Osnabrück  „Verweichlichte Gleichschaltung“ – Claudia Pechstein rechnet mit „Wokeness-Wächtern“ ab

Claudia Pechstein
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Von Claudia Pechstein
| 13.08.2024 22:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Claudia Pechstein nimmt kein Blatt vor den Mund: In diesem meinungsstarken Essay rechnet die Sportlerin und Polizistin mit der politischen Kultur in Deutschland ab. Foto: Peter Kneffel/ Pixabay
Claudia Pechstein nimmt kein Blatt vor den Mund: In diesem meinungsstarken Essay rechnet die Sportlerin und Polizistin mit der politischen Kultur in Deutschland ab. Foto: Peter Kneffel/ Pixabay
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Wer an Vater und Mutter glaubt, sei homophob; wer Gesetzestreue von Einwanderern erwartet, sei rassistisch – Olympiasiegerin Claudia Pechstein rechnet mit „links-woken Gutmenschen“ ab und kritisiert, „Mehltau“ lege sich über Deutschland.

Als ich die Anfrage bekam, ob ich ein Essay zur Lage in Ostdeutschland schreiben wolle, musste ich mich erst mal schlau machen, was von mir verlangt wird. Hätten Sie es gewusst? Falls ja, können Sie den ersten Absatz überspringen. Falls nicht, ein Essay ist laut Wikipedia eine Abhandlung, die als Sachtext wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Themen betrachtet. Klingt nicht so wirklich spannend. Aber, jetzt kommt‘s: Ein Essay darf trotzdem unterhaltsam, subjektiv und meinungsstark sein. Das ist schon mehr nach meinem Geschmack. Also versuche ich es mal. 

„Wie steht es um Ostdeutschland?“ Die Frage ist vorgegeben. „Besser als um Westdeutschland. Jedenfalls dann, wenn es um Meinungsstärke geht!“ So lautet meine Antwort beziehungsweise These, die man laut Essay-Handbuch vorneweg stellt. Im darauffolgenden Hauptteil wird das Thema ausgeführt, die persönliche Meinung dargelegt und mit Beispielen sowie Belegen untermauert. Na, dazu kann ich Ihnen eine ganze Menge erzählen. Nicht erst seit meiner Rede auf dem CDU-Konvent zum neuen Grundsatzprogramm im Juni 2023 in Berlin. Ich werde schon seit Jahren nicht müde, zu sagen: Wahrheiten will in diesem Land niemand hören. 

Das ist adressiert an all‘ jene, die, die in ihrer finanziell sorgenfreien Wokenessblase leben und uns diktieren wollen, was wir zu tun und zu lassen haben. Uns, damit meine ich die schweigende Mehrheit in Deutschland. Diejenigen, die in Familien mit Vater, Mutter, Kind leben. Die im Sommer gerne Bratwürste und Steaks auf den Grill legen. Die in Partylaune nach „Atemlos“ von Helene Fischer tanzen. Die im Benziner an die Ostsee in den Urlaub fahren. Die Gendern für einen schweren Sprachunfall halten. Und diejenigen, für die es selbstverständlich ist, dass auch Asylsuchende sich an unsere Gesetze und Gewohnheiten halten müssen. 

Für die schweigende Mehrheit ist das gelebter Alltag. Für manche links-woke Gutmenschen ist es dagegen „Deutschland einig Arschlochland“. Und ich gehöre zu diesem Arschlochland selbstverständlich dazu, wie taz.de mir nach meiner Rede in Berlin bescheinigt hat. 

LGBTQ-feindlich, intolerant, homophob, rassistisch. Erstaunlich, welche Meriten man sich in weniger als 400 Sekunden Redezeit bei der CDU verdienen kann. Was ich gesagt habe? Bitte sehr: „Meine Eltern haben mich und meine Geschwister mit viel Liebe zu anständigen Menschen erzogen. Eine intakte Familie ist auch Idealbild von drei Viertel der Deutschen. In den Shell-Studien über die Zukunftswünsche unserer Kinder stehen gute Freunde und Familie ganz weit oben. Gerade wegen aller Probleme um sie herum: Die Kinder hierzulande wollen neben einem guten Job eine heile Familie, die traditionelle Familie. Sie wollen Mama und Papa.“ Achtung! Ganz böse, ganz homophob. Intolerant und LGBTQ-feindlich. 

Sie hätten auch gern den Rassismusbeleg? Bitte sehr: „Wenn Menschen zu uns kommen und Asyl beantragen, und ein Richter nach Prüfung aller Fakten zu dem Schluss kommt, dass der Antragsteller kein Recht hat, hier zu leben, dann versteht niemand, dass diese Menschen einfach hierbleiben dürfen.“ Und weiter: „Allein die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen zu können, ohne ängstliche Blicke nach links oder rechts werfen zu müssen, gehört zum Beispiel zu den Alltagsproblemen, die viele, besonders ältere Menschen und auch Frauen, belasten.“ Achtung! Ganz böse. Sie wissen schon: ganz rassistisch.

Übrigens: Vier Monate nach meiner Rede kündigte ein gewisser Olaf Scholz in einem Interview mit dem „Spiegel“ an: „Wir müssen endlich im großen Stil diejenigen abschieben, die kein Recht haben, in Deutschland zu bleiben.“ Wenn der Kanzler es mit deiner „rassistischen“ Forderung auf das Cover des „Spiegel“ schafft. Genau mein Humor. 

