Chef des Klinikums Leer  Holger Glienke – der Beharrliche geht

Petra Herterich Nikola Nording
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Von Petra Herterich und Nikola Nording
| 14.08.2024 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Holger Glienke auf dem Hubschrauberlandeplatz des Klinikums. KKLER steht noch immer für „Kreiskrankenhaus Leer“. Foto: Ortgies
Holger Glienke auf dem Hubschrauberlandeplatz des Klinikums. KKLER steht noch immer für „Kreiskrankenhaus Leer“. Foto: Ortgies
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Holger Glienke war mehr als 20 Jahre Geschäftsführer des Klinikums Leer. In dieser Zeit hat er viel erlebt – und gebaut. Im Interview spricht er über Skandale, Erfolge und wie man eine Klinik in die schwarzen Zahlen bringt.

Leer - Seit mehr als 20 Jahren ist Holger Glienke Geschäftsführer im Klinikum Leer. An diesem Mittwoch wird er offiziell verabschiedet. Diese Zeitung hat sich vorab mit ihm darüber unterhalten, wie er die vergangenen Jahre erlebt hat und welche Entwicklung sein Krankenhaus gemacht hat.

Herr Glienke, als Sie vor rund 21 Jahren ans Leeraner Klinikum – damals noch Kreiskrankenhaus – kamen, war das Haus gerade bundesweit in den Schlagzeilen: Nach einer Operation war im Bauch eines Patienten ein OP-Tuch vergessen worden, der Mann starb an den Folgen. 2003 wurde die Geschichte bekannt – zwei Wochen, nachdem zwei Frauen bei der Operation verwechselt worden waren: Der einen sollte ein Leistenbruch operiert werden, der anderen Fett abgesaugt werden. Im OP wurde dann der ersten Frau Fett abgesaugt, obwohl sie nur einen Leistenbruch hatte, der dann auch noch operiert wurde. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Amtshandlung als Geschäftsführer?

Glienke: Oh, ja. Meine Mutter fragte damals sogar: „Ist das die Klinik, in der du anfangen willst?“ Eine meiner ersten Amtshandlungen war dann die Entlassung dieses Chefarztes.

Jahre später hatten Sie es am Klinikum mit einer Serie fehlerhafter Bandscheibenimplantate zu tun. Der Leiter der Wirbelsäulenchirurgie, Dr. Hamid Afshar-Möller, wurde deswegen von Ihnen entlassen und es kamen Fälle von Bestechung und Bestechlichkeit ans Licht.

Glienke: Das war auch für mich eine schwierige Zeit. Wir haben damals hier im Haus viele Dinge aufgedeckt, die der Chefarzt unrechtmäßig und ohne Absprache und Genehmigung getan hatte, und haben das auch den Behörden gemeldet. Dass der Prozess sehr langwierig und ohne nennenswertes Ergebnis ausging, lässt einen schon am deutschen Strafrecht in dieser Sache zweifeln.

Sie haben für das Klinikum viel auf den Weg gebracht – neue Stationen, An-, Um- und Neubauten. Was ist für Sie schlimmer: Bauverordnung oder Krankenhausreform?

Glienke: Bauverordnungen müssen, so wirr wie sie sind, immer irgendwie gebraucht und umgesetzt werden. Auch wenn sich dadurch alles in die Länge zieht und dann nur noch mehr Geld kostet. Von Fluchtwegen und Brandabschnitten bis zur Anzahl von WCs ist vieles vorgeschrieben. Rund um das Thema Krankenhausreform ist eine Überprüfungs- und Regulierungswut entstanden – da kommt man bald nicht mehr hinterher. Es kann mir keiner erzählen, dass die normalen Abgeordneten, die von der Fachmaterie wenig Kenntnis haben, überhaupt begreifen können, worüber sie da entscheiden. Was da an Gesetzesvorlagen mit jeweils 150 Seiten Anhang vom Gesundheitsminister vorgelegt wird, das macht mich zum Teil schon wütend.

Holger Glienke hat auch mit seinem langjährigen Wegbegleiter Dr. Jürgen Wietoska (links) einiges erlebt. Foto: Ortgies/Archiv
Holger Glienke hat auch mit seinem langjährigen Wegbegleiter Dr. Jürgen Wietoska (links) einiges erlebt. Foto: Ortgies/Archiv

Bauverordnung und Krankenhausreform haben Sie also durchaus genervt – wie steht es mit Gewerkschaften, dem Thema Mitbestimmung?

