne Streit um den Kinderbuchklassiker
Wer erinnert sich noch an die „Häschenschule“? Der Kinderbuchklassiker ist eigentlich keiner mehr. Aber jetzt gibt es eine neue Version von Anke Engelke, über die erbittert gestritten wird.
Nein, Häschen mögen keine Schweineschnitzel, auch bei Anke Engelke nicht. Dafür knabbert der Fuchs Möhren. Ach, wie niedlich. So stellt sich die Komikerin jedenfalls die Tierwelt vor – in ihrer neuen Version des Kinderbuchklassikers „Häschenschule“. Das Buch mit den nostalgisch anmutenden Illustrationen und der hübsch gereimten Geschichte hatte man schon fast vergessen. Zum hundertsten Geburtstag ist es wieder da. Und wie.
Kinderbücher wirken heimelig, wie ein Versprechen auf eine Welt des Friedens. Aber das war einmal. Inzwischen ist dieses Genre der Literatur zu einem Schlachtfeld avanciert. Es geht um Leitbilder und Lebensformen, um Korrektheit und Krittelei. Die einen modeln die Welt zum veganen Ponyhof um, die anderen bestehen auf dem, was sie für normal halten – auch wenn es von vorgestern ist. In der Mitte: Das harmlose Kinderbuch, um dessen korrekten Wortlaut erbittert gestritten wird.
Kinderbücher sind natürlich niemals harmlos gewesen. In ihnen geht es immer um gesellschaftliche Leitbilder. Die „Häschenschule“: Das klingt niedlich, entpuppt sich aber auch als Welt reichlich stereotyper Rollenmuster, die in der vorgeblichen Idylle festgeschrieben werden. Zum Jubiläum des Buches reagiert der Verlag Thienemann mit dem inzwischen gewohnten Spagat: Es gibt Anke Engelkes umgemodelte Version und die klassische Fassung in der Jubiläumsedition. Alles klar soweit?
Nein, natürlich nicht. Denn die Fronten haben sich wie im Streit um Winnetou und Pippi Langstrumpf, um Jim Knopf und die kleine Hexe umgehend verhärtet. Aus den ideologischen Wagenburgen wird das Feuer munter eröffnet. Ich schaue auf dieses neuerliche Gefecht mit sehr scharfer Munition und wundere mich. Über Anke Engelkes verschwurbelte Vision der Freundschaft von Fuchs und Hase ebenso wie über Henryk M. Broders Untergangsvision eines Kinderbuchs als Umerziehungsinstrument.
Schön ist das Leben doch eigentlich, wenn man eine Wahl hat und frei entscheiden kann. Eltern können es und in diesem Fall aussuchen. Möchte ich die „Häschenschule“ von Anke Engelke neu erzählt bekommen oder den einhundert Jahre alten Text lesen? Die eine oder die andere Möglichkeit steht jedem frei. Man muss nicht vegan lesen, wenn man es partout nicht will. Oder sich mit dem Fuchs als Räuber beschäftigen, wenn einem das für Kinder zu grausam vorkommt.
Ich mache bei diesem Streit nicht mit, finde es auch unangebracht, wie Anke Engelke mit den Bauern als angeblichen Umweltsündern gleich eine ganze Berufsgruppe zu verunglimpfen. Ich frage mich, ob man die „Häschenschule“ überhaupt noch lesen muss. Am liebsten würde ich dieses Buch dem kulturellen Archiv überlassen. Kinder sind keine schutzlosen Häschen, sondern möglichst selbstbewusste Wesen, denen man nicht mit dem Fuchs drohen muss – oder dem bösen Wolf.