Ich sage es ganz deutlich: Von dieser Art der Ausgewogenheit haben die Leute die Schnauze voll. Besonders die in Ostdeutschland. Dort, wo jahrzehntelang Meinungsfreiheit unterdrückt wurde, ist eine neue Mentalität erwachsen. Rebellisch und meinungsstark. Hier gibt es keine tief verwurzelten und mancherorts quasi familiär vererbten Stammwählerschaften wie in einigen Alt-Bundesländern. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Unterschied einmal so krass sichtbar werden würde.

Denn ich bin wohl eine der wenigen Ausnahmen, für die die Wende im ersten Moment nichts Außergewöhnliches war. Ich habe mich am Abend des 9. Novembers 1989 früh schlafen gelegt. Wie immer, wenn ich wusste, dass am nächsten Morgen ein anstrengendes Training auf dem Programm stand. „Und deshalb weckst du mich jetzt?“, habe ich meiner Mutter zugeraunt, als sie mich aus meinen Träumen riss, um mir mitzuteilen, dass die Mauer auf und ganz Berlin auf den Beinen ist. 

Erst als ich Stunden später in der wie leergefegten Trainingshalle in Berlin-Hohenschönhausen stand, wurde mir klar, welche Bedeutung die Grenzöffnung für meine Landsleute hatte. Im Gegensatz zu vielen von ihnen hatte ich dieses Gefühl, jahrzehntelang eingesperrt gewesen zu sein, nie wirklich kennengelernt. Erstens war ich anno 1989 dafür zu jung und zweitens durfte ich schon damals zu sportlichen Wettkämpfen ins „kapitalistische Ausland“ reisen. Nun also auch nach West-Berlin.

Deutschland gehört und wächst zusammen. Für mich war das irgendwie logisch. Deshalb habe ich mich auch immer gegen das typische Ost-West-Gerede verwehrt. Ein Land ohne trennende Grenze. Eine Nation. Eine Sprache. Das klingt für mich nach Einheit. Doch fast 35 Jahre später werden einige Unterschiede leider größer denn kleiner.

Wer, wie ich, im Osten sozialisiert wurde, der weiß, was es heißt, wenn Meinung unterdrückt wird. Ich wurde als Teenie von ganz oben genötigt, eine Brieffreundschaft in den Westen zu beenden: „Du schreibst jetzt das auf, was ich dir sage, ansonsten kann es passieren, dass du nicht mehr lange mit deinen Kollegen übers Eis rutschen darfst.“ Da ballen sie als 15-Jährige zwar vor Wut die Faust in der Tasche, spitzen dann aber trotzdem den Stift. Die Stasi „besuchte“ uns sogar zuhause, um zu überprüfen, ob man mich auf Medaillenjagd in den Westen schickt konnte, oder ob meine Eltern eher einen potenziellen Republikflüchtling heranziehen würden. 

Im Jahr 2024 kommt niemand mehr in lächerlichen grauen Mänteln, um dich einzuschüchtern. Das übernehmen stattdessen die öffentlichen Wokeness-Wächter. Wer die traditionelle Familie präferiert, ist homophob. Wer von den Gästen unseres Landes als Bleibevoraussetzung einfordert, sich an Recht und Ordnung zu halten, ist rassistisch. Nein, ist er nicht. 

Das Meinungsdiktat einer zugegeben sehr lautstarken Minderheit verliert an Wirkung. Zumindest dann, wenn man den Wahlumfragen im Osten Glauben schenken darf. Den im Bund regierenden Ampelparteien droht bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg ein Desaster. Die Menschen dort haben ein ganz feines Empfinden dafür, dass sich die gewollt verweichlichte Gleichschaltung in Schule, Beruf und Sport wie Mehltau über dieses Land legt.

Keine Noten in der Schule, keine Hausaufgaben mehr. Homeoffice im Job: Ist das noch Arbeit oder schon Freizeitgestaltung? Mehr Bürgergeld als Lohn. Keine Bundesjugendspiele, keine Tore, keine Sieger im Jugendfußball. Medaillenabsturz bei Olympia. Übertreibung macht anschaulich. Sie kennen den Spruch, oder? Natürlich ist das hier zugespitzt. Aber auch nicht frei erfunden. Und das ist die schlimmste Erkenntnis von allen.

 „Leistung muss sich wieder lohnen“, dieser Leitsatz von Alt-Kanzler Helmut Kohl hat mich einst für die CDU begeistert. Er ist zeitlos. Leistung muss sich immer lohnen. Alles andere ist ein falsches Signal. Ich bin mir sicher, die schweigende Mehrheit zwischen Dresden, Potsdam und Erfurt sieht das genauso und wird sich an den Wahlurnen meinungsstärker zu Wort melden als es die Ampelpoltiker und ihre Wokeness-Wächter bislang erlebt haben. Womit klar ist, dass die letzte Aufgabe laut Essay-Handbuch erst an den Wahlabenden im September dieses Jahres erfüllt werden kann: Überprüfen sie im Schlussteil, ob ihre Argumente die Eingangsthese bestätigen oder widerlegen...

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