Glienke: Mitbestimmung ist gut, die muss sein, steht ja auch im Betriebsverfassungsgesetz. Ob es dafür Gewerkschaften braucht? Ich brauch die nicht. Ich denke, die sind überflüssig. Mitbestimmung für Mitarbeiter ist wichtig, aber man darf dabei nicht zu ideologisch sein und sollte nicht die betrieblichen Erfordernisse ausblenden. Ich bin immer dafür, sich zusammen und sachlich zu einigen. Meine Tür stand immer für jeden Mitarbeiter offen und jeder wusste, woran er mit mir ist. Was ich versprochen habe, habe ich auch gehalten.

Es heißt immer wieder, dass die gute Bilanz für das Klinikum Leer – im Gegensatz zu den roten Zahlen anderer Krankenhäuser in Ostfriesland – , auch auf Kosten des Personalschlüssels zustande komme...

Glienke: Das ist eine steile These von Leuten, die wenig von Krankenhausleitung verstehen. Mehr Personal bedeutet nicht automatisch eine bessere Versorgung der Patienten. Zudem haben wir als Klinikum noch andere Einnahmen: Wir laufen zum Beispiel in Richtung drei Millionen Euro, die wir nur durch Mieterlöse erzielen. Wir haben Einnahmen aus Wahlleistungen, die rund zwei Millionen Euro ausmachen. Das sind zusammen fünf Millionen Euro, die man investieren kann, auch in die Ausstattung des Hauses und gute Arbeitsbedingungen. Neue Mitarbeiter, die von außerhalb kommen, staunen immer, wie gut wir hier aufgestellt sind. Wir sind ein kommunales Haus, insofern müssen wir auch alle Zahlen und Daten öffentlich machen.

Sind die Patienten auch zufrieden oder wird ein Mangel an Betreuung beklagt?

Glienke: Wir haben seit zehn Jahren ein detailliertes Beschwerdemanagement für alle Fachbereiche. Da werden in 20 Fragen jeweils Lob und Tadel abgefragt. Dass bei 20.000 stationären und 65.000 ambulanten Patientenkontakten pro Jahr und bei 1400 Mitarbeitern auch mal Missverständnisse entstehen, gibt es wohl überall. Und dass die Wartezeit immer wieder als zu lange wahrgenommen wird, ist auch verständlich. Aber wir müssen unsere Personalressourcen auf 24 Stunden verteilen. Es gibt Tage, da ist am Abend um 22 Uhr in der Notaufnahme nichts los, und an anderen sitzen da zehn Patienten. Und das man warten muss, wenn ein Notfall dazwischen kommt, verstehen die meisten Menschen. Natürlich könnte alles optimal sein, aber optimal gibt es nicht.

In Holger Glienkes Zeit als Geschäftsführer hat sich das Klinikum stark weiterentwickelt. Foto: Ortgies
In Holger Glienkes Zeit als Geschäftsführer hat sich das Klinikum stark weiterentwickelt. Foto: Ortgies

Der Andrang in den Notaufnahmen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Woran liegt das?

Glienke:Das geht ja allen Krankenhäusern so. Die ambulante Notfallversorgung wurde immer weiter eingedampft und die Aufgaben wurden an die Krankenhäuser gegeben. Auf uns wird geschimpft, aber wir haben – wie viele andere – Versorgungsbereiche vor allem am Wochenende mitübernommen. Zum Beispiel gibt es keine spezielle ambulante Notfallversorgung für Kinder in unserem Einzugsgebiet. Die besorgten Eltern kommen dann natürlich alle in die Notaufnahme. Früher hatten wir im Landkreis Leer sehr viele einzelne Notdienstzirkel. Jetzt gibt es nur noch die ambulante Notfallpraxis, die auch nur stundenweise besetzt ist und einen Fahrdienst.

Stört es Sie, dass so viel und oft über die medizinische Versorgung gemeckert wird?

Glienke Man hört es immer wieder. Da muss man sich schon stets aufs Neue zwingen, wieder zuzuhören. Das wird, zugegeben, schwieriger, je älter man wird. Aber ich habe auch ein dickes Fell. Und ich habe eine ganz gute, offene Art auf die Menschen zuzugehen.

Ihr dickes Fell ist durchaus ein Charakterzug. Sie legen sich schon auch gerne mal mit der Politik vor Ort an, aber auch mit Ministern oder anderen Kliniken. Stichwort Neurologie, deren geplante Einrichtung in Leer ja derzeit auch juristisch verhandelt wird.

