Osnabrück  Top-Karriere mit Berliner Dialekt: Was Managerin Stoytchkova für den Osten fordert

Simona Stoytchkova
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Von Simona Stoytchkova
| 16.08.2024 16:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Simon Stoytchkova hat es als Wendekind in den Vorstand internationaler Unternehmen geschafft. Doch eine Biografie wie ihre sei noch viel zu selten, findet sie – und erklärt, was sich ändern muss. Foto: Merlin Klinke
Simon Stoytchkova hat es als Wendekind in den Vorstand internationaler Unternehmen geschafft. Doch eine Biografie wie ihre sei noch viel zu selten, findet sie – und erklärt, was sich ändern muss. Foto: Merlin Klinke
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Simona Stoytchkova hat in ihrer Karriere bereits bei mehreren international tätigen Börsenunternehmen als Vorständinnen gearbeitet. Zurück in Deutschland wurde trotzdem aus „the german“ wieder „die aus dem Osten“. Das müsse sich ändern:

Ich wuchs im Plattenbau in Ostberlin auf – und bin eins von circa 2,5 Millionen sogenannten „Wendekindern“, die zu Wendezeiten zwischen 5 und 15 Jahre alt waren. Wir zählen zu den wenigen in Deutschland, die eine komplette Systemtransformation erlebt haben. Wir Wendekinder erlebten den Mauerfall und die Wiedervereinigung in einer der entschiedensten Phasen des Lebens: Der Jugend.

Und diese einzigartige Erfahrung prägte mich nachhaltig. In kürzester Zeit mussten wir alles, womit wir aufgewachsen sind, ablegen und uns in ein vollkommen neues gesellschaftliches System einfügen. Und viele von uns mussten sich nebenbei nicht nur um ihr Hormonchaos, sondern auch um ihre arbeitslos gewordenen Eltern kümmern – was etwa über 80 Prozent der Erwerbstätigen im Land betraf.

Wir mussten uns in einem völlig neuen Bildungs- und Wirtschaftssystem zurechtfinden. Viele Werte und Überzeugungen, die uns beigebracht wurden, verloren plötzlich an Bedeutung. Gleichzeitig eröffneten sich neue Möglichkeiten, die mit ebenso vielen Unsicherheiten verbunden waren. Mein Weg führte mich nach der Wende über einen Auslandsaufenthalt in den Vereinigten Staaten und ein Studium im Ausland in die Finanzwelt. Ich startete als Wirtschaftsprüferin in London und arbeitete mich bis in die Vorstandsetage eines weltweit größten Finanzunternehmens in Frankfurt vor. Damit bin ich in der Unternehmenswelt in Deutschland nach wie vor eine Ausnahme. 

Mit Stand Februar 2024 gibt es im Osten ein DAX-Unternehmen von insgesamt deutschlandweit 40, vier MDAX-Unternehmen von insgesamt deutschlandweit 50 und vier SDAX-Unternehmen von insgesamt deutschlandweit 70. Und passend hierzu wird in einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle die Schieflage bezogen auf Spitzenführungskräfte ostdeutscher Herkunft wie folgt begründet: „Woran es in den Neuen Ländern mangelt, sind große Unternehmen mit strategischen Unternehmensfunktionen.“

Im 30. Jubiläumsjahr des Mauerfalls, 2019, gab es genau vier DAX-Vorstände ostdeutscher Herkunft: drei Frauen und ein Mann. Selbst Amerikaner, Briten und andere Westeuropäer sitzen öfter im Vorstand von DAX-Unternehmen als Ostdeutsche. Aber woran liegt das? Und was können wir dagegen tun?

In erster Linie geht es sicherlich darum, Vorurteile abzubauen. Zu Beginn meiner Karriere habe ich diese Schieflage selbst kaum wahrgenommen. Nachdem ich aber ab der Jahrtausendwende für über 19 Jahre in London und Paris gelebt hatte und das Ost-West-Thema für mich persönlich längst keines mehr war, hatte ich auch nicht damit gerechnet, dass es nochmal zu einem relevanten Thema für mich wird. Aber es wurde erneut zu meinem Thema.

Ich zog aus Paris nach München – und war doch überrascht, nach über 30 Jahren deutscher Wiedervereinigung noch auf so viele Vorurteile zu treffen. Jetzt war ich nicht mehr wie in London „the German“ oder in Paris „l’Allemande“, sondern, wie gehabt, „die aus dem Osten“. Die sozial und kulturell entwertende Abgrenzung funktionierte immer noch bestens, und unverändert kursierten hartnäckige Missverständnisse über den Osten.

Und nicht nur in München, auch in anderen Finanz- und Industriemetropolen im Westen begegneten mir erstaunlich häufig Vorurteile sowie Litaneien von Vorwürfen und Kritik zu angeblich typisch ostdeutscher Mentalität wie ewiges Jammern, renitente Faulheit und rechtsextremistische Einstellungen. Und nicht zu vergessen die an Plumpheit nicht zu überbietenden Bananenwitze, die ich in London nie gehört hatte.

Es interessierte auch niemanden, dass ich aus Ostberlin stamme, das sich schon vor der Wende sehr unterschieden hatte beispielsweise von Sachsen – und zwar ebenso, wie im Westen zu Recht auf den kulturellen Unterschieden zwischen – zum Beispiel – Bayern und Nordrhein-Westfalen bestanden wird. Niemand würde auf die Idee kommen, etwas, das in Bayern stattfindet, als „westdeutsch“ zu verallgemeinern. Warum sollte man auch?

