Gesundheit  Droht den Kinderkliniken in Ostfriesland das Aus?

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 16.08.2024 14:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
In der Kinderklinik ist eine lockere Atmosphäre wichtig – aber auch die Nähe zur Familie hilft den kleinen Patienten. Foto: IMAGO / Depositphotos
In der Kinderklinik ist eine lockere Atmosphäre wichtig – aber auch die Nähe zur Familie hilft den kleinen Patienten. Foto: IMAGO / Depositphotos
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Lauterbach setzt auf große Spezialkliniken. In Ostfriesland bleibt Eltern mit kranken Kindern am Wochenende oft nur der Gang in die Klinik, weil ambulante Versorgung fehlt. Wo sollen sie dann hin?

Berlin/Ostfriesland - Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) setzt in der Kindermedizin auf eine wachsende Zahl von großen und hoch spezialisierten Fachkliniken. „Wir haben mittlerweile für alles Spezialkliniken, aber in der Kinderheilkunde fehlt es noch an der Spezialisierung“, sagte Lauterbach bei einem Besuch des Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover.

„Die Richtung des Ministers Lauterbach steht – die Unikliniken reichen ihm zur Versorgung der Bevölkerung“, kritisiert der Geschäftsführer des Leeraner Klinikums, Holger Glienke. Auch für die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich-Emden-Norden steht fest: „Schließungen kleinerer Kinderkliniken sind in Anbetracht der Pläne des Bundesgesundheitsministers zu erwarten, insbesondere in Ballungsräumen.“

Dabei seien jetzt schon durch einen „sich zuspitzenden Fachkräftemangel in diesem Bereich entsprechende Schließungen längst im Gange, wie sich in der Vergangenheit zum Beispiel auch in Emden und Norden zeigte“, so die Trägergesellschaft.

Die von Lauterbach besuchte Klinik in Hannover will gemeinsam mit dem evangelischen Gesundheitskonzern Diakovere die größte Geburtsklinik in Norddeutschland eröffnen. Es sollen am Standort der Kinderklinik jährlich rund 4500 Geburten möglich sein. So viele Kinder würden „auf dem flachen Land kaum geboren“, kontert Glienke. Die Geburtsabteilung in Emden ist bereits seit 2021 geschlossen. 2023 wurden in Aurich 1283 Babys geboren und in Leer waren es insgesamt (Klinikum und Borromäus-Hospital) rund 2000 Kinder.

In Leer kooperieren auch beide Kliniken bei der Versorgung der Früh- und Neugeborenen ab der vollendeten 29. Schwangerschaftswoche (SSW). Auf der neonatologischen Intensivstation der Klinik für Kinder-und Jugendmedizin am Klinikum werden die Kleinen betreut. Insgesamt versorge die Kinderklinik mit ihren verschiedenen Ambulanzen rund 2000 stationäre Kinder pro Jahr, so Glienke. Damit habe man „eine gute Zwischengröße“, ist er überzeugt.

Zudem seien viele Eltern auf eine nahe medizinische Versorgung ihrer Kinder angewiesen – vor allem am Wochenende. „In unserem Einzugsgebiet gibt es keine spezielle ambulante Notfallversorgung für Kinder. Die besorgten Eltern kommen mit ihren Kindern in die Notaufnahme.“

In der Kinderklinik der Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich werden ambulant und stationär insgesamt über 7000 Patienten pro Jahr behandelt, teilt die Trägergesellschaft auf Nachfrage mit. „Als akute Erkrankungen werden am häufigsten virale und bakterielle Infektionskrankheiten versorgt, allen voran der Atemwege.“ Auch ein Perinatalzentrum habe man. Zudem gibt es unter anderem noch eine spezielle Kinderkardiologie.

„Die Kinderklinik der UEK gehört (...) eher nicht zu den von Herrn Lauterbachs Plänen betroffenen Kinderkliniken“, ist die Trägergesellschaft überzeugt. „Der Auftrag für die stationäre Versorgung von kranken Kindern im Raum Ostfriesland wurde vom Land Niedersachsen mit der Bewilligung einer gut ausgebauten Kinderklinik im Neubau in Uthwerdum erst kürzlich bestätigt“, heißt es weiter. Doch die Zentralklinik soll erst im Jahr 2029 eröffnen – wenn alles nach Plan läuft.

In Deutschland seien aber, laut Lauterbach, noch viel mehr Kinderkliniken in der Größenordnung der künftigen Hannoveraner Klinik nötig. „Das ist eine Zukunftsinvestition. Die Kinder, wenn sie genesen, werden ein Leben lang davon profitieren“, ist der Gesundheitsminister überzeugt.

Holger Glienke kommentiert diesen Plan Lauterbachs mit leichter Ironie: „Wir freuen uns auf den Gesundheitsminister, wenn er mal beim Urlaub auf Borkum einen Fahrradunfall haben sollte und die Ärzte in der nächsten Uniklinik ruft – hoffentlich hören sie ihn.“

Mit Material von dpa

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