Glienke: Also, jeder kämpft doch für sein Haus und die beste Gesundheitsversorgung vor Ort. Ich streite nicht für mich, sondern für das Klinikum Leer und die Patienten. Der Landkreis Leer hat sehr wenig Betten gehabt, als ich vor rund 20 Jahren hier angefangen habe. Damals lag in der Republik der Durchschnitt bei mindestens 65 Betten je 10.000 Einwohner. Da hätte also der Landkreis rund 1100 Betten haben müssen – er hatte gerade mal knapp die Hälfte. Der Landkreis war also schlichtweg unterversorgt. Da muss dann schon mal auf sich aufmerksam machen. Wir haben dann Stück für Stück Wirbelsäulenchirurgie, Gefäßchirurgie, Geriatrie und Psychosomatik auf den Weg gebracht. Das waren Fachbereiche, die hier gar nicht vorhanden waren. Jetzt kommen noch Neurologie und Psychiatrie. Mit den Häusern in Weener und auf Borkum hat das Klinikum jetzt 475 Betten, mit dem Borromäus-Hospital zusammen etwa so 700 Betten. Wenn Neurologie und Psychiatrie fertig sind, dann so 800 bis 850 Betten. Dann sind wir bei 45 Betten pro 10.000 Einwohner und die Bevölkerung hat alle Fachbereiche vor Ort zur Auswahl.

Seine Nachfolgerin steht schon fest: Auf Holger Glienke (links) wird im September Daniela Kamp folgen. Aufsichtsratsvorsitzender Matthias Groote gratulierte. Foto: Klinikum
Seine Nachfolgerin steht schon fest: Auf Holger Glienke (links) wird im September Daniela Kamp folgen. Aufsichtsratsvorsitzender Matthias Groote gratulierte. Foto: Klinikum

Also ist es nur ein guter Kampfgeist?

Glienke: Die Minister kommen ja alle noch zu uns, um zu sehen, was sich hier entwickelt. Gremien wie die Krankenkassen oder die Politik neigen auch dazu, Dinge einfach auszusitzen. Wenn man sich da nicht immer wieder in Stellung bringt, fällt man schnell hinten runter. Ich würde sagen, es ist eher Beharrlichkeit, die mir da zugutekommt – eine gewisse Ausdauer in der Sache. Meine Schwäche ist aber Ungeduld. Ich kann schon ungehalten werden, wenn jemand auf der Leitung steht.

Trotzdem hat die Politik eine Entscheidung gefällt – für eine Zentralklinik in Ostfriesland. Wie finden Sie diese Entscheidung?

Glienke: Naja, ich verfolge das mit Interesse. Es wird sicher erstmal gebaut. Aber es muss auch das nötige Personal für alle Fachbereiche gefunden werden. Wir haben jetzt auch schon Probleme, Ärzte zu überzeugen zu uns kommen – und deren Familien muss man dann ja auch noch für Ostfriesland begeistern. Alle Stellen in einer solchen Zentralklinik zu besetzen, wird sicher nicht einfach.

Sie fürchten also nicht, dass dem Klinikum Leer Patienten abhanden kommen?

Glienke: Ganz im Gegenteil. Ich denke eher, das Klinikum Leer wird davon profitieren, weil aus den ganzen Randbereichen von Emden und Aurich die Bevölkerung eher hier nach Leer oder auch nach Westerstede gehen wird. Wir werden eher ein Einzugsgebiet mit rund 30.000 Menschen dazugewinnen. Deshalb haben wir beim Land auch schon mehr Betten für die Zukunft beantragt.

Sie planen für die Zeit, in der Sie selbst nicht mehr Geschäftsführer des Klinikums sind. Sind Sie sicher, dass Sie nach mehr als 20 Jahren an der Spitze des Hauses so einfach loslassen können?

Glienke: Ja, absolut. Ich lasse für das Klinikum Perspektiven zurück. Mir persönlich hilft es sicherlich, dass ich nicht mehr vor Ort wohne. Das schafft allein schon räumlich Abstand. Ansonsten würde es mir sicher schwerer fallen, loszulassen. Ich komme ja auch noch zwei Tage pro Monat ans Haus zurück, um das jetzt laufende Bauprojekt zu beenden. Ich bin also eine Art Teilzeit-Rentner. Aber ich werde meiner Nachfolgerin ganz sicher nicht ungefragt Ratschläge geben und mich in mein altes Büro verirren.

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