Selbst Lapidares wie die Mundart provoziert heute noch Ablehnung und abfällige Bemerkungen. Ich solle bitte aufhören zu berlinern, weil es „echt hässlich“ sei, bekam ich oft als Reaktion auf meine Wortbeiträge zu hören. Eine Headhunterin aus der Finanzbranche gab mir daher auch schon früh den Tipp, meiner Dialektfärbung möglichst gänzlich zu entsagen, weil sie sich im Hinblick auf meine Vorstandsambitionen, egal, ob in München oder in Frankfurt, als klarer Nachteil erweisen könnte. Und wie es sich mit bayrischem oder schwäbischem Dialekt verhalte, fragte ich sie daraufhin. Kein Problem, die seien beide durchaus positiv konnotiert, sogar wenn es um Vorstandsposten ginge, erklärte sie. Solche Vorurteile hätte ich am Stammtisch erwartet, nicht aber in den Führungsetagen der Wirtschaft. 

Zweitens war die Startvoraussetzung für Ostdeutsche in der Wirtschaft nach der Wende kaum vergleichbar mit denen für Westdeutsche. Das beginnt damit, dass in Ostdeutschland kaum große Unternehmen angesiedelt sind. Über 90 Prozent der 500 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands haben ihre Zentrale in Westdeutschland. Zwar sind die Ansiedlungen von Mikrochip-Herstellern und weitere Unternehmen von zukunftsfähigen Schlüsseltechnologien ein erster Schritt in die richtige Richtung – dieser kommt aber gut 30 Jahre zu spät.

Und klar ist: Wo keine Unternehmen ansässig sind, kann auch schwieriger Karriere gemacht werden. Natürlich sind auch viele Ostdeutsche in den Westen abgewandert. Sie waren aber nach der Wende dort mit dem Problem konfrontiert, dass sie gerade in Bezug auf ihr berufliches Netzwerk deutliche Nachteile hatten. Das fängt schon bei der Begabtenförderung an – die oft durch Stiftungen übernommen wird. Und hier spiegelt sich die Schieflage aus den Unternehmen: Von den circa 25.000 Stiftungen, die es 2021 in Deutschland gab, haben gut 92% ihren Sitz in Westdeutschland. Und auch an ostdeutschen Hochschulen gab es nach der Wende große Umwälzungen – so wurden neue Professuren nach der Wende häufig mit westdeutschen Professoren besetzt. Und die brachten wiederum ihre Doktoranden mit an die Universitäten im Osten. Echte Chancengleichheit sieht anders aus. 

Drittens – und das ist gleichzeitig mein wichtigster Punkt – haben wir uns zu lange mit einem defizitorientierten Blick aufgehalten. Bitte nicht falsch verstehen: Es geht mir nicht darum, die Verbrechen der DDR-Diktatur in irgendeiner Weise zu relativieren oder rechtsextreme Auswüchse kleinzureden oder zu rechtfertigen. Es ist aber auch so: Nach den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2024 höre ich immer wieder, dass der Osten ja „ohnehin verloren“ sei.

Und genau diese Haltung ist Teil des Problems – statt uns auf die Suche nach Ursachen zu machen und lösungsorientiert auf individuelle Potentiale zu schauen, sowie demographische und sozio-ökonomische Strukturen entgegenzuwirken, verlieren wir uns in Pauschalurteilen über ganze Landstriche. Das können wir uns nicht mehr leisten. 

Wir müssen wieder lernen, individuelle Stärken und Ressourcen in den Fokus zu nehmen. Wir müssen genau hinschauen: Welche Kompetenzen bringen die einzelnen Menschen mit? Was können wir aus Erfolgsgeschichten lernen? Und wie können wir andere dazu ermutigen, diese Geschichten nachzuahmen? 

Woran wir wirklich arbeiten sollten, ist, wegzukommen von diesen unzeitgemäßen Denk- und Verhaltensmustern, so vertraut sie auch sein mögen; längst verkrustete Konventionen abzulegen, um Raum für neue Perspektiven und neue Lösungswege zu schaffen. Was eben auch den selbstbewussteren Umgang mit ostdeutscher Herkunft und Transformationserfahrung einschließt, um so das ewige „Stigma“ endgültig zu beseitigen. Dafür braucht es Erfolgserzählungen, positive Narrative und Vorbilder.

Nur über diesen neuen, positiven Fokus schaffen wir es, so etwas wie eine gemeinsame Erzählung eines auch vereinten Deutschlands zu schreiben. Wir müssen den Dialog aufrechterhalten – und dabei endlich einen tieferen Austausch und den notwendigen Perspektivenwechsel erwirken. Um so im Austausch den Osten – und damit das ganze Land – gemeinsam zu gestalten, ihn zu einer prosperierenden Region werden zu lassen, die ein Leben im Miteinander für alle erlaubt, die dort sind und dort auch sein wollen. Dies ist ein unglaubliches Potenzial für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, dass es noch zu erschließen gilt.

Eine Region, die wirtschaftlich wächst – und mit ihr die Menschen, die in diesem Prozess neue und in die Zukunft weisende Perspektiven entwickeln können für ein Deutschland, in dem Zuschreibungen wie „Ost“ und „West“ auch in der Wirtschaft keine Rolle mehr spielen.

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